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Rüstungskapitalismus:

Das Wirtschaftswunder: Ist eine Wiederholung möglich?

Das "Wirtschaftswunder" ist zwar ein deutscher Begriff, aber die Erfolgsstory war keineswegs auf Deutschland beschränkt. Der britische Historiker Eric Hobsbawm bezeichnet die Jahre von 1950 bis 1973 in seinem Werk über das 20.Jahr-hundert ("Das Zeitalter der Extreme") als die "Goldenen Jahre".
Nicht nur die Industrieländer des Westens erlebten in dieser Zeit einen ungeahnten Aufschwung, sondern auch der Osten: Äußeres Zeichen war der Vorsprung der UdSSR vor den USA in der Raumfahrt, der bis zur Landung der Amerikaner auf dem Mond 1969 anhielt. In der Dritten Welt konnte zwar von Massenwohlstand keine Rede sein, aber immerhin wuchs die Produktion von Lebensmitteln in dieser Zeit schneller als die Bevölkerung - ein krasser Gegensalz zur Entwicklung der folgenden zwanzig Jahre bis heute.
Natürlich hatte man nach dem Ende des Krieges mit einer Wiederbelebung der zivilen Wirtschaft rechnen können. Aber das Ausmaß und die Dauer des Booms war von niemand vorhergesehen worden. Selbst wenn man die ersten zehn Nachkriegsjahre nicht berücksichtigt, ergeben sich beeindruckende Zahlen: Zwischen 1955 und 1975 verdoppelte sich die Produktion in Großbritannien (nicht ganz) und den USA, in Frankreich und der UdSSR stieg sie auf fast den dreifachen Wert, in Westdeutschland noch etwas mehr und in Japan auf mehr als das Fünffache.
Das Wirtschaftswachstum brachte den Abbau der Nachkriegs-Arbeitslosigkeit und zunehmenden Wohlstand auch für die Arbeiterschaft mit sich. Die Zustimmung zum kapitalistischen System und seinen politischen Vertretern wuchs. 1959 gewann der konservative britische Premierminister Macmillan die Wahl mit der sehlichten Parole "You've never had it so good". Zwei Jahre zuvor hatte in Westdeutschland CDU-Kanzler Adenauer mit dem Slogan "Keine Experimente!" die absolute Mehrheit gewonnen.
Man brauchte sich bloß daran zu erinnern, wie die Welt zwölf Jahre nach dem ersten Weltkrieg ausgesehen hatte: Krise und Massenarbeitslosigkeit prägten das Bild, und in Deutschland begann der Aufstieg der Nazis. Damit verglichen, mußte man Ende der Fünfziger Jahre den Eindruck gewinnen, daß alle Probleme des kapitalistischen Systems gemeistert wären.
Das hätte sich in den ersten Nachkriegsjahren nicht einmal die CDU träumen lassen. In ihrem oft zitierten Ahlener Programm von 1947 hatte sie das Versagen des Kapitalismus festgestellt.
Für Sozialisten stand ohnehin fest, daß die kapitalistische Wirtschaftsordnung keine Zukunft mehr hatte. Die Krise der Dreißiger Jahre hatte den Weg zur Nazi-Diktatur und zum Weltkrieg eröffnet. Darin zeigte sich überdeutlich, daß das auf Profit und Konkurrenz gebaute System nicht mehr funktionierte. Genau wie es Karl Marx und Friedrich Engels im Kommunistischen Manifest schon 100 Jahre zuvor beschrieben hatten: "Die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor."
"In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus", hieß es weiter, "welche allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre - die Epidemie der Überproduktion."

