New Economy alte Probleme

Zu Beginn des neuen Jahrtausends lag für die Kapitalisten Panik in der Luft: Das Zugpferd der Weltwirtschaft, die USA, waren nach fast zehn Jahren ungebrochenem Wirtschaftsboom in eine Krise geraten. Motor des Booms und auch dieser Krise ist die so viel gepriesene New Economy.

In den 90ern waren Computer und Zukunftstechnologien der Antrieb der US-amerikanischen Wirtschaftsexpansion und das Zentrum des neuen Wirtschaftswunders. Leithammel dieser Wirtschaft war der Technologieindex Nasdaq, der gegenüber anderen Aktien fatal überbewertet wurde. Letzten März war er noch über 5000 geklettert. Neun Monate später, zu Jahresbeginn, musste er darum kämpfen, die 2500-Marke zu halten. Bis zum 3. Januar war er unter 2300 gesunken, also 55 Prozent Verlust, mit anhaltend fallender Tendenz. "Der Nasdaq-Bestie wird der Bauch aufgeschlitzt", so ein Kommentator.

Das Steigen und Fallen des Nasdaq ist Ausdruck des Vertrauens der Anleger in die Unternehmen der New Economy. Sein Fallen bedeutet, dass die Anleger ihr Vertrauen verloren haben. Dies hat auch einen guten Grund. Sämtliches Vermögen der neuen Unternehmen beruht nämlich nicht auf realen Profiten, sondern auf dem Wert ihrer Aktien.

So lange die Anleger Vertrauen hatten, stieg der Wert dieser Unternehmen. Als sich ihre Aktien noch im Aufwind befanden, besaßen die Firmen Milliarden über Milliarden an Vermögenswerten auf dem Papier.

Doch was Dienstleistungen angeht, haben Firmen wie Amazon immer nur Verluste gemacht. Um ihre Arbeiter bezahlen zu können und um neue Investitionen tätigen zu können, mussten diese Firmen Kredite bei Banken aufnehmen.

Xerox beispielsweise, ein Gigant der amerikanischen Firmenwelt, sicherte sich auf diese Weise Kredite, die sich auf 7 Milliarden steigerten. Nachdem sie den letzten Pfennig ausgegeben haben, hat das Management in seiner Verzweiflung beschlossen, bei den Arbeitern zu sparen. Sie sollen die Suppe jetzt auslöffeln.

Pleite

Jetzt wo das Vertrauen der Anleger verloren ist und immer mehr Kurse einbrechen, hat die Gefahr, die Firmen könnten die Schulden nicht mehr zurückzahlen, reale Gestalt angenommen.

Die einstürzenden Aktienkurse enthüllen einen stetig wachsenden Schuldenberg. Diese Schulden, bedrohen ihrerseits die Stabilität des Bankensystems. Im Dezember veröffentlichten die zweit- und die fünftgrößten Banken der USA Gewinnwarnungen. Plötzlich waren sie sich unsicher, ob sie die Anleihen, die sie an US-Unternehmen vergeben hatten, wieder eintreiben könnten.

Einige Tage später ging ein Gerücht durch Investment-Kreise, die größte Bank des Landes, Bank of America Corp., sei in ernsthaften Schwierigkeiten durch geplatzte Kreditrückzahlungen der kalifornischen Stromversorger, die am Rande des Bankrotts stehen. Die Bank leugnete, das Gewitter zog vorüber, aber die Probleme blieben. Ein schwacher Aktienmarkt, "selbst wenn von kurzer Dauer, würde eine immens negative Auswirkung auf die Rentabilität der Banken haben", meinte ein Wirtschaftsanalytiker.

Dies alles sind keine Probleme der "new economy", sondern die des alten Kapitalismus. Computer, Software, High-Tech, alle Maschinen des Informationszeitalters können eine Zeit lang im Mittelpunkt stehen. Doch am Ende muss eine Wirtschaft doch die Waren produzieren, die die Leute brauchen: Essen, Kleidung und Schutz. Die Wirtschaft begründet sich heute wie gestern auf ihrer Fähigkeit, Waren zu produzieren, die wir brauchen.

Doch die Statistik der amerikanischen Gesellschaft für Verkaufsmanagement wies gerade jetzt die Produktionszahlen von Gebrauchsgütern als die niedrigsten seit 1991 aus, dem Ende der letzten US-Rezession.

Überproduktion

Die new economy zeigt alle Symptome, die einst die alte Wirtschaft plagten. Sie expandiert gerade dort, wo Spekulation und Investition in schwindelerregende Höhen steigen. Doch weder Spekulation noch Investitionen sind zielgerichtet, sondern von gieriger Abzockerei, nicht von Bedürfnissen der Leute bestimmt. Das führt unvermeidlich zur Überproduktion. Unverkäufliche Waren stapeln sich, Schulden werden nicht zurückgezahlt, Anleihen gestundet, und das ganze System geht zugrunde. So sieht es heute aus. So bleibt in der Automobilbranche General Motors, der weltgrößte Hersteller, auf 500.000 Fahrzeugen sitzen, die sich nicht verkaufen lassen.

Wir kennen die exakten Auswirkungen dieser Probleme auf das System noch nicht. Doch schon jetzt ist klar, dass in Zeiten der Globalisierung die Krise der USA auch an Europa nicht spurlos vorbei ziehen wird.

In England haben die Unternehmen bereits mit ersten Entlassungen auf die Krise reagiert.

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Lage in Deutschland entwickelt.




Linksruck Nr. 102, 1. Januar 1970





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