Wer sind die Taliban?

Wer ist die Nordallianz?

Bush will, dass Afghanistan zukünftig von der Nordallianz regiert wird. Die Medien stellen die Nordallianz als vernünftige Kraft dar.

Aber die Nordallianz ist nicht besser als die Taliban.

Der derzeitige Führer der Nordallianz, Abdur Rasheed, ist nur an einem Raubzug interessiert.

Noch bis 1992 kämpfte er auf Seiten der Sowjetunion.

Zeitweilig ging er sogar eine Allianz mit Hekmatyar ein, dem Mudschahedin-Führer, den die USA in ihrem Krieg gegen die Sowjetunion unterstützten.

Seine Politik ist nur insofern geradlienig, als er seine Machtbasis unter der usbekischen Minderheit im Nordwesten Afghanistans behalten will.

Diese Position nutzt er, um sich persönlich zu bereichern, nicht zuletzt durch den Drogenhandel.

Das selbe gilt für die übrigen Mudschahedin-Führer, auch für den pro-amerikanischen Hekmatyar.

Die Mudschahedin sind keine "Freiheitskämpfer", auch wenn Reagan sie damals so nannte.

Schon während ihres "Heiligen Kriegs" gegen die Sowjetunion bekämpften sie sich gegenseitig.

Auch der Rückzug der Sowjetunion brachte dem Land keinen Frieden.

Kabul wurde nicht von den Sowjets zerstört, sondern erst als die damalige Mudschahedin-Koalition an der Macht war.

In einem gescheiterten Versuch, die Macht an sich zu reißen, um die Beute des Kriegs nicht teilen zu müssen, bombardierte Hekmatyar mit Unterstützung der USA Kabul.

Die Mudschahedin-Führer sind nichts weiter als Söldner fremder Mächte, die sich persönlich bereichern wollen.

Bush präsentiert uns die Taliban als "Fanatiker". Deswegen würden die USA das Land bombardieren. Bundesaußenminister Fischer wiederum macht die Taliban für die Hungerkatastrophe in Afghanistan verantwortlich, und rechtfertigt damit Bushs Krieg.

Wer sind die Taliban wirklich? Und wie konnten sie mit einer anfangs nur 30 Mann starken Guerillatruppe an die Macht gelangen?

Bush lässt die afghanische Bevölkerung für Taten leiden, für die er die Taliban verantwortlich macht.

Die Taliban herrschen zweifelsohne mit beispielloser Brutalität.

Aber nicht alle Afghanen unterstützen die Taliban.

Die Herrschaft der Taliban ist auch keine Folge der islamischen Religion, oder fanatischer Ideologien.

Ihre Macht ist eine Folge der unglaublichen Armut, die das kapitalistische System Regionen wie Afghanistan aufzwingt.

Die Taliban-Bewegung ist sieben Jahre alt. Diese sieben Jahre brachten der afghanischen Bevölkerung großes Leid.

Aber die 15 davor waren noch härter.

Bis 1997, dem Jahr, in dem die Taliban als 30 Mann starke Guerillatruppe auftauchten, wurde Afghanistan von Krieg und Dürren verwüstet.

"Taliban" bedeutet "Student". Die Bewegung entstand aus einem Plan der USA und seines Verbündeten Saudi-Arabiens, der verhindern sollte, dass afghanische Flüchtlinge in den Flüchtlingscamps unter den Einfluss des islamischen Regimes im Iran gerieten, das damals von den USA bekämpft wurde.

Saudisches Geld floss in den Aufbau hunderter Religionsschulen, den sogenannten Madrassas, in und um die Flüchtlingscamps im Nordwesten Pakistans.

Dort wurde eine Version des Islam gelehrt, die der ultra-orthodoxen Wahabbisten-Schule der saudischen Königsfamilie ähnlich war.

Die Madrassas nahmen tausende junger Männer aus den Camps auf.

Diese Männer waren erst kürzlich aus ihrem gewohnte Leben in die Armut und Ungewissheit des Flüchtlingsdaseins gerissen worden. Ihre Religion war das Einzige, was ihnen geblieben war.

Der pakistanische Geheimdienst sah die Taliban, die Absolventen dieser Schulen, als eine Kraft an, die Ordnung in Afghanistan schaffen könne, um das Land unter pakistanische Vorherrschaft zu bringen.

Die USA unterstützten dieses Vorhaben, bald floss auch saudisches Geld.

Die Taliban versprachen, mit den "schlechten Muslims" aufzuräumen, die Afghanistan verwüsteten.

Das brachte ihnen anfangs die Unterstützung der afghanischen Bevölkerung. Auf dem Basar meinte man damals häufig: "Besser ein starker, schlechter Präsident, als sieben, die miteinander Krieg führen."

Nachdem sie 1996 Kabul eroberten, trat der US-Konzern Unocal mit ihnen in Verhandlungen über den Bau einer Pipeline.

