USA: widerstand@new.economy

"Diese Kampagne soll den Mythos beenden, dass High-Tech Arbeiter in der New Economy keine gewerkschaftliche Vertretung wollen, und dass Gewerkschaften im 21. Jahrhundert irrelevant sind." Marcus Courtney kämpft zur Zeit dafür, Amazon.com, die Vorzeige-Firma des elektronischen Handels, gewerkschaftlich zu organisieren. In Florida streiten die Anwälte der Demokraten und der Republikaner noch über den Wahlsieg. Währenddessen zeichnet sich schon ab, dass der zukünftige Präsident mit abflauendem Wirtschaftswachstum und zunehmendem Arbeiterwiderstand rechnen muss.

Der unendlich scheinende Boom der Clinton-Jahre geht zu Ende. Das Wirtschaftswachstum ging von 5,6 Prozent im Sommer auf 2,4 Prozent im Herbst zurück – das ist das geringste Wachstum seit 1996.

Weitere Anzeichen vervollständigen das Bild: Die Auftragseingänge für Investitionsgüter sanken um 5,5 Prozent, die Unternehmensgewinne stiegen um nur 0,6 Prozent.

Die Unternehmen in der New Economy sind besonders betroffen. Gewinnkorrekturen und erste Pleiten führten dazu, dass der Index der High-Tech-Börse Nasdaq seit März um 45 Prozent an Wert verlor.

Der Schein von einer neuen Wirtschaft mit riesigen Wachstumraten zerbröckelt – die alte Krise steht vor der Tür.

Gekündigt.com

Leidtragende werden die Arbeiter sein. 50 Prozent der US-Bürger besitzen Aktien – gegenüber 18 Prozent in Deutschland. Viele junge Unternehmen beteiligten ihre Angestellten mit Aktien, anstatt mit Tarifverträgen Lohnerhöhungen und Arbeiterrechte zu garantieren.

Das wurde jahrelang als Vorzug der New Economy gepriesen. Schon jetzt wirkt es sich katastrophal aus. Seit Dezember 1999 sackte der Wert der Anteile von Amazon.com von 130 auf 24 Dollar. Auch die Arbeitsplätze sind nicht sicher. Schon im Januar, nach dem letzten Weihnachtsgeschäft, feuert Amazon in der Hauptniederlassung in Seattle 250 Leute – eine halbe Stunde nach Arbeitsbeginn, ohne Warnung!

Trotzdem versuchte Amazon-Boss Jeff Bezos noch vor kurzem, seine Angestellten zu überzeugen: "Wir brauchen keine Gewerkschaft!". Er möge Gewerkschaften zwar sehr, aber nicht in seiner Firma. Dort sei jeder ein Mitbesitzer, also gebe es keine Teilung in Bosse und Arbeiter.

Doch inzwischen fordern selbst Arbeiter wie Scott Buss, die einmal auf Bezos’ Seite standen, gewerkschaftliche Vertretung am Arbeitsplatz: "Als vor anderthalb Jahren zum ersten Mal die Rede davon war, war ich völlig dagegen. Alles, was gegen eine Gewerkschaft sprach, hat sich ins Gegenteil verkehrt."

J.J. Wandler sagt, warum: "Pflicht-Überstunden, kein Urlaub an Feiertagen und plötzliche Schichtwechsel ohne Ankündigungen – das sind die Hauptgründe, warum wir gewerkschaftliche Vertretung wollen."

Klassenkampf

Amazon ist kein Einzelfall. Gretchen Wilson von der Gewerkschaft CWA erzählt: "Wir ertrinken in Anrufen von Internet-Arbeitern, die Interesse haben, sich zu organisieren oder Arbeiterrechte zu unterstützen."

Kein Wunder, denn die Internet-Bosse machen klar, dass sie sich schon immer als die einzigen Gewinner gesehen haben. "Wir haben unseren Angestellten nie versprochen, dass sie Internet-Millionäre werden würden." behauptete Robert Heiblim, Boss von Etown.com in San Francisco.

Etown versuchte Ende November, 28 Arbeiter zu feuern, darunter 13, die bei der CWA um gewerkschaftliche Unterstützung angefragt hatten und ihren Betrieb organisieren wollten. Der Ausgang ist noch unklar.

Ermutigend für die Gefeuerten: Die Kampagne der CWA bei Amazon.com zeigte Anfang Dezember erste Erfolge: Bezos gewährte kürzere Schichten an Feiertagen und kostenlose Massagen. Währenddessen sammeln die Gewerkschafter weiter Unterschriften unter Kollegen, die für die Anerkennung einer Gewerkschaftsgruppe nötig sind.

Alan Barclay von Amazon in Seattle ist selbstbewusst geworden: "Wir sind die Stimme des Konzerns, die mit den Kunden spricht und jetzt ist es Zeit, unsere eigene Stimme zu haben, und das heißt einen Tarifvertrag." Der schwächste Präsident, den die USA jemals hatten, wird bald der Notwendigkeit weiterer Angriffe gegenüber stehen. Und das bei einer Wiedererstarkung der amerikanischen Arbeiterbewegung – spannende Zeiten voraus.


von Jan Maas (E-Mail)




Linksruck Nr. 100, 1. Januar 1970





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