Kapitalakkumulation

In seinem später verfaßten Werk "Das Kapital" stellte Karl Marx dar, worin die Gesetzmäßigkeit besteht, die das kapitalistische System in die Krise treibt. Die Konkurrenz zwingt die einzelnen Kapitalisten dazu, einen möglichst hohen Anteil des Gewinns immer wieder neu zu investieren. Wer seine Produktionsanlagen nicht erneuert, ausbaut und nach Möglichkeit so verbessert, daß die Arbeitsproduktivität steigt, der läuft Gefahr, im Konkurrenzkampf auf der Strecke zu bleiben.
Das führt dazu, daß ein ständig wachsender Anteil des Kapitals für Maschinen, Anlagen und Rohstoffe aufgewendet wird. Marx nannte das den Anstieg der organischen Zusammensetzung des Kapitals. Die Folgen werden am besten erkennbar, wenn wir eine kleine Beispielrechnung aufmachen:
Nehmen wir an, ein Arbeiter verbraucht und verarbeitet an einem achtstündigen Arbeitstag Materialien, für deren Herstellung zwanzig Arbeitsstunden aufgewendet wurden. Morgen oder nächstes Jahr führen neue Investitionen dazu, daß in acht Arbeitsstunden Materialien im Wert von vierzig Stunden verarbeitet werden.
Die Investition hat eine Steigerung der Produktivität bewirkt. Wie wirkt sich das aus? In der Ausgangssituation mußte der Arbeiter vielleicht in den ersten vier Stunden seinen eigenen Lohn erarbeiten. Die restlichen vier Stunden stellen den Mehrwert des Kapitalisten dar. Wenn wir ganz großzügig annehmen, daß die Produktivität verdoppelt wurde, hat der Arbeiter jetzt seinen Lohn in zwei Stunden erarbeitet, Der Mehrwert erhöht sich auf sechs Arbeitsstunden.
Das hört sich gut an, stellt sich für den Kapitalisten aber letztlich als Rückschritt dar. Anfangs mußte er nämlich Kapital im Wert von 24 Arbeitsstunden investieren (20 für Arbeitsmittel, vier für Lohn), um 4 Stunden Mehrwert zu erhallen. Nach der Verbesserung der Arbeitsproduktivität gibt es zwar 6 Stunden Mehrwert, aber die Kosten betragen 42 Arbeitsstunden (40 + 2).
Die Profitrate, d.h. das Verhältnis des Profits zum eingesetzten Kapital, ist von l/6 (16,7%) auf 1/7 (14,3%) gesunken.
Das klingt erstmal nach einem Rechentrick, hat aber durchaus seine Entsprechung in der kapitalistischen Wirklichkeit. Nicht umsonst klagen die Unternehmer über die ständig steigenden Investitionskosten pro Arbeitsplatz. Nicht umsonst stehen Schichtbetrieb und verlängerte Maschinenlaufzeiten ganz oben auf ihren Wunschlisten. Und nicht umsonst heißt das Modewort in den Vorstandsetagen seit einigen Jahren "shareholder value" - das Hauptaugenmerk richtet sich auf die Kapitalrendite, die nichts anderes darstellt als die Profitrate.
