Argentinier zwangen Banken in die Knie: "Wir sind das Volk!"

Nach zwei Tagen voller Straßenschlachten und Demos am Mittwoch und Donnerstag vor Heiligabend hatten Entschlossenheit und Mut von Tausenden Arbeitern, Studenten, Hausfrauen, Rentnern und Kindern die Regierung bezwungen.

Massenaufstand gegen Neoliberalismus

Ein spontaner Aufstand. Das war es, was folgte, nachdem Demonstranten fünf Tage vor Weihnachten durch die Straßen von Argentinien strömten. Mindestens 23 Menschen wurden bei dem verzweifelten Versuch getötet, die Demonstrationen zu zerstreuen. Aber der gehasste Finanzminister Domingo Cavallo und der Präsident De la Rua mussten zurücktreten.

Der neue Präsident Rodriguez Saa wurde nach nur einer Woche am Sonntag vor Silvester durch eine neue Welle von Protesten aus dem Amt gezwungen. Es wurde nicht nur eine Regierung gestüzt. Es ist auch eine Niederlage für die größten Kapitalisten im Land, für die neoliberale Politik, die alle Regierungen der letzen zehn Jahre verfolgt haben, und für den IWF, der dabei geholfen hat.

Wie der Pressephotograph Ricardo Carcova berichtete: "Als ich nach der Verkündung des Ausnahmezustandes durch den Präsidenten die Züge aus all den Wohnvierteln der Stadt sah, dachte ich: Das ist wie der Fall der Berliner Mauer."

Es ist der Fall der neoliberalen Mauer. Saas neue Regierung sah sich gezwungen, die Rückzahlung der Auslandsschulden auszusetzen. Der Aufstand verbreitet Angst unter den Kapitalisten in aller Welt.

Die Financial Times merkte an, dass normalerweise in Wirtschaftskrisen Arbeiter sich nicht zu kämpfen trauen. Aber, so weiter, in Argentinien verursachte sie Wut statt Angst, was zu einer Herausforderung für das gesamte System führt.

"Wir brauchen echte Veränderung"

"Wir waren letzte Nacht hier und wir sind heute wieder hier, wie jeden Donnerstag," sagte eine der "Mütter des Plaza de Mayo". Seit zwei Jahrzehnten protestieren sie gegen die Massenmorde und das "Verschwinden" von Aktivisten unter dem damaligen Militärregime.

"Die Politiker sind alle Diebe und Mörder. Wir brauchen immer noch echte Veränderung." Berittene Polizei umstellt den Platz. Die Leute halten stand und singen: "Das Volk wird nicht weichen!"

Der Angriff beginnt mit Gas, Schüssen, Schlägen die Mütter des Plaza de Mayo stehen mit der Polizei Auge in Auge. Eine der Mütter, 90 Jahre alt, blutet aus der Nase.

Die Demonstranten werden wütend, wieder und wieder besetzen sie den Platz. Schließlich zieht sich die Polizei zurück. Die Leute singen: "Das vereinigte Volk wird niemals geschlagen werden."

El Pais, spanische Tageszeitung

Die Herrscher glaubten, dass Hunderte Polizisten und einige Tote ausreichen würden, den Menschen auch weiterhin ihre Entscheidungen aufzwingen zu können. Da haben sie sich geirrt.

Bereits seit einigen Wochen versammelten sich immer wieder Leute vor Supermärkten und verlangten nach Essen. Für den Montag vor Weihnachten organisierte eine Arbeitslosenorganisation solch eine Kundgebung, an der üer Tausend Leute teilnahmen.

Ein starkes Polizeiaufgebot und Hubschrauber über ihren Köpfen konnten die Demonstranten nicht einschüchtern. Schließlich gab der Filialleiter nach und ließ Tüten mit Essen verteilen.

Supermärkte

Am nächsten Tag beteiligten sich Hunderte an Aktionen gegen Supermärkte und Läden. Die Verzweiflung der Menschen und das Vorbild des Sieges vom Vortag trieb weitere Tausende auf die Straßen.

