Frauen, Schwule, Lesben, Ausländer ...
Wie gegen Unterdrückung kämpfen?

Im Betrieb gegen Schwulenunterdrückung
Auf dem Hamburger Christopher Street Day sprach der Linksruck mit zwei schwulen Gewerkschaftern der ÖTV, die am Arbeitsplatz aktiv gegen Unterdrückung auftreten. Lars ist Fluggerätebauer bei der Hamburger Lufthansa. Martin arbeitet im Kulturzentrum "Rieckhof" und ist dort Betriebsrat.

LR: Ist Homosexualität nicht schon lange "völlig normal"?

Martin: Am Arbeitsplatz ist das alles natürlich noch ein Thema. Eine sozialpsychologische Studie über Schwule in allen Bereichen des Arbeitslebens hat herausgefunden, daß 80% der Befragten sich an ihrem Arbeitsplatz noch immer diskriminiert fühlen. Da ist es egal, ob es sich um Frisöre oder Kranführer handelt. Gerade haben wir aus Cuxhaven einen ganz drastischen Fall. Dort wurde ein Kollege solange mit Mobbing überzogen, bis er sich krankmelden mußte. Als er wiederkam, war sein Job weg.

Dazu kommen ganz krasse materielle Nachteile, die aus der Rechtssituation entstehen. So muß eine Lesbe, die zusammen mit ihrer Freundin zwei Kinder aufzieht, auf Zuschläge verzichten, die heterosexuelle Paare erhalten, weil diese Lebensform nicht anerkannt wird. Das kann dann schon mal Hunderte von Mark ausmachen.

Lars: Wir können in so vielen Talkshows auftreten, wie wir wollen, am Arbeitsplatz ist Homosexualität immer noch nicht ganz akzeptiert. Viele trauen sich noch nicht, offen damit umzugehen. Es istimmer noch Angst da in den Betrieben. In meinem Bereich bei der Lufthansa arbeiten 2000 Leute. Ich bin nicht der einzige Schwule dort. Aber als ich einen Artikel in der Betriebszeitung veröffentlichte, gab es nur sehr wenig Resonanz.

LR: Macht es einen Unterschied für Schwule oder Lesben, ob sie Angestellte oder Arbeiter sind?

Martin: Diskriminierung findet auf allen Ebenen statt und in den verschiedensten Formen. Bei Angestellten im Bereich Banken und Versicherungen läuft das dann vielleicht etwas subtiler ab als in den Arbeiterbereichen.

LR: Beschreibt doch einmal Euren Weg, gegen die Unterdrückung im Betrieb anzugehen.

Martin: Es kann sehr positiv wirken, wenn die Kollegen sich outen. Normalerweise gibt es ja so ein Getuschel unter der Oberfläche. Es entwickeln sich Gerüchte. Du hörst irgendwas von wegen "Tunte und Technik" oder so. Da kann es gut sein, wenn man die Karten auf den Tisch legt und eine offene Diskussion hat. Die resonaz der meisten Kollegen ist dann positiv und bei den anderen weiß man dann, woran man ist.

Martin: Für uns ist die Basisarbeit vor Ort wichtig. Die Kollegen verändern sich nur, wenn man persönlich mit ihnen redet. Gesetze allein verändern die Haltung der Kollegen noch nicht, deshalb kann man nicht alles der großen Politik überlassen.

Aber natürlich brauchen wir Gesetze, die die Benachteiligung im Betrieb auf der Basis sexueller Vorlieben ausdrücklich verbietet. Das ist wichtig, damit die Kollegen sich im Konfliktfall ausdrücklich darauf berufen können. Das kann das Selbstvertrauen stärken.

Weibliche Manager, schwule Fernsehstars, schwarze Topmodels und Spitzenpolitiker ausländischer Herkunft - einige Vertreter diskriminierter Bevölkerungsgruppen haben "es" geschafft. Sie sind ins Establishment aufgestiegen. Unbestreitbar ist, daß konservative Vorstellungen über die Rolle der Frau oder über Homosexualität an Unterstützung verloren haben.

Aber Unterdrückung ist keine Sache der Vergangenheit: Millionen Menschen werden noch immer wegen ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Vorlieben oder ihres Geschlechts materiell benachteiligt und politisch ausgegrenzt.

Alles vorbei?

