Was wir von Gramsci lernen können...

In zweierlei Hinsicht bedeuteten die Proteste gegen den G8-Gipfel in Genua eine neue Qualität. Erstens hat die Massenmobilisierung verschiedenster Gruppen und Milieus gegen die Unterordnung von Mensch und Natur unter die Profitinteressen der großen Konzerne, die Vielfältigkeit und gleichzeitig die Solidarität und Entschiedenheit der Bewegung, auch in der deutschen Öffentlichkeit den neoliberalen Konsens angekratzt: "Eine andere Welt ist möglich!"

Zweitens hat der italienische Staat vor den Augen der Weltöffentlichkeit gezeigt, was der Kern kapitalistischer Herrschaft ist: brutale Gewalt. In den Straßen von Genua hat das staatliche Gewaltmonopol seine militärische Überlegenheit überzeugend zur Schau gestellt.

Diesen Kern wird die Bewegung letztlich brechen müssen, wenn sie die Profitlogik und die, die von ihr Profitieren, überwinden will. Um das tun zu können brauchen wir ein Verständnis davon, wie kapitalistische Herrschaft insgesamt funktioniert.

Der italienische Antikapitalist und revolutionäre Marxist Antonio Gramsci setzte sich in den 20er Jahren mit dieser Frage auseinander.

Der Ausgangspunkt seiner Überlegungen war, dass Menschen, und nicht allgemeine "historische Gesetze", Geschichte machen. Er lehnte die Vorstellung einer notwendigen, zwangsläufigen gesellschaftlichen Entwicklung ab.

Gramsci hielt nichts vom Voluntarismus, von dem Glauben, wir könnten alles Kraft unseres Willens erreichen, wenn wir uns nur genügend anstrengen. Aber er stellte die Handlungen von Menschen und die Ideen, die sie leiten, ins Zentrum.

Deswegen war für Gramsci das, was er die "Legitimation der bürgerlichen Gesellschaft" und die "ideologische Hegemonie" nannte, ein viel wichtigeres Instrument kapitalistischer Herrschaft als pure Gewalt.

Solange die Menschen in ihrer überwiegenden Mehrheit der herrschenden Politik zustimmen, oder zumindest aus Alternativlosigkeit in passiver Akzeptanz verharren, bleibt die Herrschaft erhalten.

Im zaristischen Russland hatte die bürgerliche Gesellschaft kaum Wurzeln im Bewusstsein der Menschen schlagen können. Als die Februarrevolution 1917 den Unterdrückungsapparat des Zaren gebrochen hatte, konnten die Arbeiter und Bauern die kapitalistische Herrschaft schnell stürzen – wenn auch nicht für lange.

In Westeuropa erwies sich das als schwieriger. Zwar bedeutete Kapitalismus auch hier im Kern die Herrschaft des Kapitals, die Unterordnung allen Lebens unter Profitinteressen, oder wie Marx es nannte, "Ausbeutungs- und Verwertungsinteressen des Kapitals".

Aber in diesen Ländern hatte der Kapitalismus etwas hervorgebracht, was Gramsci die "Zivilgesellschaft" nannte: eine Reihe von Institutionen wie Sozialfürsorge, Arbeitsrechte, parlamentarische Demokratie, Gewerkschaften und "bürgerliche Freiheiten".

Diese Kompromisse, die vergangene Bewegungen erkämpft haben, erleichtern uns einerseits in einem gewissen Maße das Leben im Kapitalismus, andererseits verschleiern sie die Ausbeutung und Unterdrückung der ungeheuren Mehrheit durch eine winzige Minderheit. Dadurch schaffen sie die Legitimation, die der Kapitalismus zum überleben braucht.

Stellungskrieg

Ein schneller, fulminanter Angriff wie in Russland würde die bürgerliche Herrschaft im Westen nicht stürzen können – heute sicherlich noch weniger als damals. Diesem ideologischen "Manöverkrieg" setzte Gramsci den "Stellungskrieg" entgegen.

Daraus zieht Gramsci zwei grundlegende Konsequenzen: Erstens müssen wir die bürgerliche ideologische Vorherrschaft ("Hegemonie"), die in die alltägliche Denkweise des "gesunden Menschenverstandes" eindringt, untergraben, und die "Bedeutungshoheit über die Zivilgesellschaft" erkämpfen.

Weil die "Zivilgesellschaft" eben auch Ausdruck des Wunsches nach einer tatsächlich menschlichen Gesellschaft ist, müssen wir die Ideologen der Herrschenden beim Wort nehmen. Wir müssen zum Beispiel fragen, warum die viel gepriesene bürgerliche Demokratie vor den Konzernzentralen halt macht.

Dafür brauchen wir Bündnisse mit Leuten, die keine Revolutionäre sind, aber trotzdem an verschiedenen Punkten helfen, die Lügen und die Heuchelei der Herrschenden aufzudecken, oder irgendwie anders die herrschende Hegemonie in Frage stellen. Hier liegt die Stärke der aktuellen Bewegung.

Zweitens müssen wir unsere eigenen Kräfte ausbauen. Der Stellungskrieg, der die kapitalistische Ideologie an Tausenden Fronten des täglichen Lebens angreift, braucht eine Massenarmee aus selbstbewussten und geschulten Kapitalismuskritikern.

Die "permanent organisierte und lange vorbereitete" revolutionäre Partei, die "Elite von Intellektuellen einer neuen Art, die direkt aus den Massen stammt, die aber in Kontakt mit ihnen bleibt, um sozusagen das Fischbein im Korsett zu werden, ist das, was wirklich das ‘ideologische Panorama’ des Zeitalters verändert."

Und das ist nötig, um die gegnerischen Stellungen soweit aufzuweichen, dass der Übergang zum "Manöverkrieg" wieder möglich wird – und das bürgerliche Gewaltmonopol gebrochen werden kann.


von Stefan Ziefle




Linksruck Nr. 113, 1. Januar 1970





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