Die missbrauchte Vernunft

Zum 200. Todestag von Immanuel Kant:

Immanuel Kant (1724-1804) wollte eine Philosophie, der Freiheit und des Friedens schaffen. Doch heute missbrauchen Politiker seinen Namen für die Unterdrückung von Menschen.

Als "einen der größten Philosophen", hat Joschka Fischer Kant bezeichnet. Nach eigenen Angaben hat der Außenminister alle seine wichtigen Werke selbst gelesen. Und so benutzte Fischer am 12. Februar Kants 200. Todestag, um in seiner Heimatstadt Kaliningrad in Russland (zu Kants Zeiten in Preußen) symbolisch ein deutsches Konsulat zu eröffnen. Ein Gebäude dafür gibt es nämlich noch nicht.
"Je älter ich werde, desto mehr bin ich zu Kant zurückgekehrt", hat Fischer vor kurzem behauptet. Doch es ist unwahrscheinlich, dass der Philosoph die Politik der heutigen Regierung unterstützen würde. Schließlich wird Kants philosophische Ausrichtung als "Aufklärung" bezeichnet, während Fischer seine Zuhörer neben Kants Grab über die angebliche Friedenspolitik der deutschen und russischen Regierung belog.
Der Philosoph hatte mit seinem Buch "Kritik der praktischen Vernunft" nach Regeln gesucht, die den Menschen freier machen sollten. Aus diesem Werk stammt auch Kants berühmtester Satz, der "kategorische Imperativ": "Handle so, dass die Maxime (Verhaltensregel, die Redaktion) deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte."
Moralisches Handeln bedeutete für den Philosophen, einem "Sittengesetz" zu folgen, welches das Wohl aller Menschen berücksichtigt. Das betrachtete Kant gar als Pflicht jedes Einzelnen, deren Erfüllung ihn jedoch gleichzeitig zu einem selbst Denkenden und damit freien Menschen mache.
Zwar hat der Philosoph seine Ideen nie als politische Leitsätze verstanden. Doch war er sich bewusst, dass Krieg jede Art von Freiheit zerstört. Deshalb forderte Kant 1795 in "Zum ewigen Frieden" eine weltumspannende Friedensgemeinschaft aller Völker. "Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines anderen Staats gewalttätig einmischen", so der Philosoph. Würde Fischer sich daran halten, wäre Afghanistan nicht von deutschen Soldaten besetzt.
Schon Jahre vorher hatte Kant erklärt, dass der Unabhängigkeitskampf der US-Amerikaner 1776 und besonders die französische Revolution 1789 zeigen, dass Menschen zu moralischem Handeln fähig sind. All das schrieb der Philosoph, während der preußische König die Revolution mit einem Krieg niederwerfen wollte, und Preußen nach der Niederlage eine der mächtigsten Armeen Europas für den Erhalt der Monarchien aufbaute.
Während die Könige damals behaupteten, ihre Macht wäre gottgegeben, so missbrauchen heute Politiker oft ausgerechnet die von Kant so geschätzte "Vernunft", um ihre Herrschaft zu rechtfertigen: Kanzler Schröder mahnt die Gewerkschaft IG Metall zur "wirtschaftlichen Vernunft", meint aber einen Tarifabschluss im Interesse der Bosse. Und die gemeinsame Politik mit der CDU für Reiche und Unternehmer hält derselbe Kanzler für eine "Koalition der Vernunft".
Nachdem Fischer an Kants Grab ein Blumengeflecht niedergelegt hatte, ist er nach Moskau geflogen, um den russischen Präsidenten Putin zu treffen. Über dessen diktatorische Macht oder den Krieg gegen die Tschetschenen wollte Fischer aber nicht sprechen.
"Wer sich zum Wurm macht, kann nachher nicht klagen, wenn er mit Füßen getreten wird." Offenbar hat Fischer diesen Spruch von Kant noch nicht gelesen.


Linksruck Nr. 171, 1. Januar 1970





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