marxismus konkret: Können Arbeiter Revolutionäre werden?

Das grandiose an den Ereignissen in Seattle war, daß sich 40.000 Arbeiter den Protesten angeschlossen haben. Während dieser Zeit hat die Polizei aus Angst vor einer Radikalisierung der amerikanischen Arbeiterbewegung die Angriffe auf die Demonstranten eingestellt.
In Seattle konnte man erahnen, warum Marx die Arbeiterklasse als Totengräber des Kapitalismus bezeichnet hat. Aber leider entspricht das Bewußtsein der meisten Arbeiter dem in der meisten Zeit nicht warum ist das so, und können Arbeiter Revolutionäre werden?

Eine richtige, aber unvollständige Erklärung für die Ideen der meisten Arbeiter wird häufig genannt: Die Kapitalisten, die alle Produktionsmittel, die Fabriken und Banken usw., besitzen, kontrollieren auch die geistigen Produktionsmittel zum Beispiel die Medien.
Aber das erklärt nur, warum der Sender, der Leo Kirch gehört, Ideologie verbreitet, die rechtfertigt, daß Kirch auch weiterhin Sender besitzen darf. Es erklärt nicht, warum die Arbeiter beim Sender und alle anderen diese Propaganda glauben.

Erfahrung

Diese Ideen haben Einfluß auf die Köpfe von Menschen, weil sie der Alltagserfahrung im Kapitalismus mehr oder weniger entsprechen. Wir leben in einer Gesellschaft, die vom Markt dominiert wird, in der alles über das Kaufen und Verkaufen von Waren organisiert ist.
Alle fundamentalen Faktoren in unserem Leben werden von einem unpersönlichen, allgegenwärtigen Markt definiert. Habe ich Arbeit oder nicht, wieviel Geld bekomme ich, habe ich eine Wohnung über solche Fragen haben wir ebensowenig Entscheidungsgewalt, wie über das Wetter.
So erklärte der Holzmannvorstand die Pleite und Massenentlassungen und Lohnkürzungen mit der Markt gibt nicht mehr her, die Globalisierung.
Diese Situation entsteht durch zwei zentrale Elemente der kapitalistischen Produktionsweise. Erstens stehen die Kapitalisten unter einander in Konkurrenz und bekämpfen sich bis aufs Blut, um jede Mark Profit für sich zu gewinnen.
Und zweitens haben diese Kapitalisten die Entscheidungsbefugnis über die Produktion, denn sie besitzen die Produktionsmittel. Die Arbeiter, die im Kapitalismus alles produzieren, müssen, wollen sie überleben, ihre Arbeitskraft an die Kapitalisten verkaufen.
Die Arbeiter sind deswegen abhängig von Kapitalisten und dem Markt.
Weil alles dem Markt unterworfen ist, führt die Arbeitsteilung nicht dazu, daß die Arbeiter sich gemeinsam, kollektiv Gedanken über die Produktion machen, sondern zu Vereinzelung: Jeder hat seinen Platz, für den er geeignet ist, und interessiert sich wenig für den Rest, auf den er sowieso keinen Einfluß hat.
Dieses Fachidiotentum ist nicht begrenzt auf die Produktion. Es findet sich in allen Bereichen der Gesellschaft.
Ob Justiz oder Verwaltung, ob Wissenschaft oder Politik jeder macht sein spezielles Ding und sieht und versteht nicht das Ganze, die Gesellschaft.
SPD und Gewerkschaften sind das beste Beispiel: Die einen sind für die Politik und die anderen für die Löhne zuständig. Sie versuchen jeden Arbeitskampf auf ein Thema und eine Region zu beschränken und bekämpfen jede politische Verallgemeinerung.

Widerspruch

Aber die Erfahrungen im Kapitalismus sind widersprüchlich.
Arbeit ist im Kapitalismus eine Ware wie jede andere sie wird verkauft und gekauft. Aber es gibt einen Unterschied zu allen anderen Waren.
Jede anderen Ware wird gegen Geld getauscht und dann nimmt der Käufer sie mit und kann frei über sie verfügen. Eine Kaviardose würde niemals mit dem Käufer darüber debattieren, wie viel von ihr in welcher Zeit konsumiert werden darf.
Unglücklicherweise für den Kapitalisten ist der Träger und Verkäufer der Arbeitskraft untrennbar mit seiner Ware verbunden. Der Industrielle Henry Ford hat sich einmal beschwert, jedesmal, wenn er ein Paar Hände kaufe, hänge ein Mensch dran!
Deswegen ist der Handel niemals endgültig abgeschlossen. Es gibt einen ständigen Streit um die Nutzung der Arbeitskraft und um die Auslegung des Handels.
In diesem Streit, in dem beide Seiten formal recht haben, entscheidet die Stärke. So wurden die zentralen Fragen der Arbeitszeit und der Bezahlung immer durch Klassenkampf geklärt.
Das ist ein Bruch mit der kapitalistischen Normalität eine Klasse, die Arbeiter, greifen kollektiv ein und brechen an einer Stelle die Gesetze des Marktes auf. Hier wird sichtbar, wie die Ausbeutung in dieser Gesellschaft funktioniert und wie die Gesellschaft anders organisiert werden könnte.
Aus diesen Erfahrungen der Arbeiter können alle lernen sowohl Studenten und andere Aktivisten, als auch Arbeiter, die nicht gerade an Streiks beteiligt sind. Der Kampf der Holzmann-Arbeiter hat allen Menschen gezeigt: Wir sind dem Markt nicht hilflos ausgeliefert, wir können was machen.
Wie viele daraus lernen und wie tief der Lernprozeß ist, hängt von zwei Faktoren ab. Erstens spielt es eine Rolle, ob die bürgerliche Propaganda mit den Erfahrungen übereinstimmen. Korruptionsskandale oder Wirtschaftskrisen zum Beispiel widersprechen dem Bild des sauberen und funktionierenden Kapitalismus.
Und zweitens hängt es davon ab, was diejenigen tun, die schon Revolutionäre sind.

von Stefan Ziefle




Linksruck Nr. 80, 1. Januar 1970





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