Anschaffen für die Miete

Immer mehr Frauen in Deutschland müssen sich aus Armut prostituieren.

Eine von ihnen ist Dara. Ihre Sozialwohnung im bitterarmen Dortmunder Norden ist kalt. Mitten im Winter ist ihr der Strom abgestellt worden. Ihren 9-jährigen Sohn hat sie deshalb zur Oma ausquartieren müssen. Auch die Miete ist noch nicht bezahlt.
Zusätzlich drücken 1.400 Euro Schulden. Eine Riesensumme für jemanden, der so arm ist. "Und jetzt weiß ich nicht weiter, wie ich das bezahlen soll", erzählt Dara den Reportern von monitor. "Ich bin mit den Nerven am Ende und nur am Weinen. Mein Sohn leidet auch sehr, sehr darunter". Die ständige Geldnot könnte Dara bald obdachlos machen. Ihr Kind würde ihr dann weggenommen werden.
Die lange Arbeitslosigkeit hat ihren Traum von einem normalen Leben zerstört. Den Weg in die Prostitution versucht sie aus Scham zu verheimlichen. Denn es ist nicht leicht, damit klarzukommen, den eigenen Körper und die eigene Sexualität aus Not verkaufen zu müssen.
Dara ist kein Einzelfall: "Immer mehr Frauen kommen mit der Sozialhilfe nicht mehr aus", sagt Gisela Zohren von der Dortmunder Mitternachtmission gegenüber Linksruck. Sie kümmert sich um Armutsprostituierte wie Dara. "Heute war ich wieder unterwegs und habe sehr viele neue Gesichter gesehen", erzählt sie. "Es sind auch viele Studentinnen darunter. Weil die Eltern nicht aushelfen können und weil Studenten kaum noch einen Job finden."
Durch die Reformen der Bundesregierung werden noch mehr Frauen in die Armutsprostitution getrieben. "Schröders Agenda 2010 ist für uns unannehmbar", schreibt der Frauenverband Courage in einer Stellungnahme: "Es trifft besonders Frauen und Familien. 1,2 Millionen Familien werden in die absolute Verarmung gezwungen."
Außerdem kriminalisiert der Staat die Armutsopfer und macht aus ihnen Täterinnen: "Wer in der Prostitution arbeitet, muss sich darauf einstellen, in eine Polizeirazzia zu geraten. Überall, wo der Prostitution nachgegangen wird, sei es im Club, in der Privatwohnung oder auf der Straße dürfen Polizisten jederzeit Kontrollen durchführen", beklagt die Prostituiertenorga-nisation Hydra.
Viele Prostituierte in Deutschland sind Einwanderinnen. Da es für Prostitution keine Arbeitserlaubnis von den Behörden gibt, müssen sie bei jeder Razzia fürchten, abgeschoben zu werden.

von Frank Eßers (E-Mail), Regina Sternal




Linksruck Nr. 172, 1. Januar 1970





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