Film "Unterwegs nach Cold Mountain": Nur die Liebe fehlt

Wie schon in "Der englische Patient" rauscht Regisseur Anthony Minghella an allen interessanten Themen gezielt vorbei.

Sein Pulver hat der Film schon nach einer viertel Stunde buchstäblich verschossen. Die Eröffnungsszene zeigt den Angriff der Nord- auf die Südstaaten im Bürgerkrieg der USA bei Petersburg 1864. Damals ließ ein Unions-General die Verteidigungsanlagen der Gegner untertunneln und vor dem Angriff in die Luft sprengen.
Was folgt ist ein filmischer Kanonendonner, Berge von Schlamm und Blut spritzen durch die Gegend, die Schmerzensschreie der Soldaten werden in Pulverqualm getaucht – ein blutigbrauner Weltuntergang, der den puren Horror des Krieges eindrucksvoll brutal verdeutlicht.
Doch um die Auswirkungen des Krieges auf die Menschen geht es in "Unterwegs nach Cold Mountain" eben nur am Rande. Vielmehr erzählt der Film die Geschichte der gebildeten Ada (Nicole Kidman), die mit ihrem Vater (Donald Sutherland) aus der Großstadt Charleston in das Dorf Cold Mountain in den Südstaaten zieht.
Dort verliebt sich Ada in den aufgeweckten aber wortkargen Schreiner Inman (zu Unrecht Oscar-nominiert: Jude Law). Doch die liebenden können nur einen einzigen innigen Kuss tauschen, dann folgt Inman den anderen kriegsbegeisterten Männern des Dorfes in die Südstaaten-Armee.
Während Inman im Gemetzel von Petersburg schwer verletzt wird, droht Ada – unfähig, ihre Farm allein zu versorgen – an der Heimatfront zu verhungern. Gleichzeitig schwingen sich verbrecherische "Heimatschutzmilizen" zu Diktatoren von Cold Mountain auf und ermorden desertierte Soldaten und ihre Familien.
Die vom Schicksal hart getroffenen Liebenden retten sich durch die düsteren Zeiten mit der Sehnsucht nacheinander. Und so flieht Inman schließlich aus dem Lazarett, um 500 Kilometer in die Heimat zu laufen, in ständiger Angst entweder als Feind oder Deserteur erschossen zu werden.
Doch weder Kidman noch Law schaffen es, der Fernliebe ihrer Figuren Leben einzuhauchen. Law versagt in der Darstellung des einfachen Inman gar vollständig und lässt sich von den zahlreichen Nebendarstellern auf seinem Weg an die Wand spielen, ohne eine Miene zu verziehen.
Als für Ada dann Hilfe in Person der zupackenden Landarbeiterin Ruby (berechtigter Oscar: Renée Zellweger) aufkeimt, wird noch deutlicher, wie unpassend Kidmans unterkühltes Spiel in diesem Film ist: Neben der wild über den Hof tobenden Ruby, geht Adas Schmerz beinahe unter. Sie wirkt ungefähr so sehnsüchtig wie ein kalt eingelegter Fisch.
Als Inman in einer der stärksten Szenen des Films bei einer Soldatenwitwe (mitreißend: Natalie Portman) unterschlüpft, erhofft sie sich sexuellen Ersatz für ihren Mann und einen neuen Vater für ihren Sohn. Natürlich bleibt Inman keusch, doch wenn man sich als Zuschauer fragt, warum er nicht bleibt und die weitaus uninteressantere Ada in den Wind schießt, hat der Film endgültig jede Wirkung verloren.
Wesentlich spannender wäre es gewesen, die sich wandelnde Einstellung der Figuren zum alles zerstörenden Bürgerkrieg zu zeigen, doch der Regisseur drückt sich größtenteils sogar um die Versklavung der Schwarzen in den Südstaaten herum: Während Ruby in der Romanvorlage von Charles Frazier eine frei gelassene Schwarze ist, hat Minghella sie mit der weißen Zellweger besetzt. "Unterwegs nach Cold Mountain" hätte alle Chancen gehabt, ein beeindruckender Film zu werden – wenn ihm nicht die Seele fehlte.

von Hans Krause




Linksruck Nr. 172, 1. Januar 1970





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