Für ein gebührenfreies Studium!
Nein zur Uni der Bosse!

Nach Scheitern der Novellierung des Hochschulrahmengesetzes (HRG, siehe Kasten), gehen die Marktfanatiker um Schröder in die 2. Runde. Sie wollen einmal mehr die katastrophale Situation an den Hochschulen durch Markt, Wettbewerb und Konkurrenz lösen werden. Doch hinter den verschiedenen neoliberalen Maßnahmen geht es einzig und allein darum, die Hochschulen noch mehr als bisher zu einem reinen "Zulieferbetrieb" für die Wirtschaft zu machen.

Genau aus diesem Grund schalten sich die Herren aus den Chefetagen wie seit langem nicht mehr in die Bildungspolitik ein. Studiengebühren, Drittmittelfinanzierung, kürzere Studienzeiten und leistungsbezogene Bezahlung der Professoren sind die Stichworte unter denen "mehr Wettbewerb im Bildungssystem" gefordert wird.

Worum es den Bossen geht, erklärt Stefan Baron, Chefredakteur der Wirtschaftswoche: "Die Berufsbildung steht an der Pforte zur Menschwerdung. Der Weg zum idealen Menschen führt über den brauchbaren Menschen."

Der Zynismus, der sich hinter dieser Aussage verbirgt, bringt ein geradezu unmenschliches Bild von Gesellschaft zum Ausdruck: nur der für die Industrie optimal "verwertbare Mensch" hat das Recht auf Bildung. Bildung und Ausbildung haben dementsprechend nur ein Ziel: neue Arbeitskräfte für die Wirtschaft.

Bildung im Kapitalismus

Der Kapitalismus lebt davon, daß nicht nur in der Produktion, sondern auch in der Ausbildung die Kosten minimiert werden, um maximalen Profit zu erreichen. Denn der Grad der Ausbildung bestimmt auch die Höhe der Entlohnung.

Was sie Wirtschaft also will: einer hochqualifizierten Elite der "technischen Intelligenz" soll eine weitgehend "entqualifizierte" Masse billiger Arbeitskräfte, auch "Fachidioten" genannt, gegenüberstehen. Für die "hohen Herren" sind Hochschulen also nichts anderes als Produktionsfabriken von "Humankapital".

Die Uni der Bosse

Zu diesem Zweck soll, wie in der USA, der Wettbewerb um staatliches Geld die Universitäten in Dienstleistungsunternehmen verwandeln, die ihre "Ware" Bildung nach genau diesen kapitalistischen Verwertungsinteressen ausrichten.

Ludwig Kronthaler, Uni-Kanzler der Münchner TU, spricht aus wo die Reise hingehen soll: "Wie Bereichsleiter in der Industrie" müssen die Dekane künftig konkurrieren. Seine Hochschule will Kronthaler "nach Art eines Konzernes" führen. Der Spiegel beschreibt, wie sich dieses Konzept auf die Hochschulen in Holland auswirkte: "Die Dozenten haben ihre akademische Freiheit verloren, die in ein straffes Pensum eingebundenen Studierenden haben kaum mehr Spielraum zur persönlichen Entfaltung." Leistungsdruck, Konkurrenz, Selektion, Egoismus und Entqualifizierung sind die Merkmale der "modernen" Uni nach dem Geschmack der Wirtschaftsbosse.

Studi-Köder

Die Illusionen, die sich an eine weitere Vermarktwirtschaftlichung der Unis knüpfen, werden benutzt, um die Studierenden zu spalten und eine Protestbewegung im Keim zu ersticken. Gerade den ökonomischen Fachbereichen wie Betriebs- und Volkswirtschaft, aber auch den Juristen versucht man weiszumachen, daß sich ihre Jobchancen mit der "neuen" Uni verbessern. Ein gefährlicher Trugschluß! Bestes Beispiel sind die Juristen: an der Fachhochschule ist der verkürzte Schmalspurstudiengang "Wirtschaftsjura" eingeführt worden. Die Folge: teure Volljuristen gehen auf dem Arbeitsmarkt unter, und die Wirtschaftsjuristen, in Massen angelockt durch die scheinbar vorteilhafte wirtschaftliche Ausrichtung, müssen sich wie Sauerbier anbieten, wodurch die Löhne fallen. Ähnlich geht es Betriebswirten, die durch Wirtschaftsakademieabsolventen unter Druck gesetzt werden.

Es wird klar, wie perfide die vielen Einzelmaßnahmen zusammenwirken: Dadurch, daß Studis, Profs, Fachbereiche und Unis in Konkurrenz zueinander gesetzt und Geld an Leistung gekoppelt wird, entwickelt die Leistungs- und Wirtschaftsorientierung eine Eigendynamik, deren erstes Opfer die Chancengleichheit ist.

Die Uni für Menschen

Die "Uni der Bosse" steht im krassen Gegensatz zu den Bedürfnissen der Studierenden. Nach einer Studie des Spiegels geht es für 38% der Studierenden beim Studium um die Selbstverwirklichung. 68% entscheiden sich nach der persönlichen Neigung, 46% nach dem fachlichen Interesse und nur 17% richten sich bei der Auswahl des Studienfaches danach, ob sie damit ein hohes Einkommen erreichen. Fazit des Spiegels: "Die Wirtschaft verspricht tolle Karrieren und hohe Gehälter - aber die Jung-Akademiker scheint das nicht zu interessieren". Diese Zahlen sprechen eine deutliche Sprache über das, was sich junge Menschen von ihrer Ausbildung erwarten: Die Universitäten sollen einen Lebensraum für Menschen bieten und nicht zu kalten Produktionsstätten des freien Marktes umfunktioniert werden.

Rot-Grün

Statt sich an den Bedürfnissen und Wünschen der Studierenden und den eigenen sozialdemokratischen Werten der Chancengleichheit zu orientieren, setzt die rot-grüne Bundesregierung jedoch dem Konzept der Wirtschaft nichts entgegen. Im Gegenteil: sie ist tragender Teil des Ganzen. Auch Bundeskanzler Schröder ist sich sicher, daß wir eine "Elite" brauchen und fordert ebenso mehr Flexibilität und Leistungsorientierung wie eine stärkere Position bundesdeutscher Hochschulen im internationalen Wettbewerb. Demokratie, studentische Mitbestimmung und menschliche Entfaltung werden auf dem Altar der Wirtschaft geopfert. Für sie steht die "Ware Arbeitskraft" und nicht der Mensch im Mittelpunkt!




Linksruck Nr. 88, 1. Januar 1970





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