Dabei verfolgen Investitionen, die zu wachsender Arbeitsproduktivität führen, natürlich das Ziel, die Profitrate zu erhöhen - und nicht, sie zu senken. Im Erfolgsfall erreichen sie dieses Ziel auch, denn ein Untern eh men, das im Wettbewerb eine höhere Produktivität erreicht, wird auch höhere Gewinne machen, auf Kosten der Konkurrenz. Im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt jedoch führt die Steigerung der "organischen Zusammensetzung" des Kapitals zum Rückgang der Profitrate. Karl Marx nannte dies das "Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate" und er sah darin die Hauptursache für die immer wiederkehrenden Krisen des kapitalistischen Systems.
Nun muß ein Rückgang der Profitrate von 16 auf 14 Prozent sich nicht unbedingt dramatisch auswirken. Vor allem wachsende Unternehmen können das wegstecken, denn 14 Prozent von 120 Millionen sind immer noch mehr als 16 Prozent von 100 Millionen.
Aber allein die Erwartung sinkender Profitraten bewirkt, daß eines Tages vielleicht schon bei einem leichten Konjunklurrückgang geplante Investitionen aufgeschoben werden. Das gilt um so mehr, wenn ein großer Teil des erforderlichen Kapitals als Kredit zu einem festen Zinssat?, aufgenommen werden muß. Und dann setzt eine Keltenreaktion ein, weil nun die Hersteller von Investitionsgütern mit rückläufigen Aufträgen rechnen und ihrerseits Investitionen zurückstellen oder gar Betriebe schließen.
Der von Marx beschriebene tendenzielle Fall der Profitrate führt also nicht dazu, daß die kapitalistische Wirtschaft ganz allmählich in sich zusammenfällt, sondern daß ganz gewöhnliche Konjunkturschwankungen sich plötzlich zu einer allgemeinen Krise des Systems auswachsen. Genau das war 1929 geschehen, als der Börsenkrach an der Wall Street eine weltweite katastrophale Wirtschaftskrise auslöste.
Eben deshalb war es so erstaunlich, daß der Kapitalismus in den Fünfziger und Sechziger Jahren eine so dauerhafte Periode der Stabilität und des ungebrochenen Wachstums erlebte. Wie kam es dazu?
Wenn man die weltwirtschaftliche Entwicklung nach dem ersten und nach dem zweiten Wellkrieg miteinander vergleicht, entdeckt man einen markanten Unterschied: Nach dem ersten Weltkrieg wurden die Militärausgaben der grüßen Mächte für 15 bis 20 Jahre auf ein Minimum zurückgefahren, In Deutschland begann die neue Aufrüstungswelle erst in der zweiten Hälfte der Dreißiger Jahre, in England, Frankreich und den USA praktisch erst mit dem Kriegseintritt.

