marxismus konkret: Die Ideen der Herrschenden

Oft scheint es, als seien die meisten Menschen glücklich mit ihren Autos, Fernsehern und DVD-Playern. Die Mehrheit stellt den Kapitalismus nicht in Frage und versucht erst recht nicht, ihn zu überwinden. Doch die Vorstellungen der Menschen können sich verändern.

Der Kapitalismus verbreitet täglich Ideen, die seine Existenz rechtfertigen sollen und die Mehrheit akzeptiert diese Ideen meistens. "Die herrschenden Ideen sind die Ideen der Herrschenden", schrieb Karl Marx im 19. Jahrhundert. In den Schulen, in den Zeitungen und im Fernsehen lernen wir jeden Tag, dass nur eine privilegierte Minderheit in der Lage sei, die Gesellschaft zu verwalten.

Im Kapitalismus wo alle gezwungen sind, miteinander um Jobs und vieles andere zu konkurrieren, müssen die Menschen egoistisch sein. Die Herrschenden jeder Gesellschaft verbreiten rassistische, nationalistische und sexistische Ideen, die die Menschen in verschiedene Gruppen spalten.

Und trotzdem hat es in der gesamten Geschichte des Kapitalismus gewaltige revolutionäre Aufstände von Arbeitern gegeben. Darunter die Pariser Kommune 1871, Russland 1917, Italien 1920, Spanien und Frankreich 1936, Chile 1972, Portugal 1975, Iran 1979 und viele andere. In Indonesien 1998, in Serbien 2000 und in Argentinien seit Dezember 2001 hat es Massenaufstände gegeben, die die Regierungen aus dem Amt gejagt haben.

Diese Aufstände entstehen durch die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus selbst. Obwohl er angeblich Wohlstand bringt, sorgt die Profitorientierung dafür, dass in Krisenzeiten die Arbeiter angegriffen werden. Aufgrund des großen Einflusses kapitalistischer Ideen akzeptieren die Arbeiter viele dieser Angriffe. Aber es kommt ein Punkt, an dem sie das nicht mehr hinnehmen wollen.

Dann explodiert die Wut der Arbeiter, und sie starten Aktionen gegen ihre Arbeitgeber und die Regierung. Eine Minderheit der Arbeiter lehnt die herrschenden Ideen immer ab. In Zeiten massenhafter Kämpfe breitet sich diese Ablehnung auf immer mehr vormals unkritische Menschen aus.

Und wenn die Arbeiter anfangen zu kämpfen, handeln sie oft im Widerspruch zu ihren alten Vorstellungen. Das passiert sogar in kleinen Auseinandersetzungen. Aber es trifft noch mehr auf große Kämpfe zu. Die früheren Vorstellungen der Arbeiter über die Unterschiede zwischen Männern und Frauen, Einheimischen und Ausländern, Hetero- und Homosexuellen können sich verändern.

Diese Spaltungen können überwunden werden, sobald sich die Arbeiter gegen ihren Hauptgegner zusammenschließen: gegen ihre Chefs oder die Regierung. Der Kapitalismus beruht auf der Kontrolle der Bosse über Fabriken, Büros und andere Arbeitsplätze und auf den entscheidenden Einfluss der Konzerne den Staat.

Arbeiter die sich gegen ihren Chef wehren, indem sie zum Beispiel eine Fabrik besetzen, die geschlossen werden soll, geraten automatisch in Konflikt mit dem Staat. Der Boss wird die Polizei rufen, damit sie die Arbeiter verjagt und ihm sein Eigentum zurückerobert.

Um ihre Jobs zu behalten, müssen die Arbeiter sich dann mit ihrem Chef und dem Staat anlegen. Vorstellungen von einer sozialistischen Gesellschaft, in der die Mehrheit der Menschen nach ihren Bedürfnissen und nicht nach Profitinteressen produzieren, fangen an, für die Arbeiter Sinn zu machen. Außerdem fangen Arbeiter während des Kampfes für ihre Interessen an, sich zu organisieren.

Viele merken, dass sie gemeinsam Dinge zustande bringen, die sie vorher für unmöglich gehalten hatten. Auf Streiks sprechen vorher unsichere Menschen vor Massenversammlungen, um zur Solidarität oder zu weiteren Aktionen aufzurufen.

Arbeiter können einen Streik organisieren und demokratisch diskutieren und Entscheidungen über Strategie und Taktik treffen. Im Laufe von Aufständen und Revolutionen können die Beteiligten erkennen, wie die Mehrheit der Bevölkerung die ganze Gesellschaft für sich selbst, im eigenen Interesse organisieren kann.

Die russische Revolution von 1917 brachte Arbeiterräte hervor. In diesen Räten kamen die Arbeiter zusammen, um über die Verteilung der Ressourcen zu entscheiden und das weitere Vorgehen im Kampf zu diskutieren. Solche Räte entstanden auch in der deutschen Revolution von 1918, in Ungarn 1956 und anderswo.

Im Strom einer Revolution verändert sich nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die einzelnen Menschen. Dieser Umstand ist zentral für die Organisation eines anderen, nicht mehr kapitalistischen Systems. Marx und Engels schrieben dazu: "Dass also die Revolution nicht nur nötig ist, weil die herrschende Klasse auf keine andere Weise gestürzt werden kann, sondern auch, weil die stürzende Klasse nur in einer Revolution dahin kommen kann, sich den ganzen alten Dreck vom Halse zu schaffen und zu einer neuen Begründung der Gesellschaft befähigt zu werden."


von Matthew Cookson




Linksruck Nr. 134, 1. Januar 1970





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