Nach der Bonner Afghanistan-Konferenz:
Frieden in Afghanistan?

Nach neuntägigen Hinterzimmer-Verhandlungen hat die UNO-Konferenz auf dem Petersberg eine Einigung gebracht. Die Vereinten Nationen behaupten, der erste Schritt zu einer "breit angelegten und voll repräsentativen Regierung" sei vollzogen. Bei der Unterzeichnungszeremonie am Morgen des 5. Dezembers erklärte Bundesaußenminister Fischer feierlich, die Menschen in Afghanistan hätten nun eine "konkrete Friedensperspektive".

Wie die neue Regierung geschmiedet wurde

"Sie gehen auf dem Wasser. Sie sehen nur noch ihre Allmacht. Der Rest interessiert sie nicht", gab ein britischer Offizier nach seinem Besuch im amerikanischen Hauptquartier über die dortige Stimmung zu Protokoll. Ob diese Euphorie im Weißen Haus und im Pentagon gerechtfertigt ist, ist eine andere Frage.

Eric Margolis, ein Experte für die Region, kommentierte in der Los Angeles Times: "Während die Bush-Regierung damit beschäftigt war, Afghanistan in Stücke zu reißen, um bin Laden zu finden, ist ihr entgangen, dass die Russen die Hälfte des Landes übernahmen.
Diesen Sieg erreichten die Russen durch ihren Verbündeten, die Nordallianz. Moskau, das die Allianz seit 1990 unterstützt, hat sie nach dem 11. September wiederbewaffnet, mit neuen Panzern, bewaffneten Fahrzeugen, Artillerie, Helikoptern und Lastwagen."
Margolis schrieb, dass zur Verärgerung der USA und Pakistans "die Russen die Nordallianz drängten, auf Kabul zu marschieren, in klarer Zuwiderhandlung zu Bushs Anweisungen.
Die Russen haben wieder Einfluss in Afghanistan gewonnen, ihre Niederlage gegenüber den USA in dem Krieg der 80er Jahre wettgemacht, und die Bush-Regierung geschickt matt gesetzt."

Kabul
Die Nordallianz eroberte Kabul, und versucht Afghanistan ihren Stempel aufzudrücken. Sofort übernahm sie die drei Schlüsselministerien: das Außenministerium, das Innenministerium und das Verteidigungsministerium. Ihr Führer, Burhanuddin Rabbani, ernannte sich zum Staatsoberhaupt.
Aber die USA waren nicht bereit, der Nordallianz freie Hand zu lassen. Ohne einen eindeutigen Verbündeten in Afghanistan versuchten die USA sicherzustellen, dass keine Gruppe ein Machtmonopol aufbaut. Richard Armitage, der stellvertretende Außenminister, beschrieb das Ziel: "eine sehr lose zentrale Regierung, mit sehr wenig Macht".
Die USA und die UNO drängten darauf, dass neben der Nordallianz verschieden Gruppen und Führer aus der paschtunischen Bevölkerungsmehrheit an die Macht gebracht werden, während sich die Nordallianz hauptsächlich aus Tadschiken, Usbeken und anderen Bevölkerungsgruppen zusammensetzt.
Es war aber nicht klar, ob die Nordallianz das akzeptieren würde. Bezeichnenderweise landeten Mitte November 160 britische und amerikanische Spezialkräfte auf dem Bagram-Flugplatz, einem strategischen Punkt nördlich der Hauptstadt Kabul.
Der Afghanistan-Kenner Ahmed Rashdi meinte in einem taz-Interview, dass UNO und USA den Kriegsherren mit "Zuckerbrot und Peitsche" ihren Willen aufzwingen.

