Ghandi und der gewaltfreie Protest

Schaut man zurück auf das 20. Jahrhundert, so war es mit grausamen Kriegen und der Nazi-Barabarei eines der blutigsten und gewalttätigsten in der Menschheitsgeschichte. Kein Wunder, dass viele Menschen, die sich nach einer Alternative zum Kapitalismus sehnen, hoffen, man könne die Gesellschaft auf absolut friedlichem Wege verändern.
Doch immer wenn gewaltfreie Proteste an den Grundfesten des Systems rüttelten, kamen sie mit der geballten Kraft des staatlichen Gewaltmonopols in Berührung. Aktive SozialistInnen kämpfen für eine Gesellschaft ohne Kriege, Gewalt und Brutalität. Aber ist es möglich, mit dem Prinzip des gewaltfreien Protestes Kapitalismus zu überwinden und den Weg frei zu machen für eine Gesellschaft, in der Gewalt keine Basis mehr hat?

Ghandi
Mohandas "Mahatma" Ghandi und seine Ideen des "gewaltfreien Widerstandes" und des "zivilen Ungehorsams", die er im Kampf um Indiens Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft einsetzte, werden sehr oft als Beweis dafür angeführt, dass grundlegende Veränderungen in der Gesellschaft sehr wohl mit friedlichen Mitteln durchführbar seien. Ghandi wurde Vorbild für viele, die gegen Unterdrückung aufstanden. Darunter auch der Bürgerrechtler Martin Luther King, der in den 60er Jahren den bitteren und harten Kampf gegen die Unterdrückung der Schwarzen in den USA mit gewaltfreien Mitteln aufnahm.

Verbündete
Schaut man sich Ghandis Rolle im Unabhängigkeitskampf Indiens etwas genauer an, läßt sich die Bedeutung des gewaltfreien Widerstandes gegen die Briten allerdings nicht aufrechterhalten.
Zwei Jahrzehnte britische Kolonialherrschaft machten aus dem ressourcenreichen Indien ein Land, in dem die überwältigende Mehrheit der Menschen in akuter Armut lebte. Über 80% waren Analphabeten, Hunger und Krankheiten töteten Millionen. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag bei 30 Jahren. Insbesondere unter den zahllosen Kleinbauern und Tagelöhnern auf dem Land kam es 1919-1920 immer wieder zu Bauernrevolten und Aufständen der Landarbeitern gegen die Grundbesitzer, ihre Verwalter und gegen die britische Kolonialverwaltung. Die kleine indische Kapitalistenklasse erwog mehr und mehr, ob eine Unabhängigkeit Indiens von den Briten nicht eher mit ihren Interessen übereinstimme. Ghandi, der selbst aus einer gebildeten Mittelschichtsfamilie stammte, kam nach Indien, nachdem er bereits mehrere erfolgreiche Kampagnen gegen die rassistischen Gesetze in Südafrika geführt hatte.
Auch er wollte eine machtvolle Bewegung, die die Briten aus Indien vertreiben sollte allerdings ohne die Kontrolle darüber aus den Händen zu geben und ohne die indischen Industriellen, Großgrundbesitzer und ihre Führer zu konfrontieren. Im Gegenteil: Er predigte die Einheit der Klassen. Die Reichen seien die "trustees" der Armen. Die indischen Kapitalisten unterstützten deshalb Ghandis Ideen. In der Tat wurde Ghandi von einigen der größten Industriellen Indiens, wie den Textilmagnaten Sarabhai und den Birlas, der zweitgrößten Industriegruppe Indiens, über 25 Jahre mit Millionen finanziert.