In den letzten Jahren ist eine Abwendung vom kollektiven Kampf der Unterdrückten erfolgt. Nach den gesellschaftlichen Ursachen von Unterdrückung wird immer seltener gefragt. "Klasse" und Klassengesellschaft scheinen mit Unterdrückung kaum noch etwas zu tun zu haben. Ganz im Gegenteil: der Weg zur Befreiung soll nun gerade darin liegen, sich in den Strukturen des Systems nach oben zu arbeiten. Am deutlichsten kommt der beschriebene Trend in der Frauenbewegung zu Ausdruck. Der sogenannte Neo-Feminismus wendet sich immer weiter vom gemeinsamen Kampf gegen die Alltagsnöte der Masse der Frauen ab. Niedrige Löhne, ungeschützte Arbeitsverhältnisse oder wachsende Belastung der Frau durch Kürzungen in der Kinder- und Altenpflege sind kaum noch Thema.

Stattdessen wird das individuelle "Empowerment" gepredigt. Frauen sollen selbstbewußter und durchsetzungskräftiger werden. Sie sollen den Männern ähnlicher werden und sicherstellen, daß sie es sind, die sich im individuellen Konkurrenzkampf. In der breiteren Diskussion verkörpern die "Girlies" diesen neuen Typus Frau, der sich nimmt, was er kriegen kann und die Mämmer mit deren eigenen Waffen schlägt.

Wo das enden kann, zeigt ein Artikel in der Mittelschichts-Frauenzeitschrift "Cosmopolitan". Diese feiert den "lustvollen Weg nach oben". Eine Frau wurde zur Chefsekretärin, indem sie mit ihren drei Vorgesetzten ins Bett stieg und so den "erotischen Machtfaktor" voll ausnutzte. Für die Masse der Unterdrückten sind die Aufrufe zu individueller Befreiung nur hohle Phrasen, weil ihr Spielraum durch materielle und politische Bedingungen eingeschränkt wird, die sie auf sich allein gestellt nicht auflösen können.

Der alltägliche Rassismus

Neben der Vielzahl von diskriminierenden Sonderrechten für Flüchtlinge und Ausländer (Verweigerung des Wahlrechts, Verbot politischer Betätigung, Visumspflicht etc.) sind diese auch wirtschaftlich deutlich schlechter gestellt.

Heute haben 85% der jungen Türken einen Schulabschluß (1985: ca. 40%) und nur noch vier Prozent der Türken sprechen kein Deutsch (1986: über 30%). Aber die Arbeitslosigkeit unter Türken liegt weit über 20% und ist ungefähr doppelt so hoch wie unter Deutschen und steigt schneller an.

29% der "Gastarbeiterhaushalte" haben ein Einkommen von weniger als 2500 DM pro Monat. Der Anteil der Türken, die in extremer Armut (weniger als 40% des Durchschnittseinkommens) leben, ist dreimal so hoch wie unter Deutschen und beträgt 12,1%.

Untersuchungen haben ergeben, daß 20% aller Betriebe Ausländer gar nicht erst zu Bewerbungsgesprächen einladen, obwohl diese gleiche oder bessere Qualifikationen aufweisen wie deutsche Bewerber.

Macht

Menschen ändern ihr Bewußtsein nicht im stillen Kämmerlein. Vorurteile werden nicht einfach durch Nachdenken über Bord geworfen, sondern wenn im gemeinsamen Kampf auf der Grundlage von sozialen Interessen die wirklichen Spaltungslinien zwischen oben und unten wahrnehmbar werden. Wo Menschen die eigene Macht spüren und ihr Leben in die Hände zu nehmen geraten Spaltungsideologien ins Wanken.

Die Frauen, Homosexuellen oder "Ausländer", die es heute in gehobene Positionen geschafft und sich vom kollektiven Kampf verabschiedet haben, sind dafür selbst der beste Beweis. Denn ihr Aufstieg wurde ermöglicht durch die Massenbewegungen und sozialen Auseinandersetzungen der 60er und 70er Jahre. Die Höhepunkte der Frauenbewegung im Kampf gegen den §218, die Kämpfe der Schwarzen in den USA gegen Rassismus und der Aufschwung der Schwulenbewegung 1969 fielen nicht zufällig in die Zeit eines nahezu weltweiten Aufschwungs der Arbeiterkämpfe. In den Streikbewegungen der 70er Jahre spielten türkische und weibliche Arbeiter eine zentrale Rolle im gemeinsamen Kampf der Kollegen. Diese Position ermöglichte es ihnen, innerhalb einer kräftigen Bewegung die eigene spezielle Unterdrückung zu thematisieren.