Aber ende 1997 war klar, dass sie nicht ganz Afghanistan unter ihre Kontrolle bringen konnten, um die Pipeline möglich zu machen.

Jetzt wollen die westlichen Regierungen ihr eigenes Monster für die Tragödie in Afghanistan verantwortlich machen.

Verantwortlich für Hungersnot?

Bundesaußenminister Fischer rechtfertigte die Bombardements mit der Hungersnot in Afghanistan, die fünf Millionen Afghanen bedroht. Die Taliban müssten weg. Erst dann gäbe es Hoffnung für das Land.

Aber schon vor 30 Jahren gab es eine Hungersnot in Afghanistan. Damals regierte der König Muhammad Zahir Shah.

Er weigerte sich die Getreidespeicher zu öffnen. Um die 100.000 Menschen starben damals den Hungertod.

Das ist der selbe Mann, über den westliche Politiker spekulieren, ob er in Afghanistan wieder herrschen soll.

Die jetzige Hungersnot wurde durch 20 Jahre Krieg und Verwüstung verursacht.

Nach acht Monaten an der Macht zerbrach 1979 eine der Sowjetunion freundliche gesonnene afghanische Regierung.

Die Sowjetunion entsandte Truppen, übernahm die Regierung und führte Krieg gegen bewaffnete islamische Widerstandsgruppen, die Mudschahedin.

US-Präsident Reagan nutzte die Chance, um den Kalten Krieg mit der Sowjetunion anzuheizen. "Wir werden die Sowjetunion ausbluten lassen", so die damalige Formulierung der US-Regierung.

Die USA unterstützten verschiedene Gruppen, die sich gegen den Einmarsch der Sowjets wehrten.

Über die 80er Jahre lieferten die USA Waffen im Wert von 3 Milliarden Dollar an die Mudschahedin.

Die Lebensmittelproduktion pro Bauer war am Ende des Krieges nur noch halb so hoch wie davor.

Zwischen 1989 und 99 musste die Sowjetunion ihre Truppen schließlich zurückziehen.

Das Land bestand aus Ruinen. Zwischen 1,2 und 4 Millionen Afghanen starben in dem Krieg.

Um die 6 Millionen Afghanen lebten in Flüchtlingscamps in den angrenzenden Staaten Pakistan und Iran.

Nachdem der Krieg vorbei war, wollten die Supermächte nichts mehr mit dem Land zu tun haben, das sie vernichtet hatten.

Vor der Machtübernahme der Taliban bat die UNO um 124 Millionen Dollar für humanitäre Hilfe in Afghanistan.

Ende 1996 hatte sie erst 65 Millionen erhalten.

Letztes Jahr senkte die UNO ihre Anfrage dramatisch. Aber wiederum wurde sie nicht erfüllt, obwohl eine Hungersnot drohte.

Frauenunterdrückung

Auf einmal argumentieren westliche Liberale, der Krieg könne die afghanischen Frauen von ihrer Unterdrückung befreien.

Das Leben der Frauen unter den Taliban ist entsetzlich. Aber Bomben werden das nicht ändern.

Die Behandlung von Frauen durch die Taliban reflektiert die Rückschrittlichkeit der Dörfer, aus denen die Taliban stammen, und die Schrecken des Krieges.

Wie die meisten Guerillagruppen setzten sich die Taliban aus Männern zusammen, die Jahre ihres Lebens als Kämpfer verbrachten.

Die Anführer der Taliban fürchteten, dass ihre Soldaten sich genauso verhalten würden, wie die Soldaten der Mudschahedin. In den Kriegsjahren gab es massenhaft tätliche Angriffe auf Frauen und Vergewaltigungen.

Die Taliban behaupten, dass man Frauen durch Absonderung von den Männern schützen könnte.

Selbstverständlich bedeutet das keinen Schutz, sondern nur eine schreckliche Unterdrückung der Frauen.

Aber diese Art der Unterdrückung ist vom saudischen Regime kopiert, das von den USA unterstützt wird.

Frauen werden dort von dem Großteil der Jobs ausgeschlossen. Es ist ihnen nicht erlaubt, alleine zu reisen. In den Augen örtlicher Richter sind sie nur halb so viel wert wie Männer.

Die Behandlung von Frauen in Saudi-Arabien hindert westliche Politiker nicht, die saudische Regierung als wichtigen Teil ihrer Anti-Terror-Koalition zu behandeln.

Bush ist kein Verfechter von Frauenrechten. Er ist ein rechter Politiker, der das Recht auf Abtreibung einschränken will.

Als sein Vater Krieg führte, um Kuwait vor dem Irak zu "retten", gab es keine Beschwerden darüber, dass er ein Regime verteidigte, in dem Frauen nicht zur Wahl gehen dürfen.


von Bernhard Seidl




Linksruck Nr. 117, 1. Januar 1970





Dieser Artikel kommt von Linksruck
http://www.linksruck.de