marxismus konkret: Warum der Kapitalismus uns krank macht

Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. So steht es im Grundgesetz. Doch wie sieht die Realität aus?

Jeder Dritte leidet unter Allergien. Psychosomatische Erkrankungen, Herz - Kreislauferkrankungen, Erkrankungen des Immunsystems und Krebs nehmen im bedrohlichen Umfang zu. Die Rate der Alkohol- und Drogenkranken erhöht sich jedes Jahr.
Mit der Gesundheitsreform werden Kosten auf die Patienten abgewälzt. Gleichzeitig wird jeder individuell für seine Gesundheit verantwortlich gemacht. Krankheit ist aber kein individuelles Schicksal. Die Gesellschaft macht uns krank.
Aber die Gesellschaft macht nicht alle gleich krank. Die durchschnittliche Lebenserwartung in Berlin-Kreuzberg liegt bei 69,5 Jahren im noblen Zehlendorf werden Männer im Schnitt 75, Frauen sogar 80 Jahre alt.
In Berlin liegt in armen Stadtteilen die Sterblichkeit von Männern unter 65 Jahren 35% über dem gesamten Durchschnitt der Stadt. Das Risiko an Alkohol, Drogen oder Selbstmord zu sterben ist dort 3x höher.
Der Druck am Arbeitsplatz durch steigende Anforderungen und Flexibilisierung, die Angst vor Arbeitslosigkeit, aber auch die Perspektivlosigkeit ohne Arbeits - und Ausbildungsplatz läßt die Menschen krank werden. So macht die kapitalistische Gesellschaft uns doppelt krank. Einerseits durch immer unerträglicheren Streß für diejenigen, die Arbeiten - andererseits verweigert das System einer steigenden Zahl von Menschen überhaupt am Arbeitsmarkt teilzunehmen, und zwingt sie so in soziale Isolation und Armut. Das nüchterne Fazit aus dem Gesundheitsbericht: Arme sterben früher.
Verschärft wird diese Situation durch den Abbau und die Privatisierung im Gesundheitssystem. Während die Bundeswehr weiter teuer modernisiert wird, fallen staatliche Krankenhäuser, Rettungsfahrzeuge und Pflegepersonal dem Rotstift zum Opfer. Die verbleibenden Krankenschwestern und -pfleger sind einem wachsenden Arbeitsdruck ausgesetzt.
Die Krise des Kapitalismus zwingt die herrschende Klasse und den Staat das Gesundheitssystem immer weiter anzugreifen. Der Mensch wird nur noch als Kostenfaktor behandelt. So schätzt der Allgemeine Patienten Verband (APV), daß ca. 25.000 Menschen pro Jahr dem Kostendruck zum Opfer fallen. Denn wo unter immer größerem Streß gearbeitet wird, kommt es vermehrt zu Pflege- und Behandlungsfehlern. Ärzte haben kaum Zeit, sich um den normalen Kassenpatienten ausreichend zu kümmern. Im Gegensatz zu den Reichen bleibt für die armen Patienten nur die Drei Minuten Medizin. Moderne wirksamere Medikamente werden nicht mehr für alle verschrieben. Wichtige Kuren oder vorbeugende Rehamaßnahmen sind von den Kassen gekürzt. Wir sollen die Zeche doppelt zahlen. Erst macht uns das System krank, dann sollen wir auch noch dafür tiefer in die Tasche greifen.

Fortschritt

Obwohl die Menschheit sieben mal ernährt werden könnet, sterben pro Tag 40.000 Kinder an Unterernährung und mangelnder medizinischer Versorgung. Gleichzeitig ist genug Geld für Kriege und die Privatkonten von Milliardären vorhanden.
Der Kapitalismus hat mit der Weiterentwicklung von Wissenschaft, Technik und Medizin enorme Fortschritte gebracht. Gleichzeitig zerstört er die Lebensgrundlagen aller Menschen.
Ein Blick in die lange Liste der Lebensmittelskandale verdeutlicht die bitteren Folgen der Profitwirtschaft: Tierfutter wird mit giftigen Klärabfällen und sogar Sondermüll angereichert und so für mehr Gewinne verlängert. Hormone und Antibiotika beschleunigen das Wachstum der Nahrung. Dioxin wird über den Eier- und Hühnermarkt billig entsorgt, anstatt als Sondermüll entsprechend teurer behandelt zu werden. Und dies ist nur die Spitze des Eisberges.
Die Jagd nach Profiten zwingt die kapitalistischen Produzenten dazu, so billig wie möglich zu produzieren - wie unter dem steigenden Konkurrenzdruck produziert wird tritt in den Hintergrund. Egal welche Folgen das für uns und die Umwelt hat. Gesunde Nahrung ist für die meisten Menschen nicht erreichbar. Die findet man nämlich nicht im Supermarktregal, sondern bestenfalls auf dem Ökohof.
Das Profitsystem ist nicht nur unfähig alle Menschen gesund zu machen, sondern vielmehr die Ursache von Krankheit.
Erst eine sozialistische Gesellschaft kann die Bedingungen für ein gesünderes menschenwürdiges Leben schaffen. Nur unter diesen Umständen kann demokratisch geplant und kontrolliert werden, welche Nahrungsmittel oder Medikamente hergestellt und verteilt werden sollen. Es wird keine entfremdete Arbeit mehr geben, die die Menschen krank macht. Wissenschaft und medizinische Entwicklung können sich ohne künstliche Konkurrenz und die Notwendigkeit als Wahre verkauft zu werden, entwickeln.
Statt die Kreativität der Menschen und Ressourcen für Eurofighter und SDI - Programme zu vergeuden, werden die Menschen ihr Potential endlich frei für die Verbesserung ihrer Lebensqualität und ihrer Umwelt entfalten können.

von Hans Krause




Linksruck Nr. 73, 1. Januar 1970





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