Algerien: Hauch der Revolution

Algerien erlebt die größten sozialen Unruhen seit dem Hungeraufstand von 1988. Die Zeitung L’Expression sprach bereits im Mai von einer "vorrevolutionären" Situation. Mitte Juni demonstrierten in der Hauptstadt Algier rund eine Million Menschen.

Islamistische Gefahr?

Westliche Regierungen tolerierten den algerischen Staatsterror als "kleineres Übel" gegenüber einer demokratisch gewählten islamistischen Regierung.

Jahrelang konnte die Regierung alle Probleme auf den Bürgerkrieg mit den Islamisten abwälzen. Dabei ist der Bürgerkrieg selbst nur das Ergebnis des Militärputsches von 1992, der den sicheren Wahlsieg der "Islamischen Heilsfront" (FIS) verhindern sollte. Westliche Regierungen und Medien haben stets den algerischen Staatsterror als "kleineres Übel" gegenüber einer demokratisch gewählten islamistischen Regierung toleriert.

Mittlerweile sind wichtige islamistische Parteien in die algerische Regierungskoalition eingebunden. Und viele Algerier vermuten, dass die Armee selbst hinter vielen der Massaker steckte, die in den vergangenen zehn Jahren rund 100.000 Tote forderte. So offenbarte unlängst ein ehemaliger Offizier der algerischen Armee, Habib Souaïdia, in seinem Buch, "Der dreckige Krieg": "Ich habe Kollegen gesehen, wie sie ein fünfzehnjähriges Kind lebendig verbrannten. Ich sah Soldaten als Terroristen verkleidet, wie sie Zivilisten massakrierten. Ich sah, wie Offiziere Islamisten bis zum Tode folterten."

Heute stellen die verbliebenen Terroristen keine militärische Bedrohung mehr für das Regime dar. Doch mitunter können Aktionen, die ihnen zugeschrieben werden, recht einträglich für herrschende Kreise sein. So gehören weite Landstriche der algerischen Küste zu den letzten, noch nicht erschlossenen Streifen am Mittelmeer. Scheinbar unmotivierte Massaker an Zivilisten in landschaftlich attraktiven Gebieten nahe des Meeres haben zur Flucht der Bauern geführt. Die so entsiedelten Räume eigneten sich staatlich-mafiöse Verbindungen an, um sie durch das Hochziehen von Hotelburgen gewinnbringend verwerten zu können.

Die Revolte begann, nachdem am 18. April ein Schüler auf einer Polizeistation erschossen wurde. Die ganze angestaute Unzufriedenheit über die staatliche Repression explodierte in allen Städten der Kabylei zwei Wochen lang. Aus vollen Kehlen riefen die meist jugendlichen Demonstranten "Staatsmacht – Mörder!". Die Wut war so groß, dass an vielen Orten die Wucht des Protestes die Polizei zu übermannen drohte. Diese antwortete mit scharfer Munition, und erschoss allein in der ersten Unruhewelle sechzig bis achtzig Menschen.

Es handelt sich keineswegs um einen reinen "Berber-Aufstand". Die Unruhen wurden von Beginn an durch die unglaubliche soziale Misere genährt. Sie hätten genauso gut in jedem anderen Teil des Landes explodieren können. In vielen Armutsvierteln beträgt die Arbeitslosigkeit bis zu 50 Prozent. In Fernsehreportagen kann man auf dem Land neunjährige Kinder für ihre Familie betteln sehen, weil der Vater im Bürgerkrieg gefallen ist, und sonst keine Einkommensquelle besteht.

Dabei ist Algerien als weltweit achtgrößter Exporteur von Erdöl ein reiches Land. Doch das Geld verschwindet in dunklen Kanälen, ohne dass die Bevölkerung in irgendeiner Form an diesem Reichtum teilhaben würde.

Unter dem Massendruck ist die Regierungskoalition auseinandergebrochen. Der Präsident Bouteflika versuchte lange Zeit, sich durch Schwanken zwischen purer Unterdrückung und Nachgeben an der Macht zu halten. In einer lang erwarteten Rede versprach er Anfang Mai zwei "Untersuchungskommissionen", die Aufklärung über die toten Demonstranten geben sollten.

Das war zu wenig, und viel zu spät. Das Misstrauen der Bevölkerung ist so groß, dass sie völlig neue Organisationsformen gebildet hat, die den Widerstand gegen die Regierung organisieren.

In der Folge flackerten die Unruhen wieder auf. Die Küstenstadt Bejaïa wurde durch einen eintägigen Generalstreik lahmgelegt. Die Studenten solidarisierten sich und bildeten ihrerseits Koordinationskommitees. "Auch wir demonstrieren, so wie die ganze Gesellschaft in diese Bewegung hineingezogen wird", so ein Student in Tizi-Ouzou.

Schließlich erreichte die Revolte Algier. Seitdem setzt die Staatsmacht offenbar ausschließlich auf Unterdrückung. Allein 110 Personen sind seit der Millionendemo verschwunden, und befinden sich wahrscheinlich immer noch in den Kellern von Polizei oder Militär. Alle Demonstrationen wurden für illegal erklärt. Doch Dutzende von Delegationen, die sich in Tizi-Ouzou versammelten, erklärten bereits, diesem Verbot trotzen zu wollen. Für den 5. Juli ist der nächste landesweite Marsch auf Algier vorgesehen.


von Frank Renken




Linksruck Nr. 111, 1. Januar 1970





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