Libanon: Armee schießt auf Streikende

500.000 Menschen haben im Mai gegen die Erhöhung der Benzinpreise demonstriert und gestreikt. Die Armee hat vergeblich versucht, die Proteste zu zerschlagen.

Beirut, 27. Mai: Die Fahrer der öffentlichen Verkehrsmittel versammeln sich um 11:00 Uhr in der Innenstadt. In ganz Libanon gibt es ähnliche Treffen.
Die Demonstranten ziehen Richtung Hay el Solom, einem südlichen Vorort von Beirut, wo die Taxifahrer ein Sit-In organisiert haben. Viele Taxifahrer mussten ihre Kinder aus den öffentlichen Schulen nehmen, weil sie die Gebühren nicht mehr zahlen können. Sie haben Probleme, überhaupt noch ihre Familien zu ernähren.
Die Armee umzingelt das Treffen mit Panzern. Soldaten marschieren auf die Demonstranten zu und schießen mit scharfer Munition in die Luft.
Als die Demonstranten nicht nach Hause gehen, sondern mit Steinen werfen, eröffnet die Armee das Feuer. Sie tötet fünf Menschen und verletzt ein Dutzend weitere.
Später verhängt die Regierung den Ausnahmezustand. Die Armee verprügelt und verhaftet Unschuldige. Viele sind bis heute gefangen.
Die Proteste weiten sich aus und erreichen schließlich das Arbeitsministerium, das niedergebrannt wurde. Einheiten der Armee sperren Straßen ab. Auf der einen Straßenseite steht die Armee, auf der anderen brennen Autoreifen und Barrikaden.
Die Soldaten haben am 27. Mai fünf Menschen erschossen. Das ist kein Einzelfall: Schon am 8. und 9. März haben Soldaten auf Demonstranten in Beirut geschossen und einige Menschen brutal verprügelt – darunter ein Kind. Vor zwei Jahren sind Truppen in ein palästinensisches Flüchtlingslager einmarschiert und haben mehrere Menschen erschossen.
Für die Medien, die Regierung und das Parlament ist auch das jüngste Massaker keine Debatte wert.
Keine der politischen Parteien hat sich bei den Demonstranten entschuldigt.
Stattdessen haben sie die Demonstranten aufgerufen, sich „zivilisiert“ zu benehmen.
Der libanesische Gewerkschaftsbund GLC, der zu den Protesten aufgerufen hatte, erklärte die Proteste für beendet. Er mahnte die Demonstranten, nach Hause zu gehen und „nicht die Gesetze zu brechen“.
Auch die Medien stellen die Macht des Militärs nicht in Frage. Sie schreiben, dass die Armee rote Linien zieht, die eben niemand übertreten dürfe.
Doch viele Demonstranten planen gemeinsame Aktionen für die nächsten Tage, um zu verhindern, dass das Thema in der Stille der parlamentarischen Debatten versinkt. Linke Aktivisten dokumentieren weiterhin alles, was vor sich geht.
Sie laden zu einem Treffen ein, um weitere Aktionen zu planen. Sie wollen die bisherigen Proteste mit denen der Lehrergewerkschaft verbinden.
In einer Presseerklärung verurteilen sie das Vorgehen der Armee in Hay el Solom als Massaker an Zivilisten und stellen klar, dass die Demo keineswegs illegal gewesen ist. Denn sie hat genau den Schmerz und die Frustration ausgedrückt, worunter die Menschen hier leiden. Hunger, Armut und Arbeitslosigkeit sind die wahren Verbrechen.
Gastbeitrag von Bass’em aus Beirut

Linksruck Nr. 179, 1. Januar 1970





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