Der Irrsinn der Marktwirtschaft

Bilanzfälschung und Börsenkrise:

Die Bilanzfälschungen der US-Konzerne WorldCom und Enron schockieren die ganze Welt. Schuld sind nicht nur gierige Manager die Markwirtschaft hat als Ganzes versagt.

Es war der größte Wirtschaftsbetrug der Geschichte. Der weltweit größte Anbieter von Breitbandverbindungen fürs Internet WorldCom, gab zu, eine Lücke von 4 Milliarden Euro in seinen Büchern zu haben. Die Firma hatte ihre Bilanzen gefälscht, um profitabler zu erscheinen als sie ist. Diese Entdeckung ließ die Aktienbörsen auf der ganzen Welt einbrechen.

Die WorldCom-Aktie fiel von 60 auf unter 2 US-Dollar. Als nächstes gestand der riesige Fotokopier- und Druckmaschinenhersteller Xerox, seine Gewinne um 2 Milliarden Euro zu hoch angegeben zu haben. Diese Unternehmen sind nicht die einzigen, die ihre Bilanzen geschönt haben.

Der US-Energiekonzern Enron wurde letztes Jahr überführt, seine Gewinne beschönigt und 9 Milliarden Euro Schulden verborgen zu haben. Andere Unternehmen denen Bilanzfälschungen nachgewiesen wurde, sind Global Crossing, Adelphia Communications, Dynegy und Tyco International. Gegen sie alle laufen Ermittlungen wegen "Unregelmäßigkeiten" in der Buchführung.

Unternehmen in den ganzen USA haben über ihre Gewinne gelogen. Die angegebenen Gewinne sind etwa 50 Prozent höher als die tatsächlichen. Diese Lügen hatten eine enorme Wirkung auf die US-Wirtschaft. Sie unterstützten den Aufschwung der 90er, während Konkurrenten aus Japan in der Krise versanken. Die Lügen halfen der US-Wirtschaft, den Zusammenbruch des Long Term Capital Management Hedge Fonds zu verkraften und die Krise zu überwinden, von der Südostasien 1997/ 98 betroffen war. Die US-Börsen stiegen weiter.

Die Gewinne der Aktionäre und Spekulanten wuchsen scheinbar endlos an. Wirtschaftswissenschaftler sagten unbegrenzten Wachstums voraus. Die Financial Times schrieb vor vier Monaten: "Die US-Wirtschaft wuchs während der letzten Monate des Jahres 2001 sehr viel beeindruckender als erwartet. Die Rezession des letzten Jahres könnte vorbei sein, bevor sie angefangen hat."

WorldCom hat gezeigt, dass die hohen Profite und das Wachstum erschwindelt waren. Die Profitraten in den USA haben tatsächlich noch nicht einmal das niedrige Niveau der 70er Jahre erreicht. Das könnte bedeuten, dass die USA nach kurzer Erholung wieder in eine Krise abrutschen, welche die ganze Welt betreffen würde.

Zur Zeit wird die US-Wirtschaft noch vom Konsum der privaten Haushalte und von den riesigen Rüstungsausgaben der Regierung getragen. Doch diese Ausgaben können nicht ewig hoch bleiben. Die durchschnittliche Verschuldung der Privathaushalte in den USA liegt 45 Prozent über dem verfügbaren Einkommens.

"Die Gefahr besteht, dass Investoren und Konsumenten davonlaufen und dabei die Wirtschaft und den Dollar mit nach unten reißen", warnte die US-Zeitung Business Week.

Deshalb erklärte US-Präsident Bush letzte Woche: "Die amerikanische Geschäftswelt muss begreifen, dass sie eine höhere Berufung hat, als zu versuchen, die Zahlen zu manipulieren und sich in der Hoffnung, dass es niemand merkt, mal hier, mal da eine Milliarde in die eigene Tasche zu schustern." Er behauptete, die Krise sei nur von einzelnen Unternehmern verursacht worden. Auch der Spiegel sprach vom "US-Raubtierkapitalismus", geprägt durch Gier und Größenwahn.

Doch das Problem sind nicht einzelne böse Kapitalisten. Die grundsätzliche Funktionsweise des Kapitalismus bringt immer wieder Krisen hervor. Unternehmen stürzen sich immer auf die neuesten Investitionsmöglichkeiten, die hohe Profite versprechen. In den vergangenen Jahren ist das die Telekommunikationsbranche gewesen.

Die Firmen erhöhen dann die Produktion in der Hoffnung auf mehr Profite, und jede versucht, ihre Konkurrenten zu schlagen. Die Aktienpreise steigen, weil man zukünftige Gewinne erwartet. Und diese aufgeblähten Preise ermöglichen es den Unternehmen, hohe Schulden aufzunehmen, um ihre Produktion noch weiter zu erhöhen.

