Perspektiven für Afghanistan

Sämtliche Überlegungen, was nach den Bombardierungen in Afghanistan passieren soll, sind Pläne des "zivilisierten Westens" für diese Region. Die Bedürfnisse und Vorstellungen der dort lebenden Menschen spielen keine Rolle.

Die Nordallianz ist genauso verbrecherisch wie die Taliban, aber auch ein UNO-Protektorat wäre keine Lösung.

Die UNO wird vom Sicherheitsrat beherrscht, in dem die G-8 Staaten sitzen. Deswegen hat sich die UNO noch nie gegen Menschenrechtsverletzungen gestellt, die von den USA oder einem ihrer Verbündeten begangen wurden.

Die Bombadierung des Iraks 1991 durch USA und Großbritannien fand mit den höheren Weihen der UNO statt.

Eine Lösung kann nicht von außen kommen. Nur fortschrittliche Kräfte im Nahen und Mittleren Osten selbst, können Afghanistan eine Perspektive geben.

Die Bombardierung Afghanistans erschüttert den gesamten mittleren Osten. Sogar im weit enfernten Indonesien gibt es Massenproteste.

Aber die westlichen Medien, aber auch viele Linke, brandmarken die Demonstranten als "islamische Fanatiker". Für sie ist die islamische Religion das bestimmende Element, nach denen die sozialen Kämpfe im Nahen und Mittleren Osten bewertet werden. Deswegen seien die Kämpfe von Menschen, die islamische Vorstellungen haben, reaktionär.

Der Kampf der Palästinenser gegen die israelische Unterdrückung erscheint so von den selben religiösen Vorstellungen motiviert, mit denen das Saudi-arabische Königshaus seinen Machterhalt legitimiert.

Das führt dazu, das viele Linke dann doch den "aufgeklärten" Kolonialismus von NATO oder UNO dem "Islamischen Fundamentalismus" vorziehen.

Islam

Das Problem ist, das Ideen wie Religion oder Philosophie als das ausschlaggebende Element in der Entwicklung der Geschichte angesehen werden.

Ideen spielen eine Rolle in gesellschaftlichen Kämpfen, aber sie tun das in einem Rahmen von Klassenbeziehungen und entwickeln sich in konkreten Kämpfen je nach deren sozialem Inhalt.

Der Islam selber ist, wiel auch das Christentum, verschieden interpretierbar. Die verschiedenen Klassen greifen Aspekte der Religion heraus und verbinden sie mit ihren eigenen sozialen Interressen und Zielen. Für die alten Eliten ist wichtig, das die Religion eine göttlich sanktionierte Ordnug darstellt, die ihren Herrschaftsanspruch legitimiert und ihr Eigentum schützt.

Für die hauptsächlich kleinbürgerlich-klerikalen Islamisten hat die Religion eine doppelte Funktion. Zum Einen bietet sie das Vokabular für ihre Rhetorik gegen den Imperialismus, den "großen Satan" USA und den dekadenten Lebensstil der arabischen Königshäuser. Gleichzeitig dient sie zur Rechtfertigung der Unterdrückung ihrer eigenen Arbeiterklasse. Als nach der iranischen Revolution Arbeiterräte entstandenen, griff sie die als "unislamisch" an, da dort Frauen und Männer gemeinsam organisiert waren.

Für die Masse der armen Bevölkerung, der Landarbeiter, Arbeiter und städtischen Armen ist der Islam der "Aufschrei der geknechteten Seele, ... das Herz in einer herzlosen Welt, ... das Opium des Volkes"(Marx).

Die Abgrenzung zum ungläubigen Westen reflektiert ihren berechtigten Hass auf den Imperialismus. Die im Koran enthaltene Verpflichtung der Reichen, den "Zakat", den "Zehnten" abzugeben, scheint eine Antwort auf ihr eigenes soziales Elend zu sein.

Alle diese unterschiedlichen Klasseninteressen äußern sich in dem selben Vokabular. Es wundert so auch nicht, wenn nigerianische Jugendliche auf Demonstrationen Bilder von Bin Laden mit sich tragen.

Um eine wirkliche Antwort auf das soziale Elend und den Imperialismus zu geben, müssen sich die verarmten Massen von ihrer kleinbürgerlich-klerikalen Führung emanzipieren.

Streiks

Die Streiks in Islamabad zeigen auf eine andere Möglichkeit. Es gibt eine moderne Arbeiterklasse im mittleren Osten. Diese Arbeiterklasse kann ihre ökonomische Kampfkraft gegen den Imperialismus einsetzen . Sie kann die "Teile und Herrsche" Strategie der US-Aussenpolitik überwinden, weil sie in den industriellen Zentren in allen Ländern, im Iran, Irak, Pakistan und Indien vorhanden ist und ein gemeinsames Interesse mit den Unterdrückten in Afghanistan und Palästina hat.

In diesen Kämpfen kann die Arbeiterklasse das Selbstbewusstsein entwickeln, selbstständig mit ihren eigenen Forderungen zu kämpfen, unabhängig von "ihrem" nationalen, klerikalen Kleinbürgertum. In solchen Kämpfen müsste sie mit einem reaktionären Frauenbild brechen, dass sie an gemeinsamer Gegenwehr hindert; ebenso mit Vorstellungen über ein jenseitiges Paradies zugunsten Forderungen nach einem angemessenen Leben im Diesseits. Ideen ändern sich in konkreten sozialen Bewegungen.

Heute scheint diese Perspektive eines internationalen selbständigen Kampfes der Arbeiterklasse sehr weit entfernt.

Aber es gibt etwas Neues in der Weltpolitik, das diese Perspektive näher bringen kann: Die antikapitalistische Bewegung egal in welchem Land sie stattfindet, von welchen Regierungen sie gestützt wird, und mit welcher Ideologie sie verteidigt wird.

Diese Bewegung kann der Zündfunke für eine internationale, antikapitalistische Arbeiterpolitik sein, wenn sie die sozialen Bedürfnisse der Menschen in der Region aufgreift, sich gegen die Kriegspolitik der USA und ihrer Verbündeten stellt und sich mit den Menschen in den islamischen Ländern solidarisiert, unabhängig von ihrem religiösen Vokabular.

Die Proteste gegen die nächste WTO-Verhandlungsrunde in Katar sollte deswegen die Forderungen der streikenden ArbeiterInnen in Pakistan aufgreifen und sich für eine Verbesserung der Lebensbedingung und gegen die Präsenz von US-Militär im Nahen und Mittleren Osten einsetzen.


von Jan Dahlhaus




Linksruck Nr. 116, 1. Januar 1970





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