Zum Tod von Marlon Brando:

Der Pate wollte die Revolution

Marlon Brando brachte die Wirklichkeit ins Kino und kämpfte dafür, sie zu verändern.

„Ich habe ein Stück von Tennessee Williams gesehen, und da war eine Bestie auf der Bühne.“ Das schrieb der Schriftsteller Jean Cocteau 1948, nachdem er im Theater „Endstation Sehnsucht“ mit Marlon Brando in der Hauptrolle gesehen hatte.
Brando spielte einen Ehemann, welcher der Schwester seiner Frau ihre sexuelle Freizügigkeit vorwirft und sie am Ende vergewaltigt, um seine Herrschaft im Haus zu erhalten. In diese Rolle legte Brando schon mit 24 Jahren so viel Selbsthass und brutale Gewaltausbrüche, dass er bald von den berühmtesten Hollywood-Regisseuren entdeckt wurde und die Schauspielerei revolutionieren konnte.
In einer Zeit, als Leinwandhelden wie Cary Grant der Scheitel selbst dann nicht verrutschte, wenn sie mit Gewehren beschossen wurden, brachte Brando die Wirklichkeit ins Kino. Er lief mit zerrissenem Unterhemd herum, fummelte an seinem Hals rum und umschlang seinen Oberkörper, als Zeichen der Verwundbarkeit seiner Figuren.
1951 wurde der Schauspieler mit derselben Rolle in der Verfilmung weltweit berühmt. Als Anführer einer Motorradgang Brando wurde 1953 in „Der Wilde“ endgültig zum Star einer Jugend, die gegen die konservative Moral der 50er protestierte.
Aufbegehrt hat Brando nicht nur vor der Kamera. Er nahm 1963 am Marsch auf Washington der Schwarzenbewegung unter Führung von Martin Luther King teil.
Später ging der Schauspieler zu mehreren Treffen der Black Panther Partei, die in den 60ern in den USA berühmt wurden, weil sie sich unter anderem mit Waffen gegen die Gewalt der Polizei wehrten. Brando spendete große Summen für die Black Panther und klagte die Polizei im Fernsehen für die Ermordung eines Mitglieds der Partei an.
Über den ermordeten Führer der Schwarzenbewegung Malcolm X sagte Brando: „Er war ein besonderer Mensch, der eine Revolution hätte führen können. Die amerikanische Regierung konnte ihn nicht leben lassen.“
1973 wurde Brandos politischer Kampf weltweit bekannt, als er den Oscar für die Rolle des Don Corleone in „Der Pate“ nicht annahm. Er schickte eine Frau zur Verleihung, die erklärte, dass Brando den Preis wegen der rassistischen Politik der USA gegenüber den Ureinwohnern nicht annehme.
Das letzte große Meisterwerk des Schauspielers war 1979 „Apocalypse Now“. Hier gelang es Brando wie keinem anderen, Horror und Wahnsinn des Krieges in eine einzige Figur zu packen.
Marlon Brando hat immer wieder gegen Unterdrückung gekämpft – im wirklichen Leben, wie im Kino, als einer der größten Schauspieler des letzten Jahrhunderts.

von Hans Krause




Linksruck Nr. 181, 1. Januar 1970





Dieser Artikel kommt von Linksruck
http://www.linksruck.de