Rüstungswettlauf

Ganz, anders nach 1945: Nach einer Verschnaufpause von nur zwei, drei Jahren löste der beginnende "Kalte Krieg" zwischen USA und Sowjetunion einen neuen Rüstungswettlauf aus. Während des Korea-Krieges von 1950-53 stiegen die Militärausgaben der USA auf über 13 Prozent des Bruttosozialprodukts. In den folgenden Jahren schwankten sie um 10 Prozent. Ein solches Ausmaß der Rüstungsproduktion hatte es in Friedenszeiten niemals zuvor gegeben.
Die wirtschaftlichen Folgewirkungen waren weitaus größer, als es der Zahlenwert von 10 Prozent vermuten läßt. Zunächst garantierte der Staat die Nachfrage für einen bedeutenden Teil der Industrie. Damit war die Auslastung gerade jener Sektoren gewährleistet, von denen traditionell die Überproduktionskrisen ausgingen: Bauwirtschaft, Stahlerzeugung, Maschinen-, Fahrzeug- und Schiffbau.
Die entscheidende Besonderheil der Rüstungswirtschaft liegt aber darin, daß der Verbrauch ihrer Produkte in aller Regel überhaupt keinen Nutzen entfaltet. Der Normalfall ist ja, daß alle hergestellten Güter in irgendeiner Weise wieder in den Produktionskreislauf eingehen. Was Maschinenbau oder Bergbau auf den Markt bringen, wird als Produktionsanlage oder Rohstoff genutzt. Wohnungen, Lebensmittel, selbst Schulbildung, Krankenhäuser und die Produkte der Unterhaltungsindustrie dienen der Wiederherstellung der Arbeitskraft. Rüstungsgüter sind für den Wirtschaftskreislauf verloren - ihre "Nutzung" besteht manchmal in Zerstörung, meistens aber nur darin, daß sie bereitgehalten und eines Tages verschrottet werden. Der Fachausdruck heißt: Sie werden unproduktiv konsumiert.
Im langjährigen Durchschnitt benötigt eine kapitalistische Wirtschaft ungefähr 80 Prozent ihrer Kapazitäten, um verbrauchte Ressourcen (Maschinen, Rohstoffe, Arbeitskraft) zu erneuern. Die restlichen 20 Prozent stehen für die Erweiterung der Kapazitäten zur Verfügung, das heißt für (Netto-)Investitionen in Infrastruktur und Produktionsanlagen. Wenn aber 10 Prozent für Rüstung aufgewendet werden, wie in den USA der Fünfziger Jahre, dann muß das Ergebnis sein, daß das Wachstum der Wirtschaft spürbar verlangsamt wird.
So berichtet Eric Hobsbawm in seiner Beschreibung der "Goldenen Jahre":
"[Das Land] erzeugte am Ende des Krieges auch nahezu zwei Drittel der weltweiten Industrieproduktion. Allerdings waren die tatsächlichen Leistungen der amerikanischen Wirtschaft gerade wegen ihres Umfangs und ihrer Fortschrittlichkeit bei weitem nicht so beeindruckend wie die Wachstumsraten anderer Staaten, die unter viel bescheideneren Startbedingungen begannen. Zwischen 1950 und 1973 hatte die US-Wirtschaft eine niedrigere Wachstumsrate ah alle anderen Industriestaaten, sieht man einmal von (Großbritannien. ... Tatsächlich hat sich diese Ära im Wirtschafts- und Technologiebereich sogar relativ rückschrittlich für die USA ausgewirkt."
Die vergleichsweise niedrigen Wachs-tumsraten waren der Preis für die Stabilität des Wachstums. Der von Marx festgestellte "tendenzielle Fall der Profilrate" hat zur Voraussetzung, daß die organische Zusammensetzung des Kapitals steigt. Das heißt, daß der für Produktionsanlagen und Rohstoffe verauslagte Teil des Kapitals schneller wächst als der Anteil, der für Arbeitslöhne aufgewendet wird. Wenn aber die Hälfte dessen, was für neue Investitionen zur Verfügung stände, vom Staat als Steuer vereinnahmt und für "nutzlose" Militärgüter ausgegeben wird, muß die organische Zusammensetzung des Kapitals zwangsläufig langsamer wachsen, und der Fall der Profitrate wird gebremst.
Dieser Prozeß hat zudem noch eine selbstverstärkende Nebenwirkung. Wenn nämlich der Druck auf die Profitrate gemildert wird, dann sind auch solche Investitionen aussichtsreich, die überhaupt keinen Produklivitätsfortschritt mit sich bringen, sondern nur eine Erweiterung auf dem bereits erreichten technischen Niveau. Die Inbetriebnahme von zehn neuen Maschinen, die von zehn neu eingestellten Arbeitern bedient werden, verändert die organische Zusammensetzung des Kapitals überhaupt nicht. Statt dessen erhöht sich die Zahl der Beschäftigten - und der Anteil des Überschusses, dessen Verwandlung in Kapital die organische Zusammensetzung steigern könnte, wird noch einmal verringert.
Natürlich waren diese Effekte der Rüstungswirtschaft niemals geplant. Den Anstoß gab die militärische Konkurrenz mit der UdSSR. Eine Stabilisierung des kapitalistischen Systems speziell durch die Militärausgaben war weder beabsichtigt noch erwartet worden.

