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Bosse greifen Bildung an:

"Bildungsfernsehen"

Der Privatsender Channel One stattet Schulen gratis mit Fernsehern, Videorekordern und Satellitenschüsseln aus. Im Gegenzug müssen die Schulen einen Teil der Unterrichtszeit für Fernsehen verwenden. Über 40% der amerikanischen High-School-Klassen müssen regelmäßig Channel One im Unterricht sehen. Von den täglich 12 Minuten "Bildungsfernsehen", das in der Regel Berichte über Sport bringt, sind 2 Minuten Werbung. Aufs Jahr hochgerechnet sehen die Schüler 6 volle Schultage pro Jahr Channel One, das heißt einen Schultag nur Werbung.

Die Chefs der großen Lobby-Verbände der deutschen Bosse wollen einen Umbau des Bildungssystems. Nachdem schon im Gesundheits- und Pflegebereich nicht mehr die Gesellschaft, sondern private, profitorientierte Unternehmen verantwortlich sind, soll jetzt laut einem Papier des Arbeitgeberverbandes BDA auch der Bildungsbereich nach "den Prinzipien von Markt und Wettbewerb" organisiert werden.

Die Unternehmer wollen wettbewerbsfähiger auf dem Weltmarkt werden und versuchen deshalb einen Politikwechsel in der Bildung zu erzwingen. Statt "Bildung für alle" soll Bildung billiger und nur noch auf die Ansprüche von Firmen zugeschnitten werden. Dazu haben sie festgestellt, daß Schüler eine große Konsumentengruppe sind, mit der sie Geld verdienen können.

USA

Das als Vorbild empfohlene Modell ist das amerikanische Bildungssystem. Ein Blick in Amerikas Schulen verdeutlicht, wie stark Konzerne versuchen Einfluß zu nehmen und insbesondere eins: zu werben.

Nachdem in den USA - genauso wie in Deutschland - die öffentlichen Kassen über Jahre geplündert wurden, haben die Schulen enorme Probleme Lehrmittel zu finanzieren. Deshalb schließen Konzerne in sogenannten "private-public-partnership" Verträge mit Schulen ab.

Schule als Unternehmen

Die Firma Edison Projekt bietet in den USA Schulverwaltung als Dienstleistung an. Sie organisiert den Schulbetrieb privatwirtschaftlich und ist seit den 90er Jahren sogar an der Börse notiert.

In mittlerweile zwölf amerikanischen Bundesstaaten ist es möglich, öffentlich finanzierte "Public Schools" durch "Education Management Organisations" (Bildungsmanagement) zu ersetzen, die wie ein Unternehmen geführt werden.

Im Mai dieses Jahres fand in Vancouver die erste weltweite Messe für "International Business of Education" statt. Dort präsentieren sich die Unternehmen, um einen durch Privatisierungen bis 2002 auf 90 Milliarden Dollar ansteigenden Markt zu erobern.

Sie hoffen, daß sie mit Hilfe der Welthandelsorganisation WTO daß internationale Abkommen GATS (Generelles Abkommen über Handel mit Dienstleistungen) Services)durchsetzen können. Damit sollen weltweit Dienstleistungen von Abfallsammlung über Bildung bis Gesundheit privatisiert und für den Weltmarkt geöffnet werden.

Die Konzerne dürfen dann in Klassenzimmern und auf den Umschlägen von Schulbüchern werben - und finanzieren dafür die neuen Schulcomputer. Zwischen 1990 und 1999 hat die kommerzielle Aktivität von US-Unternehmen in Schulen um 303% zugenommen.

Rechnen lernt man an einigen Schulen in den USA, indem die Schüler die Anzahl der Nüsse mit Schokoladenüberzug "M&Ms" in einer Tüte addieren und subtrahieren. In den Schulbüchern gibt es neuerdings besonders "lebensnahe" Aufgaben. Ein Textbeispiel: "Will spart sein Taschengeld für ein paar Nike Turnschuhe, die 68 Dollar kosten."

Konzerne

Im Unterricht werden Gutscheine von Supermärkten verteilt und Coca-Cola erhält die Exklusiv-Lizenz für die Getränke-Automaten der Schule.

Aber die Konzerne gehen noch weiter: In Georgia wurde ein Oberstufenschüler mehrere Tage vom Unterricht suspendiert, weil er am "Coca-Cola-Day" seiner High-School ein Pepsi-Hemd trug. Begründung der Schulleitung: Der Schüler hätte "Respektlosigkeit" an den Tag gelegt.

Der Babywindel-Hersteller Procter & Gamble stellt auch Unterrichtsmaterialien her. Darin lehrt er, wie umweltfreundlich der Kahlschlag von Wäldern sei. Warum? Die Firma wollte beweisen, daß ihre Wegwerfwindeln umweltfreundlicher sind als Stoffwindeln.

Auch in Deutschland wird von Rot-Grün die Bildung nach Profitgesichtpunkten immer weiter umstrukturiert. Die Aufhebung des Wettbewerbsverbots von Schulen in Berlin ist nur der erste Schritt in Richtung amerikanisierung des Bildungssystems.




Linksruck Nr. 92, 1. Januar 1970





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