Die Aktivität der Arbeiter zu dieser Zeit führte dazu, daß die Unterdrückten die Arbeiter als eine Kraft wahrnahmen, die Veränderungen erkämpfen konnte. Als die Studenten und Arbeiter die gesamte herrschende Ordnung anfingen in Frage zu stellen, kamen auch die alten Vorstellungen über die Rolle der Frau, über Sexualität und über "Rasse" auf den Prüfstand.

Aber als das Niveau der Klassenkämpfe Mitte der 70er absank, schien die Arbeiterklasse als Vorreiterin der Befreiung immer mehr an Attraktivität zu verlieren. Die Perspektive des kollektiven Kampfes schien immer weniger realistisch und gerade die, die durch die Bewegung in höhere Positionen gespült worden waren, kämpften jetzt vereinzelt um das persönliche Fortkommen.

Frauenunterdrückung kein Thema mehr?

Frauen verdienen immer noch weniger als Männer. Arbeiterinnen erreichen heute 77% der Löhne ihrer Kollegen, weibliche Angestellte schaffen es nur auf 62% des Männergehalts. Ungefähr die Hälfte der berufstätigen Frauen (17% der Männer) muß mit einem Nettoeinkommen bis 1800 DM auskommen. Kein Wunder also, daß drei Viertel fer Frauen von ihren Männern finanziell abhängig bleiben. Überall übersteigt der Anteil der Frauen an den Arbeitslosen den der Männer, in Ostdeutschland sind 60% der Arbeitslosen Frauen.

Jede dritte Frau ist schon einmal körperlich mißhandelt worden, die Zahl der von ihren Ehemännern vergewaltigten Frauen liegt bei 2,5 Millionen. In den Medien spielt die Frau noch immer die klassische Rolle. Nur in 20% aller Zeitungstexte werden Frauen überhaupt erwähnt. Nur wenn es um Haushalt, Sexualität oder Konsum geht, werden Frauen häufiger erwähnt als Männer.

Krise und Unterdrückung

Die Tiefe der Krise macht den individuellen Aufstieg und den persönlichen Ausweg aus diskriminierenden Verhältnissen immer unrealistischer. Wo es an bezahlbarem Wohnraum, Jobs und Kindergärten fehlt, mangelt es an den einfachsten Voraussetzungen für "Selbstverwirklichung". Die Wirtschaftskrise bedroht die Unterdrückten besonders, aber sie bietet auch neue Möglichkeiten einer kollektiven Antwort auf Unterdrückung.

Die Konservativen verschärfen in der Krise ihre materiellen und ideologischen Attacken. Von den Kürzungen bei Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen sind Frauen besonders betroffen. Und obwohl die Hamburger SPD im aktuellen Wahlkampf die Stimmen der Schwulen und Lesben einfangen will, sind viele der 90 Projekte der Homosexuellen in der Stadt durch ausbleibende finanzielle Unterstützung vom Aus bedroht. Daß erkämpfte Vorstellungen von Gleichheit wieder unter Beschuß geraten, äußert sich im verschärften Rassismus oder in Vorstellungen wie denen von CDU-Vordenker Biedenkopf, der die Arbeitslosigkeit auf die hohe Erwerbsquote der Frauen zurückführt. In den Medien gehören rassistische, frauen- und schwulenfeindliche Witze schon fast wieder zum guten Ton.

Gleichzeitig macht die Krise aber heute viel deutlicher als in den 80er Jahren, daß man gemeinsam aktiv werden muß, wenn Unterdrückung wirklich bekämpft werden soll. Die Unterdrückten stellen einen wichtigen Teil der Arbeiterschaft dar. 14 Millionen Frauen sind heute erwerbstätig, ausländische Arbeiter haben in den letzten Streikauseinandersetzungen bei Mercedes oder im Bergbau eine zentrale Rolle gespielt. Wo die Klasse aktiv wird, können die Unterdrückten im Betrieb die Solidarität der Kollegen im Kampf gegen die Unterdrückung gewinnen, wenn sie sich in den Kämpfen gegen Entlassungen und Kürzungen an die Seite der Kollegen stellen.

In ganz Europa geht die Wirtschaftskrise mit einer ideologischen Krise des Systems einher. Die Herrschenden werden sich nicht scheuen, diese zu lösen, indem sie die alten Sündenböcke präsentieren. Aber die Risse in der alten Ideologie bedeuten auch, daß die Unterdrückten mit ihren Ideen in die Offensive gehen können. Wenn sie dies auf der Grundlage der eigenen sozialen Macht als Teil der Arbeiterklasse ztun, sin die Erfolgsaussichten nicht schlecht.

von Ingo Singe


Linksruck Nr. 43, 1. Januar 1970





Dieser Artikel kommt von Linksruck
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