Westeuropa und Japan

Bis hierhin haben wir uns auf die Entwicklung der US-Wirtschaft konzentriert. Aber wie sah es in Westdeutschland und Japan aus? Die Verlierer des zweiten Weltkrieges haben lange Jahre nur sehr wenig für Rüstung aufgewendet. Wieso erlebten gerade sie ein "Wirtschaftswunder", das die Wachstumsraten der USA bei weitem übertreffen sollte?
Die US-Wirtschaft war die Lokomotive des anhaltenden Aufschwungs der "Goldenen Jahre". Sie war stark genug (zwei Drittel der weltweiten Industrieproduktion!), um ein paar zusätzliche Waggons mitzuziehen. Die Militärausgaben Japans und BRD waren in der Tat deutlich niedriger als die der USA: etwa ein Prozent in Japan und drei bis vier Prozent in der BRD. Wenn wir die 20-Prozent-Faustregel anwenden, dann blieben 19 bzw. 16 Prozent zur Ausweitung der Produktion und Steigerung der Produktivität.
Beide Länder bauten vor allem ihre Exportindustrien aus. Das bedeutete, daß ihr Wachstum nicht an den Grenzen des inneren Marktes scheitern mußte. Die USA selbst waren ein scheinbar unendlich aufnahmefähiger Exportmarkt, hinzu kamen diejenigen Teile der Welt, die Autos und Maschinen bislang von US-Firmen bezogen hatten.
So stand der Erfolg des westdeutschen und des japanischen Kapitalismus nicht im Widerspruch zur stabilisierenden Funktion der Rüstungswirtschaft. Aber er bildete den Keim eines Widerspruchs innerhalb dieses Systems, der es schließlich zu Fall bringen sollte. Japan und Westeuropa holten den Produktivitätsvorsprung der US-Wirtschaft zunehmend ein. Amerikanische Kapitalisten und Politiker stellten fest, daß sie ein Problem mit den Kosten der Rüstung hatten. Sie ergriffen Gegenmaßnahmen: Einerseits die Abwertung des US-Dollar, die 1971 zur Freigabe der bis dahin festen Wechselkurse zwischen den Währungen der westlichen Industrieländer führte. Andererseits die wiederholte Forderung nach einer Neuverteilung der Rüstungslasten unter den NATO-Ländern (ohne Ergebnis). Schließlich drosselten die USA ihre Militärausgaben, Anfang der Siebziger Jahre auf 8 und später auf 6,5 % des Sozialprodukts.
Das war der Anfang vom Ende der "Goldenen Jahre". 1974/75 brach zum ersten Mal wieder eine richtige, altmodische Krise im westlichen Kapitalismus aus. Ausgelöst wurde sie durch die Erhöhung der Erdölpreise, aber den eigentlichen Hintergrund bildete die Wiederbelebung der alten, von Marx vor über hundert Jahren beschriebenen Krisenmechanismen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. In Westdeutschland stieg die Zahl der Arbeitslosen erstmals seit mehr als zwanzig Jahren wieder auf mehr als eine Million.
Seitdem ist die Krise, von der man zu Beginn der Siebziger Jahre noch glaubte, daß sie endgültig überwunden sei, wieder zur ständigen Begleiterscheinung der kapitalistischen Weltwirtschaft geworden. Sie hat zumindest in den westlichen Industrieländern bisher nicht jene katastrophale Form angenommen, die in den Dreißiger Jahren zu einem scharfen Rückgang der Produktion und zum Zusammenbruch des Welthandels führte. Aber Konjunkturaufschwünge führen längst nicht mehr zur Vollbeschäftigung, sondern bestenfalls dazu, daß die Arbeitslosigkeit auf dem erreichten Niveau verharrt, um in der nächsten Krise weiter anzusteigen.
Die besonderen Auswirkungen der Rüstungswirtschaft im kapitalistischen System wurden erstmals bereits in den Vierziger Jahren von einem US-amerikanischen Marxisten beschrieben, der seine Aufsätze mit den Namen W. T. Oakes und T. N. Vance unterzeichnete. In den Fünfzigern und Sechzigern entwickelten die britischen Sozialisten Tony Cliff und Michael Kid-ron die Theorie weiter.
Diese Erklärung für die anhaltende Blütepe-riode des Weltkapitalismus fand jedoch nur wenig Aufnahme und Anerkennung. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Die Befürworter des Kapitalismus waren zufrieden damit, daß Karl Marx und seine Krisentheorie als überholt galten. Viele, die sich selbst als besonders prinzipienfeste Anhänger des Marxismus sahen, verkündeten zwanzig Jahre lang, daß die nächste Krise bald kommen würde (mit dem Erfolg, daß sich, als sie schließlich recht behielten, kaum noch jemand für ihre Meinung interessierte).