Gehorchen
Ghandis Kampagenen des zivilen Ungehorsams (1920-22, 1930-33, 1942, 1946) fielen mit den Perioden zusammen, in denen der britische Kapitalismus in Schwierigkeiten war. Obwohl es natürlich richtig ist, Imperialisten anzugreifen, wenn sie schwach sind, stärkte jede britische Krise auch die indische Kapitalistenklasse.
Ghandi vermied allerdings immer im Namen der "Gewaltfreiheit" Aufstände der Landarbeiter und Kleinstbauern, Aufstände und Streiks der IndustriearbeiterInnen mit der Bewegung gegen die britische Herrschaft zu verbinden. Einige Beispiele sollen dies verdeutlichen:
Nach 18 Monaten friedlicher Proteste und Demonstrationen von Kleinbauern und Landarbeitern gegen die Großgrundbesitzer im Jahr 1919-20 in Südindien mit Forderungen wie:" Wir arbeiten nicht mehr ohne Lohn und zahlen keine illegalen Steuern", und "Wir werden uns nicht weiter schlagen und mißhandeln lassen", kam es im Januar 1921 zu einer Revolte, nachdem die Polizei auf unbewaffnete Demonstranten schoß und zehn Landarbeiter tötete. Daraufhin plünderten 10 000 Bauern und Landarbeiter Geschäfte und Saatgutlager der Großgrundbesitzer und lieferten sich schwere Kämpfe mit der Polizei. Sir Harcourt Butler, der damalige Provinz-Gouverneur warnte: "In drei Bezirken sehen wir etwas wie den Anfang einer Revolution!".
Ghandi, jetzt Führer der Congress-Partei, rief die Bauern und Landarbeiter sofort dazu auf, ihre Kämpfe einzustellen. Er erließ Anweisungen, die "Gewaltlosigkeit" in den Vordergrund stellten, im Prinzip aber bedeuteten, dass die Bauern und Landarbeiter überhaupt nicht mehr kämpfen sollten. Selbst gewaltlose Methoden, wie Zugfahren ohne Tickets, das Besetzen der Eisenbahnlinien oder der Boykott der Großgrundbesitzer sollten aufhören. "Wir sollen weiterhin Steuern an die Regierung zahlen und Mieten an die Grundbesitzer" (Anweisung 4), "Wir wollen uns die Grundbesitzer zu Freunden machen" (Anweisung 6). "Wir wollen nicht gegen die Grundbesitzer kämpfen. Sie sind auch Sklaven. Wir sollten ihnen keinen Ärger machen" predigte Ghandi.
Während Ghandis berühmten Salz-Marsches 1930 gegen das Salz-Monopol der Briten, versäumte Ghandi die Mobilisierung der Industriearbeiter. Im Gegenteil: Er wies er die Industriearbeiter an, "geduldig zu sein und mit der Arbeit fortzufahren".
Auch im Verlauf der "Verlaßt Indien!"- Bewegung 1942, kam es erneut zu schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei und dem Militär. Die Brutalität der Briten hatte Massenstreiks und Bauernaufstände zur Folge. Wiederholt kam es zu Angriffen auf Polizeistationen und Zerstörung der Eisenbahnlinien. Ghandi appellierte an "Gewaltlosigkeit" und "Ruhe".
Er stellte das Konzept der "Legalität" der Briten niemals in Frage. Immer forderte er seine Anhänger auf, dem Gesetz zu gehorchen selbst wenn es das Gesetz der Briten war, ihren Reichtum und ihre Macht aufrecht zu erhalten. Mehr noch - er bestand darauf, dass die Briten ein "legales Recht" hätten, Protestierer zu verhaften. In Haft sollten Demonstranten "geduldig auf ihre Freilassung warten". 1946, kurz vor der Unabhängigkeit Indiens, kam es zu noch größeren Protesten. Eine Welle von Streiks überzog das Land. Im April 1946 meuterten Hindu und Moslem-Matrosen gemeinsam in Bombay gegen die Briten. Indische Soldaten weigerten sich, auf sie zu schießen. Arbeiter streikten in Solidarität ebenfalls über religiöse Grenzen hinweg. Ghandis hinduistische Congress-Partei weigerte sich, die Matrosen zu unterstützen ebenfalls mit dem Hinweis auf vorangegangene Ausschreitungen zwischen Hindus und Muslims in Nordindien und der strikten Anwendung des Prinzips der Gewaltfreiheit.
Insgesamt waren es also eher die Klassenkonflikte in Indien, als die Person Ghandis, die die Briten davon überzeugten, dass Indien nicht länger zu regieren sei.

Gefahr
Das Prinzip der Gewaltfreiheit kann ein Hindernis für Menschen sein, überhaupt gegen Ausbeutung zu kämpfen. Gewaltfreiheit kann damit zum Instrument werden, diejenigen anzugreifen, die verzweifelt versuchen, sich gegen Polizeiangriffe auf Demonstranten oder Streikposten zu wehren. Wenn RevolutionärInnen vor der Möglichkeit der Gewaltanwendung nicht zurückschrecken ist es nicht deshalb weil wir Gewaltfreiheit nicht begrüßen, sondern weil das System in dem wir leben, auf Gewalt aufgebaut ist, die durchbrochen werden muß. Oder wie Lenin es ausdrückte:"Gewalt ist die Geburtswehe der neuen Gesellschaft". Gewaltfreiheit um jeden Preis unterscheidet aber nicht zwischen dieser revolutionären Gewalt und der Gewalt der Herrschenden, um ihre Privilegien aufrecht zu erhalten. Die Gefahr, Gewaltfreiheit zu einem Prinzip zu erheben liegt darin, dass wir es uns damit unmöglich machen, eine effektive Bewegung gegen Kapitalismus aufzubauen eines der gewalttätigsten Systeme überhaupt.
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Linkswende Nr. 35, 1. Januar 1970





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