Kommentar: Erdbeben in Indien - Warum mußten so viele Menschen sterben?

In ganz Deutschland wurden letzte Woche Spenden für die Erdbebenopfer in Indien gesammelt. Es gab ein Ausbruch von Mitgefühl und Mitleid für die Opfer, (von denen viele Verwandte in diesem Land haben). Fernsehbilder zeigten verzweifelte Menschen in Gujarat, die mit bloßen Händen Steine und Beton beiseite räumten, in der Hoffnung, ihre Lieben in den Trümmern zu finden. Wir wissen noch nicht genau, wie viele Menschen gestorben sind. Wahrscheinlich sind es alleine in der Stadt Bhuj 30.000. Mindestens 50.000 Menschen sind verletzt und eine halbe Millionen obdachlos. Viele weitere werden sterben als Ergebnis von Hunger, Durst, Kälte und Krankheit, die jetzt folgen. Das Erdbeben selbst war eine Naturkatastrophe. Aber die dadurch verursachten Tode und Zerstörungen sind keine Naturkatastrophen.

Sie sind das Produkt eines weltweiten Systems, das bedeutet, daß Geschäftsleute, auf der Suche nach Profit, wackelige statt sichere Gebäude errichten. Und Politiker setzen keine Sicherheitsstandards fest, weil die Geschäftsleute sie bestechen. Die schrecklichen Tode und Zerstörungen gab es, weil Gebäude, einschließlich Krankenhäuser, einstürzten. Sie fielen total zusammen.

Eine Etage stürzte auf die andere, weil Betonplatten wie Kartenhäuuser zusammenbrachen. Menschen starben, weil Mauern, die die Etagen stützen sollten, nach außen umfielen, so alle Träger entfernten und die Dächer zum Einsturz brachten. Hohe Gebäude schwankten und zerbrachen zu kleinen Stücken.

Das Krankenhaus von Bhuj brach während des Erdbebens über Patienten und Personal zusammen.Aber "die Behörden wissen, wie man Krankenhäuser schützen muß", sagt Ben Wisner von der International Geographic Unmion, die weltweite Sicherheitsstandards durchsetzen will."Es gibt keinen Grund, warum das zivile Krankenhaus in Bhuj einstürzen mußte."

Ingenieure sind in der Lage, Gebäude zu entwerfen, die stärkere Erdbeben aushalten können, als alle bisher vorgekommenen, und viel stärker als das in Gujarat.

Menschen starben, weil die Wasserversorgung ausfiel, die Kanalisation ihre Keller flutete, die Kommunikation zusammenbrach und Straßen von Schutt versperrt waren, so daß Hilfe nicht rechtzeitig durchkam.

Sie starben, weil Hilfskräfte nicht genügend Katastrophenausrüstung hatten. Sie hatten keine Kräne, keine Bulldozer oder Stromgeneratoren für Licht, um die Suchtrupps zu unterstützen.

Es war den rechten, chauvinistischen Hindus der BJP und der RSS überlassen, Medizin, Nahrung und alte Kleider zu verteilen.

Wie oft noch müssen sich solche schrecklichen Ereignisse wiederholen? Vor zwei Wochen erst kam es zu genau denselben Szenen in El Salvador. Das Land verlor unnötigerweise 40 Prozent seiner Krankenhauskapazitäten infolge eines Erdbebens. Im August 1999 kamen 40.000 Menschen bei einem Erdbeben in der Türkei ums Leben, das dem in Gujarat auffällig ähnelte. Das Geld, das die türkische Regierung in einem Jahr für Rüstung ausgibt, würde ausreichen, jedes Haus in der Türkei erdbebensicher zu machen. 1988 war es Armenien, 1985 Mexiko City und es geht weiter. Die Armen in den Entwicklungsländern sind der Gefahr besonders ausgesetzt. Überall in der Dritten Welt ziehen Kleinbauern und Arme auf der Suche nach Arbeitsplätzen in die Großstädte. Eine Milliarde Menschen leben zur Zeit in Barackensiedlungen. Von den fünfzig weltweit am schnellsten wachsenden Städten befinden sich rund vierzig in erdbebengefährdeten Gebieten. Pfuscher errichten wackelige Gebäude, Ingenieure werden gar nicht hinzugezogen, die armen Bewohner sind es nicht wert, daß Sicherheitskontrollen durchgeführt werden. Der indische Finanzminister teilt jetzt mit, er müsse die Weltbank um Hilfszahlungen von 1,5 Milliarden Dollar zum Wiederaufbau von Gujarat bitten. Doch der Wiederaufbau wird von genau der Profitgier und demselben Mangel an Investition und Planung begleitet sein, die vergangene Woche zu solchem Elend geführt haben. Indien, die Türkei, Mexiko alle diese Länder sind in der Gewalt von IWF und Weltbank. Die Ausbreitung der Großstädte und die Barackensiedlungen sind Teil des Marktsystems, von dem die Herrschenden dieser Welt sagen, wir bräuchten mehr davon. Zu diesem System gehören auch die Toten und die Zerstörung, wenn die Städte einstürzen.


von Sam Ashman




Linksruck Nr. 103, 1. Januar 1970





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