marxismus konkret: Börsenboom - Werden wir alle Kapitalisten?

Die Rot/Grüne Regierung und die Bosse sind sich einig: Deutschland soll zur "Teilhabegesellschaft" werden. Die ("Mit"-)Arbeiter sollen mit Aktienoptionen am Gewinn der Unternehmen beteiligt werden.

Auf diese Weise könnte jeder über die Geschicke der Wirtschaft mitentscheiden und von dem Boom profitieren. Jeder Arbeiter soll ein kleiner Unternehmer und reich werden.

Angesichts der permanent steigenden Börsenkurse, besonders in der "Neuen Wirtschaft", der Hi-Tech- und Internetbranche, scheint Aktienbesitz ein verlockendes Angebot zu sein. Immer mehr Studenten, Angestellte und auch Arbeiter steigen an der Börse ein über fünf Millionen Deutsche besitzen Aktien.

Aber Arbeiter werden durch die Börse nicht reich. Während die Strippenzieher der Fusionen und Bosse als Insider unmittelbar profitieren, gehen die Kleinanleger meist leer aus, wie beim Börsengang von Infineon.

Die BILD hatte dieses eine Mal recht: "Die Bosse stopfen sich die Tasche voll."

Arbeiter haben nicht genug Kohle, um richtig einsteigen und kassieren zu können. Für sie sind Aktien eine manchmal profitablere, aber auch riskantere Form des Sparbuches.

Ein Arbeiter, der t-online-Aktien im Umfang von 1.000 DM erwirbt und sie rasch mit einem Gewinn von etwa 20% abstößt, hat einmalig 200 DM gewonnen. Das ist nicht schlecht zur Aufbesserung der Urlaubskasse aber eben auch nicht mehr.

Der Arbeiter wird dadurch nicht zu einem Kapitalisten. Er wird auch in Zukunft darauf angewiesen sein, seine Arbeitskraft zu verkaufen.

Demokratie

Auch wenn noch so viele Arbeiter Aktien kaufen oder statt Lohn von ihrem Betrieb bekommen und zu "Teilhabern" werden, macht das den Kapitalismus nicht plötzlich demokratisch.

Im Gegenteil, je mehr Aktien eines Unternehmens auf verschiedene Kleinanleger verteilt sind, desto besser können es einzelne Großanleger kontrollieren. So kontrollierte die Deutsche Bank den Daimler-Konzern, vor der Fusion mit Chrysler, mit einem Anteil von nur 28%.

Obwohl die Allianz nur knapp 22% der Dresdner Bank besaß, konnte sie die Bedingungen der Fusion mit der Deutschen Bank diktieren. Immer weniger Geldmagnaten beherrschen immer größere Teile der Industrie die Kleinanleger haben nichts zu sagen.

Die Bosse und Konzerne freuen sich über das sich ausbreitende Aktienfieber. Auch ihre Aktienbestände steigen im Wert, wenn Millionen von Kleinanleger ihr Geld an die Börse tragen Kleinvieh macht auch Mist.

Vor allem können die Multis ihre weniger profitablen Bereiche ausgliedern und mit hohen Gewinnen an der Börse verscherbeln vorausgesetzt es gelingt ihnen, sie als "Neue Technologie" darzustellen. Genau das ist bei Infineon und t-online geschehen.

Tatsächlich machen die meisten dieser Firmen keine einzige Mark Gewinn. Und während die kleinen Leute sich auf diese Aktien stürzen, sehen sich die cleversten Großanleger bereits nach sichereren Anlageformen um.

Am Schluß werden die Kleinanleger auf wertlosen Aktien sitzenbleiben.

Klassen

Wenn Schröder und seine Politiker der Neuen Mitte von der "Teilhabegesellschaft" sprechen, ergänzen die Bosse "ohne Tarifvertrag". Sie wollen eine neue Form der betrieblichen Mitbestimmung.

Anstatt wie bisher eine Arbeitnehmervertretung wie Betriebsräte, die speziell die Interessen der Arbeiter als Lohnempfänger vertreten, wünschen sich die Bosse Aktionäre, die Kapitalinteressen vertreten.

Wenn auch für die Arbeiter der Anstieg des Aktienkurses das höchste Ziel wäre, müßten sie Entlassungen, Lohnkürzungen, verlängerte Arbeitszeiten und schlechtere Arbeitsbedingungen akzeptieren.

Mehr noch: Wenn die Arbeiter keine Arbeitnehmerinteressen mehr vertreten, dann brauchen sie auch keine Organisationen mehr, mit denen sie die Waffen der Arbeitnehmer, also Streik und Besetzung, einsetzen können. Statt Gewerkschaften bräuchten sie einen Aktionärsverein.

Davon würden aber nur die Bosse profitieren. Verliert zum Beispiel ein Angestellter der Dresdner Bank seinen Arbeitsplatz aufgrund der Fusion mit der Deutschen Bank, dann mögen die paar Aktien in seiner Hand ein paar Hundert oder gar Tausend Mark im Wert steigen. Als Arbeitsloser nützt ihm das nur sehr wenig.

Der Klassenwiderspruch bleibt bestehen.


von Frank Renken




Linksruck Nr. 85, 1. Januar 1970





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