marxismus konkret: Sollten wir Vegetarier werden?

Während Bilder von Massentierhaltung, Tiertransporten und Tierversuchen durch die Fernsehröhre flimmern, sollte uns das Essen eigentlich im Halse stecken bleiben. "Verbrauchte" Versuchstiere mit ausgestochenen Augen und verätzter Haut, von Maden durchkrochene Eier und Fleischreste, Hühner in Legebatterien sind der kapitalistische Alltag im Umgang mit Tieren. Ist der Boykott von Fleisch, der richtige Weg den Tieren zu helfen?

Krankheiten, Lähmungen, Kannibalismus, Knochenbrüche und psychische Störungen sind bei den meisten Tieren aus Massentierhaltung keine Besonderheit. Gleichzeitig wird Regenwald für Weideplatz abgeholzt und die weltweit etwa 1,3 Milliarden Rinder stoßen 115 Millionen Tonnen des giftigen Treibhausgases Methan in die Atmosphäre aus.

Die Rückwirkungen auf den Menschen sind schwerwiegend: Da sowohl Schlachtabfälle als auch Exkremente wieder verfüttert werden, breiten sich auf den Menschen übertragbare Krankheiten wie Maul- und Klauenseuche, BSE oder Schweinepest sehr schnell aus. Allein in den USA werden deshalb jährlich 7 Millionen Kilo Antibiotika verfüttert, was wiederum zu erhöhter Resistenz auch bei Menschen führt, die Produkte von diesen Tieren konsumieren. Während Tausende Tiere in Tierversuchen verenden, ist die Übertragung der Ergebnisse auf den Menschen höchst umstritten. Die Conterganaffäre, bei der Tausende Kinder in den 70er Jahren nur verkrüppelt zur Welt kamen, ist das beste Beispiel dafür, daß geglückte Tierversuche noch lange kein Medikament für den Menschen ungefährlich machen.

Kapitalismus

In der Geschichte der Menschheit war Fleische eine grundlegende Nahrungsquelle. Die Menschen hatten aber die meiste Zeit der Geschichte ein ganz direktes Verhältnis zu den Tieren die sie erlegten. Tierquälerei war die Ausnahme und viele Kulturen erhöhten die Tiere sogar zu religiösen Wesen.

Das Verhältnis des Menschen zum Tier heute ist ganz anders. Fleisch ist heute eine kapitalistische Ware, die man fertig kauft. Sie wird in industrieller kapitalistischer Massenfertigung hergestellt. Alles was Geld kostet und dem Profit im Weg steht, wie zum Beispiel angemessener Freiraum für Tiere oder Mindeststandards für Transporte, finden in dieser Produktion keine Beachtung. Der Trend geht sogar ins Gegenteil: Noch engere Käfige, noch intensivere Mästung und noch weniger Geld für die Forschung nach Alternative zu Tierversuchen.

Die Nahrungsmittelmultis nutzen darüber hinaus ihre Monopolstellung um alternative Produkte schnellstmöglich aus dem Supermarktregal zu verdrängen, sei es durch eingeforderte Subventionen oder durch Werbekampagnen.

Auch die Politiker stehen auf Seiten der Konzerne: Obwohl sich in einer ZDF-Videotextumfrage weit über 90 % für einen Gesetzentwurf "Tierschutz ins Grundgesetz" aussprachen, ist zum Beispiel die Neuregelung des Tierschutzgesetzes ein Hohn: Bis 2012 dürfen alle Legebatterien für Hühner bestehen bleiben. Nur neue Battereien müssen mit einer minimalen Verbesserung von wenigen Zentimetern gebaut werden.

Da Tiere sich nicht selbst aus ihrer mißlichen Lage befreien können muß diese Aufgabe der Mensch übernehmen.

Die Verachtende Behandlung von Tieren hängt mit den Prioritätensetzungen dieser Gesellschaft zusammen. Die gesamte Nahrungsmittelproduktion ist dem Streben nach Profit unterworfen. Auch pflanzliche Nahrungsmittel werden nach den gleichen Maßgaben produziert. Überdüngung, der Einsatz schädlicher Pestizide und der Einsatz von Gentechnik sind nicht weniger gefährlich. Die Alternative in der jetzigen Gesellschaft der Ökoladen oder der Delikatessenladen sind nur für eine reiche Minderheit erreichbar.

Vegetarismus als politische Strategie greift hier zu kurz. Die individuelle Weigerung Fleisch zu essen ändert nichts an der Produktion in unserer Gesellschaft. Vielmehr wird die Lösung für ein Ende der Tierquälereie nicht in der Organisation und demokratischen Kontrolle der Produktion gesehen, sondern auf eine individuelle Ebene verlagert. Ein Krieg der Vegetarier gegen die Fleischesser lenkt von dem wahren Schuldigen dem kapitalistischen System ab.

Nur ein gemeinsamer Kampf von unten kann die Profitwirtschaft stürzen. So haben in Seattle 1999 Tierschützer ein großes Kontingent der Demonstranten gegen den WTO-Gipfel ausgemacht. Sie haben dort gemeinsam mit Gewerkschaftern, Umweltaktivisten und Dritte-Weltaktivisten gegen die kapitalistischen Prioritäten unserer Gesellschaft protestiert.


von Max Steininger




Linksruck Nr. 89, 1. Januar 1970





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