marxismus aktuell:

Ohnmacht führt zu Gewalt

US-Präsident Bush meint, die Ursache von Terrorismus seien Terroristen. In Wirklichkeit gebiert die Gewalttätigkeit der Gesellschaft Terrorismus, argumentiert Stefan Ziefle.

Terroristen werden häufig als kranke Elemente in einer ansonsten gesunden Gesellschaft dargestellt – als gäbe es auf der einen Seite die „Fanatiker“ oder „Verrückte“ und auf der anderen Seite die „normalen Menschen“ wie du und ich.
Natürlich sind Anschläge wie in Madrid, bei denen über 100 unschuldige Menschen gestorben sind, grundfalsch. Aber wir müssen verstehen, dass es diese Gesellschaft ist, die Menschen zu Terroristen macht.
Bush & Co haben natürlich Recht, wenn sie betonen, dass Wut und Hass eine Rolle bei der Entstehung von Terrorismus spielen. Aber sie lügen, wenn sie behaupten, dass der Hass sich gegen Demokratie und Freiheit richten würde.
Die Wut der Terroristen richtet sich fast immer gegen große Ungerechtigkeiten in der Welt. 1968 haben der millionenfache Mord in Vietnam, die Übernahme hochrangiger NSDAP-Funktionäre in deutsche Führungspositionen und soziale Ungerechtigkeit weltweit zehntausende Aktivisten in eine grundlegende Opposition zum deutschen Staat getrieben. Eine Minderheit hat dabei auf bewaffneten Kampf gesetzt – das war die Geburtsstunde der Roten Armee Fraktion.
Heute bringt vor allem die US-Regierung mit ihrer Unterstützung Israels und verschiedenster brutaler Diktaturen Menschen in aller Welt gegen sich auf.
Terrorismus ist eine politische Strategie im Kampf gegen Ungerechtigkeit. Aber wütende Menschen werden erst dann zu Terroristen, wenn sie keine Möglichkeit sehen, mit demokratischen Mitteln etwas an der Welt zu ändern. Das Gefühl der Ohnmacht kann dann zu verzweifelter Gewalt führen.
Schon unter „normalen“ Bedingungen ist ohnmächtige Wut eine Alltagserfahrung im Kapitalismus. Dein Lehrer, dein Chef oder dein Sachbearbeiter hat dich wieder einmal ungerecht behandelt und du kannst nichts, aber auch gar nichts dagegen tun.
Eine kleine Minderheit hat die Kontrolle über die wirklich wichtigen Dinge in unserem Leben. Einige zehntausend Manager und Superreiche und ihre Freunde in der Politik entscheiden über unser aller Schicksal. Siemens baut Arbeitsplätze ab und verlangt von den verbliebenen Beschäftigten längere Arbeitszeiten. Und die Agenda 2010 treibt Hunderttausende in die Armut.
Deswegen werden wir nicht alle zu Terroristen. Aber wenn viele Menschen Wut und Ohnmacht fühlen, wird es immer einige geben, die zu terroristischen Methoden greifen werden.
Die Ohnmacht ist besonders tief in von den USA unterstützten Diktaturen, wie Saudi-Arabien oder Ägypten. Dort gibt es keinerlei demokratische Rechte, keine freien Gewerkschaften oder Parteien und kein Recht darauf, Widerstand zu organisieren.
Auch in Deutschland stoßen gerade Muslime und Migranten mit ihren Anliegen meist auf Ablehnung oder bestenfalls auf Ignoranz.
Unter diesen Bedingungen ist es verständlich, dass unter den Menschen, die ihre ohnmächtige Wut durch konspirative und gewalttätige Aktionen zu überwinden versuchen, verhältnismäßig viele Menschen aus solchem Hintergrund zu finden sind.
Aber es wäre ein Irrtum, zu glauben, dass Terrorismus irgendetwas mit einer speziellen Religion oder Nationalität zu tun hätte. Letzten Endes sind sowohl die Ursachen, als auch die Methoden bei allen Terroristischen Gruppen dieselben – egal ob sie rote Fahnen hochhalten, wie die RAF in Deutschland, oder grüne, wie die Al Kaida, oder nationale, wie die baskische Eta in Spanien oder die IRA in Irland.
Und egal unter welcher politischen Losung sich Terroristen organisieren, Terrorismus ist kein wirksames Mittel gegen die Ungerechtigkeit. Er gibt den Regierungen einen Vorwand, für weitere brutale Ungerechtigkeiten. So organisierten die Geheimdienste in Spanien und Italien in den 70er Jahren angesichts starker sozialer Bewegungen selbst Terroranschläge und schob sie der Linken in die Schuhe.
Wenn das Grundproblem die undemokratische Struktur der Gesellschaft ist, dann ist eine grundlegende Demokratisierung der Gesellschaft erforderlich. Und was kann besser wahre Demokratie erreichen, als eine demokratische Massenbewegung?

von Stefan Ziefle




Linksruck Nr. 177, 1. Januar 1970





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