Antifaschismus: Aufstand am Ende?

Vor einem Jahr rief Kanzler Schröder den Aufstand der Anständigen im Kampf gegen die Nazis aus. Dagegen verspüren AntifaschistInnen heute statt verbaler Unterstützung oftmals Polizeiknüppel. Ist der Kampf gegen die Nazis gescheitert? Ein beständiges Ringen um breite und entschlossene Bündnisse kann Erfolge gegen die Nazis bringen. Das zeigte sich in den vergangenen Monaten in Kiel.

Öffentliche Auftritte von Neonazis waren in Kiel seit den frühen 90er-Jahren eine Seltenheit. Dies hat sich in letzter Zeit allerdings spürbar geändert. Seit etwa einem Jahr versucht sich der neugegründete NPD-Kreisverband Kiel-Plön mit regelmäßigen öffentlichen Aktionen im Kieler Raum zu etablieren.

Über Monate konnten die Nazis allerdings deutlich um Unauffälligkeit bemüht ihre Aktionen durchziehen. Dabei kam es zwar hin und wieder zu eher zufälligen Zusammenstößen mit einzelnen Antifaschisten, wobei die Nazis sich zunächst schnell verzogen, jedoch nicht zu einem organisierten größeren Widerstand.

Und das, obwohl sich auch in Kiel mehrfach ein fantastisches Potential dafür zeigte. So gründete sich vor etwa einem Jahr ein gewerkschaftlich geprägter "Runder Tisch gegen Faschismus", an dessen Auftaktveranstaltung sich 200 Menschen beteiligten. Dieses Bündnis mobilisierte am 9. November letzten Jahres über 5.000 Menschen zur größten Anti-Nazi-Demo in Kiel seit 1993. Am Auschwitz-Gedenktag im Januar gingen 4.000 Schüler auf die Straße.

Sowohl der Runde Tisch, als auch die traditionell autonom geprägte Antifa erwiesen sich jedoch als unfähig, aus diesem Umfeld dauerhaft zu gewinnen.

Beim Runden Tisch wurden monatelang aufreibende inhaltliche Debatten um eine "Kieler Erklärung" gegen Rechts geführt. Die Beteiligten verzichteten in dieser Zeit weitgehend auf eine Außenorientierung. Die autonome Antifa dagegen kritisierte die genannten Demos als "staatstragend".

Aus den verschiedenen Spektren fand sich anfangs nur eine Handvoll Leute, die den Ernst der Lage erkannten und gemeinsam zu handeln begannen.

Die weitgehende Passivität der Linken hatte Auswirkungen auf das Selbstbewusstsein der Faschisten, die regelmäßiger, personell stärker und provokativer auftraten und immer weniger Bereitschaft zeigten, sich vertreiben zu lassen.

Zwischen April und Juni kam es dann an acht Samstagen in Folge zu Auseinandersetzungen in der Innenstadt. Eindringliche Appelle beim Runden Tisch und der Antifa, sowie hartnäckige Öffentlichkeitsarbeit zeigten endlich Wirkung: 15, 30, 50, schließlich bis zu 80 Antifaschisten konfrontierten die Faschisten. Passanten äußerten sich überwiegend empört und mit uns solidarisch.

Die Nazis waren so gezwungen, ihr Auftreten zu ändern: Anfangs waren es kleine Gruppen, die sich betont unauffällig, "demokratisch" und "gewaltfrei" verhielten. Mit entschlossener Gegenwehr konfrontiert, zeigten sie allerdings ihr wahres Gesicht: Sie mobilisierten landesweit manchmal bis zu 35 Anhänger und bewaffneten sich. Etliche Nazi-Schläger, die dann auch mehrfach gewalttätig wurden, waren zur Einschüchterung und Absicherung ihrer Aktionen abgestellt. Das Verteilen ihrer Propaganda trat immer mehr in den Hintergrund.

Trotz dieser Einschüchterungstaktik wurden die Nazis mehrfach vertrieben oder ihre Aktionen durch Aufklärung der Passanten faktisch entwertet.

Ohne das massive Eingreifen der Polizei mit bis zu zwei Hundertschaften zum Schutz der Nazis wären die Nazi-Aktionen bald wohl gar nicht mehr möglich gewesen.

Trotzdem ging die erste Runde in dieser Auseinandersetzung an uns. Nach unserer Kenntnis sind die Nazis seit Anfang Juni nicht mehr in der Innenstadt aufgetaucht.


von Christian Godau




Linksruck Nr. 113, 1. Januar 1970





Dieser Artikel kommt von Linksruck
http://www.linksruck.de