Am Mittwoch haben viele Läden bereits nicht mehr geöffnet, um der Enteignung durch die Bevölkerung zu entgehen. Aber an diesem Morgen waren Tausende schon bereit, alle Hindernisse wie Türen und Scheiben zu zerstören, die sie bei ihrer Suche nach den nötigen Dingen für sich und ihre Kinder aufhielten.

Im Laufe dieses Tages wurden hunderte Supermärkte im Land geplündert. Die Regierung sprach von "drohender Anarchie" und der Notwendigkeit, die Ordnung wiederherzustellen. Präsident De la Rua verkündete den Ausnahmezustand und stellte das Land unter Militärrecht.

Kaum war die Fernsehansprache beendet, begannen Leute mit Löffeln auf ihre Pfannen zu schlagen. Diese Protestform (caceroleadas) stammte aus der Schlussphase der Militärdiktatur.

In kürzester Zeit verlagerte es sich auf die Straße. Nach einer Stunde verstießen bereits über eine Million Menschen gegen das Militärrecht und demonstrierten.

"Haut ab!"

Gegen Mitternacht war der Plaza de Mayo voll. Anstatt dem verzweifelten Schrei "Wir wollen Essen!" riefen jetzt Tausende "Haut ab!"

Damit meinten sie nicht nur die Regierung, sondern alle führenden Politiker. Sie riefen Slogans gegen jeden einzelnen Prominenten der wichtigsten Parteien sogar gegen einige mit diesen Parteien verbundene Gewerkschaftsbosse.

Mitten in der Nacht griff die Polizei die Demonstranten mit Pferden, Stöcken, Schilden, Tränengas und Gummigeschossen an und verwandelten den friedlichen Protest in ein Schlachtfeld. Für viele war es die erste Demonstration. Es waren viele Kinder und alte Menschen dabei.

Aber es strömten immer mehr Menschen auf den Platz, ebenso wie die Treppen vor dem Parlamentsgebäude. Gleichzeitig umstellten Tausende den Präsidentenpalast und das Finanzministerium. Kurz darauf trat der Finanzminister zurück. Aber am Donnerstag ging es weiter.

Donnerstag

Gegen Mittag kamen wieder Leute zu diesem Platz, wo der Kampf zwischen Bevölkerung und Regierung ausgetragen wurde. Da waren Ungelernte und Facharbeiter, Studenten, die sich mit ihren T-Shirts vermummten, alte Frauen mit ihren Handtaschen, Straßenkinder, Angestellte mit Schlips und Kragen, Krankenschwestern in ihren Kitteln, indigene Bevölkerung, Mütter mit Kindern alle auf der gleichen Seite der Barrikaden.

Die Unterdrückung wurde brutaler. Die Polizei schoss mit scharfer Munition, viele wurden getötet oder verletzt.

Die Demonstranten reagierten mit Angriffen auf McDonalds, Banken und andere Symbolen des Kapitalismus und der Armut der Menschen. Sie setzten Gebäude und Fahrzeuge in Brand. Die Schlacht dehnte sich auf die ganze Stadt aus.

Am Nachmittag kam es wieder zu Kämpfen auf der Plaza de Mayo, als die regelmäßige Donnerstagskundgebung der "Mütter des Plaza de Mayo" zum Gedenken der Opfer der Militärdiktatur von der Polizei angegriffen wurde. Aber, unterstützt von vielen jungen Leuten, hielten die Frauen den Angriffen mit Pferden und Schüssen stand.

Am Abend trat der Präsident zurück. Die Regierung löste sich auf.

In den Straßen ging derweil die Auseinandersetzung ungemindert weiter. Hinzugekommen ist aber das Gefühl, gesiegt zu haben. Die Menschen auf der Straße haben eine Welt zu gewinnen.

Die Vorstellung von ihrer Macht, Tausende vereint und auf den Straßen kämpfend, wird nicht so schnell vergehen.

von Javier Carles, Mitglied der Schwesterorganisation von Linksruck in Uruguay




Linksruck Nr. 121, 1. Januar 1970





Dieser Artikel kommt von Linksruck
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