Aber solche Spekulationsblasen führen zur Überproduktion. Im Falle der Telekommunikation überschätzten die Unternehmen gewaltig, wie viele Internet und mobile Telefonkapazitäten gebraucht würden. So investierten deutsche Konzerne über 50 Milliarden Euro in Lizenzen für das Handynetz UMTS die noch keinen Cent Profit gebracht haben. In den USA lag die Kapazitätsauslastung im Sommer letzten Jahres bei 77 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit acht Jahren.

Der Aufschwung kann plötzlich zum Abschwung werden. Firmen die während der guten Zeiten Geld geliehen haben, für das sie ihre erwarteten hohen Gewinne als Sicherheit gegeben hatten, stehen plötzlich vor Schuldenbergen. Eine Pleitewelle rollt an, die ganze Branchen kaputtmacht.

Genau das passierte während der "Großen Depression" der 30er Jahre. Die Probleme waren die selben: Eine massive Überproduktionskrise war durch einen unglaublichen Börsenboom überdeckt worden. Die Blase platzte, weil ein Hersteller von Spielautomaten, seine Pleite verkündete. Die Spekulanten begannen, die Überproduktionskrise ernst zu nehmen Panik brach aus. Die Aktien von allen Unternehmen, die von der Pleite mitgerissen werden konnten, wurden verkauft.

Kapitalisten die Aktien dieser Unternehmen besaßen, verloren den größten Teil ihres Geldes. Der Tiefpunkt war der 29. Oktober 1929. In einer Massenpanik unter den Aktionären wurden an einem Tag 16.000.000 Aktien verkauft. Die Preise stürzten ab der wichtigste Aktienindex fiel um 50 Prozent. Milliarden wurden in Minuten vernichtet.

Alle Unternehmen die nur noch durch den Wert ihrer Aktien am Leben erhalten wurden, gingen pleite. Wer Schulden aufgenommen hatte, um Aktien zu kaufen, konnte nichts mehr zurückzahlen. Davon waren wiederum die Banken betroffen. Nach dem Crash waren 5.000 regionale und vier der größten Banken der USA pleite.

Die Banken versuchten, so viele Kredite wie möglich wiederzubekommen. Dadurch gingen noch mehr Unternehmen pleite.

Schon vorher waren die Fabriken bei weitem nicht ausgelastet aber zwischen 1929 und 31 fiel die industrielle Produktion noch mal um 28 Prozent. Über die Banken verbreitete sich die Krise auf die ganze Welt. Als die US-Banken auch ihr verliehenes Geld aus Europa zurückholten, brach auch da die Krise aus und entwickelte sich zur Weltwirtschaftskrise.

In vielen Ländern ist eine Krise wie damals bereits ausgebrochen, zum Beispiel in Argentinien. Die Wirtschaftstätigkeit des Landes ist in den ersten drei Monaten dieses Jahres um 16 Prozent gefallen. Das ist einer der schärfsten Einbrüche, die ein Industrieland je erlitten hat. In einigen Arbeitervierteln der Hauptstadt Buenos Aires hat die Arbeitslosigkeit 80 Prozent erreicht. In einem Land, das einmal als "Brotkorb der Welt" bekannt war und das eines der größten Pro-Kopf-Verbraucher von Rindfleisch war, hungern jetzt Millionen. Ähnliche Krisen herrschen in der Türkei und in Russland. Die brasilianische Wirtschaft steht vor dem Absturz.

Auch hier ist die Krise deutlich spürbar. Die deutsche Konjunktur ist von der US-Wirtschaft abhängig. Durch Kürzungen von Löhnen und öffentlichen Ausgaben ist die Binnennachfrage gesunken und die Abhängigkeit vom Export größer geworden. Als die US-Wirtschaft im Herbst letzten Jahres einbrach, ging auch die deutsche Wirtschaft in die Rezession. Mittlerweile gibt es ein mickriges Wachstum von 1 Prozent, bei steigender Arbeitslosigkeit.

Niemand kann vorhersagen, wie sich die Krise weiterentwickelt. Es ist jedoch sicher, dass die Bosse alles versuchen werden, um ihre Profite durch Angriffe auf Jobs, Löhne und Sozialsysteme zu sichern und so die Bevölkerung den Preis für die Krise zahlen zu lassen. Das passiert in den USA, wo WorldCom 17.000 Arbeiter, ein Fünftel der Belegschaft, entlässt und die verbliebenen mit Lohnkürzung bedroht. Das passiert in Argentinien, wo die Regierung die Sozialsysteme zerstört, um Kredite an den IWF zurückzuzahlen. Und das passiert bei uns, wo der Unternehmerverband BDI einen Großangriff auf Kündigungsschutz, Flächentarif, Rentenalter, Arbeitslosen- und Sozialhilfe fordert. Es ist ein verrücktes System, in dem Profite wichtiger als Menschen sind.


von Stefan Bornost (E-Mail)




Linksruck Nr. 134, 1. Januar 1970





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