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Tschetschenien: Der Terrorist heißt Putin

Standpunkt: Armut führt zu Anschlägen

Wenn die Regierungen wirklich den Terrorismus beenden wollten, müssten sie Armut und soziale Ungerechtigkeit weltweit bekämpfen. Die großen Militärmächte hätten genug Geld dafür.
Der russische Präsident Putin gibt jedes Jahr Milliarden aus, um die drittgrößte Armee und das zweitgrößte Atomwaffenarsenal der Welt zu bezahlen. Würde er mit dem Geld die tschetschenischen Städte aufbauen, die er zerstören ließ, hätten die Tschetschenen wieder Wohnung und Arbeit.
Würde US-Präsident Bush seine Armee aus dem Irak abziehen, gäbe es keine Anschläge gegen US-Soldaten mehr.
Würden sich die größten Wirtschaftsmächte, auf ihren G8-Gipfeln auf einen gemeinsamen Schuldenerlass für die ärmsten Länder einigen, hätten Staaten wie der Sudan mehr Geld, um ihre Bevölkerung zu ernähren.
Doch die mächtigsten Regierungen der Welt verhindern solche Schritte. Sie fördern damit Verzweiflung und rauben den Menschen Hoffnung. Damit schaffen die Herrschenden die Ursachen für Selbstmordanschläge und Entführungen. Den Kampf gegen Terrorismus benutzen sie nur als Vorwand, um zu verschleiern, dass sie Politik im Interesse der Reichen und Konzerne machen. Menschen sind ihnen in Wirklichkeit egal.
Nastja Krugilowa weiß, was die Geiseln erleiden mussten, die tschetschenische Kämpfer Anfang September in der Schule von Beslan gefangen gehalten hatten. Sie hat die Geiselnahme in Moskau im Oktober 2002 überlebt. Damals nahmen Tschetschenen im Theater Nord-Ost 830 Menschen 58 Stunden lang als Geiseln.
Der russische Präsident Putin befahl, Betäubungsgas einzusetzen. Die Polizei ermordete alle 41 Geiselnehmer und 129 Geiseln – die eingeschlafenen Geiselnehmer durch Genickschüsse die Theaterbesucher mit einer Betäubungsmittelüberdosis und durch fehlende medizinische Versorgung danach. Auch Nastjas 15-jährige Cousine wurde getötet.
Nastja sagt, sie hätte die Tschetschenen gehasst – bis sie erfuhr, was diese Menschen durchgemacht hatten. „Du kannst nicht wissen, was eure Soldaten den Tschetschenen angetan haben“, sagte einer der Geiselnehmer zu ihr: „Du kannst dir keine Vorstellung machen, wie schrecklich unser Leben ist.“
Später sprach Nastja mit anderen Geiselnehmern. Sie erzählten, wie die russische Armee in Tschetschenien mordet, foltert und vergewaltigt. Nastja lehnt die Geiselnahme ab, aber sie sagt: „Wenn einem jemand solche Dinge erzählt, versteht man natürlich die Motivation. Diese Leute zu hassen und zu denken, dass sie bösartig sind, das konnte ich nicht mehr.“
Die russische Regierung führt seit zehn Jahren Krieg gegen die Tschetschenen. Seitdem hat die russische Armee ein Zehntel der Bevölkerung ermordet.
1991 zerbricht die Sowjetunion. In Tschetschenien demonstrieren die Menschen tagelang gegen das von Russland eingesetzte Marionettenregime. Schließlich wählen sie einen neuen Präsidenten, doch der damalige russische Präsident Jelzin erkennt die Wahl nicht an. Präsident Dudajew erklärt Tschetschenien für unabhängig.
Seitdem versucht die russische Regierung, die Herrschaft über das Land zurück zu gewinnen. Denn die Pipeline, mit der russische Konzerne Öl aus dem Kaspischen Meer pumpen, führt durch die tschetschenische Hauptstadt Grosny.
Jelzin baut das angrenzende Nordossetien, wo auch Beslan liegt, zu einem russischen Militärstützpunkt aus. 1992 gibt es dort pro Einwohner mehr Waffen als irgendwo anders auf der Welt.
1994 greifen die russische Armee von Nordossetien aus Tschetschenien an. Viele Städte werden in Schutt und Asche gelegt – vor allem Grosny.
18 Monate lang morden, vergewaltigen und brandschatzen russische Soldaten in der Hauptstadt. Die Armee bringt 80.000 Menschen um und macht 250.000 obdachlos.
1996 erobern tschetschenische Kämpfer Grosny zurück. Die russische Armee muss abziehen. Viele Russen lehnen den Krieg ab, in dem auch viele ihrer Söhne, Brüder oder Freunde getötet wurden.
Die russische Regierung gewährt Tschetschenien dennoch keine Unabhängigkeit. 1999, als Putin noch Ministerpräsident ist, gibt er Tschetschenen die Schuld für eine Reihe von Anschlägen, deren Täter bis heute unbekannt sind. Anfang 2000 wird Putin Präsident und damit Oberbefehlshaber der Armee. Er beginnt einen neuen Krieg gegen die Tschetschenen und lässt erneut zehntausende Menschen ermorden.
Am 4. Februar 2000 fliegen russische Kampfflugzeuge einen Großangriff auf das Dorf Katyr Jurt. Sie werfen unter anderem Vakuumbomben ab, die im Umkreis von mehreren 100 Metern alle Menschen ersticken lässt, indem der Sauerstoff aus der Luft gesaugt wird.
Danach wartet die Armee, bis die Überlebenden Zivilisten in einem Buskonvoi fliehen. Dann wird der Konvoi bombardiert. An diesem Tag werden mindestens 363 Männer, Frauen und Kinder getötet.
Menschenrechtsorganisationen haben viele ähnliche Massaker der russischen Armee in Tschetschenien dokumentiert. Je länger der Krieg dauert, umso brutaler führt sie ihre Angriffe.
2002 reist die polnische Schriftstellerin Krystyna Kurczab-Redlich in den Kaukasus und hört von Überlebenden, was die Soldaten ihnen angetan haben.
Eine Frau erzählt: „Sie gingen zum Haus unserer Nachbarn, der Familie Magomedowa. Wir hörten Schüsse und die Schreie der 15 Jahre alten Aminat, der Schwester von Ahmed und Aslanbek. ‚Lasst sie in Ruhe’, rief einer der Brüder. ‚Bringt uns an ihrer Stelle um!’ Dann hörten wir mehr Schüsse. Durch das halb geöffnete Fenster sahen wir den halbnackten Befehlshaber auf Aminat liegen. Sie war blutüberströmt von den Schusswunden. Ein anderer Soldat rief: ‚Beeil dich, Kolja, solange sie noch warm ist!’“

von Jan Maas (E-Mail), Sarah Nagel (E-Mail)

Linksruck Nr. 184, 15. September 2004

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