Ausland
Die meisten der Fraktionen in der Nordallianz werden von verschiedenen fremden Mächten unterstützt. Russland und Iran haben beide die Nordallianz unterstützt, und unterhalten enge Verbindungen mit bestimmten Gruppen innerhalb der Allianz.
Ebenso hat Indien die Nordallianz unterstützt, um ein Gegengewicht zu seinem Rivalen Pakistan zu haben, das die Taliban unterstützte, und jetzt versucht andere paschtunische Gruppen aufzubauen.
Diese Rivalitäten zwischen den fremden Mächten, allen voran zwischen Russland und den USA, können den Bürgerkrieg in Afghanistan vertiefen.
Schon in den 80er Jahren heizten die Supermächte USA und UdSSR einen Bürgerkrieg in Afghanistan an. Die USA pumpte sechs Milliarden Dollar nach Afghanistan, um ihrem sowjetischen Rivalen eine Niederlage zuzufügen.
Nachdem die UdSSR den Krieg verloren hatte, kehrten die USA dem Land den Rücken und überließen die Bevölkerung den Machtkämpfen der siegreichen Kriesgsherren. 50.000 Zivilisten starben in einem Machtkampf zwischen den Kriegsherren Massoud und Hekmatjar, als letzterer Kabul bombardierte.

Näher an der Wahrheit liegt der ehemalige afghanische Minister Ghulam Farukasam: "In Bonn wird jetzt wieder eine Regierung der Warlords eingerichtet statt einer des Friedens."

In der neuen afghanischen Regierung sitzen dieselben Verbrecher, die Afghanistan vor der Machtübernahme der Taliban schon einmal beherrschten.

Zwei "Parteien" haben sich auf die Aufteilung der Ministerämter, der Macht und der damit verbundenen Pfründe geeinigt: Die "Rom-Gruppe" um den ehemaligen König Zahir Schah und die Nordallianz.

Letztere ist eine brüchige Koalition von Kriegsherren und Drogenbaronen, deren Truppen sich aus unterschiedlichen Volksgruppen zusammensetzen.

Die Bilanz ihrer Herrschaft 1992 bis 1996 belief sich auf mehr als 50.000 tote Zivilisten, die in Machtkämpfen zwischen verfeindeten Kriegsherren starben.

Gul Agha, vor den Taliban Oberhaupt von Kandahar, und seine Kämpfer kehren nach der Wiedereroberung Kandahars zu ihren alten Gewohnheiten zurück Morden, Plündern und Vergewaltigen.

Die zweite Kraft innerhalb der neuen Regierung um den ehemaligen König Zahir Schah ist von der afghanischen Bevölkerung genauso weit entfernt wie die Nordallianz. Vor dreißig Jahren gab es unter ihm eine Hungersnot in Afghanistan.

Der König weigerte sich die Getreidespeicher zu öffnen. Um die 100.000 Afghanen starben den Hungerstod.

Kolonie

Die Übergangsregierung, die unter Druck der USA und der Vereinten Nationen ausgehandelt wurde, ist eine brüchige Koalition von Gangstern. An ihrer Spitze steht mit Präsident Hamid Karsai ein Vertrauter der USA.

In den 80er Jahren war er als Verbindungsmann zwischen dem amerikanischen Geheimdienst CIA und den Mudschahedin tätig. Ebenso wie die USA unterstützte er später die Taliban.

Aber sollte die Koalition zerbrechen, übernimmt ein UN-Gesandter die Regierung mit diktatorischen Vollmachten abgesichert durch dort stationierte, hauptsächlich amerikanische, UNO-Truppen.

Unter dem Deckmantel der Vereinten Nationen errichten die USA ein quasi-koloniales Regime in Afghanistan. Die afghanische Bevölkerung hat in dieser Regierung keine Stimme und Wahlen wurden in die entferntere Zukunft verschoben.

Um ihre Marionettenregierung an der Macht zu halten, werden die USA darauf angewiesen sein, die einzelnen Kriegsherren Afghanistans gegeneinander auszuspielen und immer weiter Öl ins Feuer gießen.


von Bernhard Seidl




Linksruck Nr. 120, 1. Januar 1970





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