Wirtschaftspolitik

Die meisten ernsthaften Wirtschaftswissenschaftler bewegten sich irgendwo dazwischen. Am weitesten verbreitet war die Auffassung, daß eine kluge staatliche Wirtschaftspolitik in der Lage sei, die im Kapitalismus durchaus eingebauten Krisentendenzen unschädlich zu machen. Das entsprach der Theorie des Ökonomen John Maynard Keynes. Danach sollte der Staat im Konjunkturabschwung mit geborgtem Geld die Nachfrage ankurbeln, auf diese Weise einen neuen Aufschwung in Gang bringen und mit den nun wieder steigenden Steuereinnahmen die Schulden zurückzahlen.
In Westdeutschland wandte die große Koalition 1967/68 dieses Verfahren erfolgreich an, und der sozialdemokratische Wirtschaftsminister Karl Schiller wurde als Krisenbezwinger gefeiert. Zehn Jahre später, unter SPD-Kanzler Helmut Schmidt, erwiesen sich die gleichen Maßnahmen als wirkungslos. Damit geriet der "Keynesianismus" aus der Mode, und die Verfechter der reinen Lehre von den "Selbstheilungskräften der Marktwirtschaft" bekamen Oberwasser. Allerdings haben sie in den vergangenen zwanzig Jahre die Wirksamkeit ihrer Theorie auch nicht nachweisen können. Einer der Wortführer der keynesianischen Wirtschaftslehre, der US-Amerikaner Kenneth Galbmith, bemerkte Anfang der Sechziger Jahre einmal, daß die anhaltende Stabilität der kapitalistischen Wirtschaft wohl mit staatlicher Nachfragepolitik erklärt werden könne, daß bei einer genaueren Betrachtung der Staatsausgaben aber eigentlich nur der Rüstungsetat groß genug sei, um als Molor des Wachstums in Frage zu kommen. Das ist ein wichtiger Hinweis, aber er bezieht sich nur auf den Umfang der staatlichen Nachfrage. Der keynesianisehen Theorie ist es ziemlich egal, welche Art Staatsausgaben die Nachfrage anregt (es sei denn, man will gezielt bestimmte Sektoren der Industrie stützen). Die besondere Bedeutung der unproduktiven Ausgaben fällt dabei unter den Tisch, vor allem deswegen, weil der keynesianische Ansatz voraussetzt, daß Marx' Überlegungen zum Anstieg der organischen Zusammensetzung des Kapitals und zum tendenziellen Fall der Profitrate ungültig sind.
Können wir jetzt eine Antwort auf die Frage geben, ob der Erfolg der "Goldenen Jahre" wiederholbar ist? Der Mechanismus der Rüstungswirtschaft taugt jedenfalls nicht für ein Remake, weil die großen konkurrierenden Industrienationen durch nichts und niemand dazu verpflichtet werden können, im gleichen Umfang unproduktive Ausgaben zu tätigen. Gegenwärtig verlangen die Kapitalisten aller Länder sehr vehement von ihrem jeweiligen Staat, daß er ihnen möglichst wenig Steuern abzwackt und auf diese Weise möglichst viel Spielraum für produktivitätssteigernde Investitionen läßt, Ein neuer Mechanismus, der die Krisentendenz des kapitalistischen Systems abmildern oder gar zeitweilig ausschalten könnte, ist nirgendwo in Sicht.
Alles deutet darauf hin, daß das System sich erneut in einer Sackgasse befindet. Theo Sommer, Mitherausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit", formuliert das in der Ausgabe vom 3. 1. 1997 so:
"Eine neue Weltordnung, nach dem Zusammenbruch des Kommunismus von allen erhofft, will sich nicht einstellen. Zugleich aber ist das kapitalistische Wirtschaftssystem, das sich 1989/90 zum Sieger der Geschichte erklärte, ausgerechnet durch seine beiden fundamentalen Antriebskräfte - die unaufhaltsame Ausbreitung rund um den Erdball und den rasanten Fortschritt der Technik - in eine tiefe Krise gestoßen worden."
Das ist erstaunlicherweise ein ganz ähnlicher Gedanke wie der, den der angeblich längst überholte Karl Marx vor weit über hundert Jahren in seiner Ausarbeitung des Gesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate niederschrieb:
"Das Mittel - unbedingte Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte - gerät in fortwährenden Konflikt mit dem beschränkten Zweck, der Verwertung des vorhandenen Kapitals. Wenn daher die kapitalistischische Produktionsweise ein historisches Mittel ist, um die materielle Produktivkraft zu entwickeln und den ihr entsprechenden Weltmarkt zu schaffen, ist sie zugleich der beständige Widerspruch zwischen dieser ihrer historischen Aufgabe und den ihr entsprechenden gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen."
Wobei die Ähnlichkeit vor allem in der Beschreibung des Problems besteht: Krise durch Fortschritt und Ausbreitung des Kapitalismus, Die Ursache des Problems wird nur von Marx benannt: Daß das Ziel des kapitalistischen Fortschritts bloß in der Verwertung (und Vermehrung) des Kapitals besteht, nicht aber in der Erfüllung der Bedürfnisse der Gesellschaft.

von Andreas Berlin

Sozialismus von unten (1. Serie) Nr. 8, Frühjahr 1997

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