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Der Tsunami war natürlich – seine Auswirkungen sind es nicht

Naturkatastrophen wie gewaltige Stürme, Erdbeben oder Tsunamis mögen natürliche Ursachen haben. Aber ihre Auswirkungen auf die menschliche Gesellschaft werden von der Klassenspaltung der Gesellschaft und dem Gewicht, das dem Leben einfacher Menschen beigemessen wird, bestimmt. Im Fall des kürzlichen Tsunami in Asien gibt es rund ein halbes Dutzend menschengemachter Faktoren, die dazu beigetragen haben, das Ausmaß der Katastrophe zu bestimmen.

Der erste und allerwichtigste ist der, dass der Tsunami weit weniger Menschenleben gefordert hätte, wenn es in der Region ein funktionierendes Frühwarnsystem gäbe. Auf einer indonesischen Insel nahe Sumatra erinnerten sich einige Einheimische noch an die Erzählungen ihrer Vorfahren über Seebeben. Sobald sie die ersten Erschütterungen fühlten, flohen sie in die Hügel und überlebten den Tsunami. Aber die meisten Menschen in der Region verfügten nicht über diese Information. Anders als im Pazifik, wo Tsunamis regelmäßig auftreten, fand das letzte Seebeben im Indischen Ozean vor über 100 Jahren statt. Aber erst im vergangenen Jahr lehnten die Staatsoberhäupter der betroffenen asiatischen Staaten die Einrichtung eines Frühwarnsystems, wie es von Meteorologen und Geologen vorgeschlagen wurde, unter Verweis auf die „hohen Kosten“ ab. Ein führender Meteorologe in Thailand hatte seit Jahren davor gewarnt, dass die Insel Phuket von Tsunamis bedroht werde. Bis jetzt schenkte ihm niemand Aufmerksamkeit.

Aber auch ohne ein Frühwarnsystem wären die Behörden in der Lage gewesen, Evakuierungen einzuleiten. Das Tsunami-Zentrum auf Hawaii wusste von der Gefahr, behauptet aber, nicht gewusst zu haben, wen man hätte kontaktieren sollen. Listen international erreichbarer Telefonnummern von Regierungseinrichtungen können im Internet nicht schwer zu finden sein. Sri Lanka und Indien hätten drei Stunden Zeit für Evakuierungen gehabt. Am schwersten ins Gewicht fällt aber, dass das meteorologische Amt in Thailand ungefähr eine Stunde vor Einbruch der Katastrophe von ihr wusste. Nach einem Treffen des Krisenstabs entschied dieser, die Gefahr herunterzuspielen und die Behörden nicht zu informieren. Man fürchtete „das Risiko negativer Auswirkungen eines falschen Alarms“ auf die lukrative Tourismusindustrie.

Der zweitwichtigste Faktor, der die Auswirkungen einer Naturkatastrophe bestimmt, ist der Stand der Entwicklung des globalen Kapitalismus. Dieser hat sowohl positive als auch negative Wirkungen. Thailand litt unter dem Tsunami unter anderem deshalb vergleichsweise weniger als Sri Lanka oder Aceh, weil die thailändische Wirtschaft weiter entwickelt ist. Seine Infrastruktur wurde weniger beschädigt. Menschen können Katastrophen eher überleben, wenn sie in festeren Häusern wohnen und ihr klägliches Einkommen nicht in kleinen Fischerbooten vor der Küste verdienen müssen. Trotz der ungeheuren Möglichkeiten, die der Kapitalismus entwickelt, um Menschen in Katastrophenlagen zu helfen, besteht das Problem darin, dass die Globalisierung nicht alle Teile der Gesellschaft in die Entwicklung mit einbezieht. Sie produziert gewaltige Ungleichheit, und die Armen leiden am meisten. Außerdem führt der rasante Ausbau der Tourismusindustrie dazu, dass viele Arbeiter und Touristen der Gefahr ausgesetzt wurden. Heißt das, wie einige Grüne behaupten, dass wir die Wirtschaft und den Tourismus nicht entwickeln sollten? Die Antwort ist nicht so einfach. Die Aceh-Provinz auf der nördlichen Spitze von Sumatra wurde von dem Tsunami am schwersten getroffen, hat aber keine entwickelte Tourismusindustrie. Ja, die globale Erwärmung und das Steigen des Meeresspiegels können in manchen Fällen entscheidend sein. Deshalb ist es kriminell, dass die westlichen Regierungen Maßnahmen ablehnen, die die globale Erwärmung begrenzen könnten. Aber im Fall des jetzigen Tsunamis war die Klimaerwärmung nicht der entscheidende Faktor. Ja, die Baubestimmungen sowohl für Wohnhäuser als auch für Touristenunterkünfte müssen verbessert werden. Aber ein Frühwarnsystem, vernünftige Evakuierungspläne und ein einsatzfähiger Katastrophenschutz wären weit wichtiger.

Der globale Kapitalismus hat uns die Mittel an die Hand gegeben, die Auswirkungen von Naturkatastrophen einzudämmen. Aber solange es von den Gesetzen des Marktes und den Entscheidungen kapitalistischer Regierungen abhängig bleibt, wird das Potential des Kapitalismus niemals dazu eingesetzt werden, das Leben der Mehrheit der Menschen zu verbessern. Darum sind unsere Kämpfe von unten so wichtig.

Der dritte Faktor, der über die Auswirkungen von Naturkatastrophen entscheidet, ist der Klassenkampf, das Ausmaß des Widerstandes von unten. Viele der Länder, die von dem Tsnunamis getroffen wurden, sind nicht arm. Indien ist eine nukleare Supermacht. Thailand entwickelt sich rasant. Der thailändische Ministerpräsident und seine Konsorten sind Multi-Millionäre. Das Problem liegt in der Verteilung von Reichtum und Macht in der Klassengesellschaft. Wo der Klassenkampf erfolgreicher war, haben wir die Bosse zwingen können, mehr Mittel für die Verbesserung der menschlichen Entwicklung bereit zu stellen. Katastrophenschutzpläne und Wohlfahrtsstandards sind eingeführt worden, weil einfache arbeitende Menschen für die Verbesserung ihres Lebenstandards eingetreten sind und gekämpft haben. In Asien ist das noch kaum passiert. Kein Land der Region unterhält einen Sozialstaat oder angemessene Katastrophenschutzdienste. Es gibt fast keine öffentlichen Krankenwagen. Die thailändische Regierung gibt Millionen für das Militär aus, aber das Militär dient dazu, die Interessen der herrschenden Klasse zu bewachen, und nicht dazu, die einfache Bevölkerung zu schützen. In der Vergangenheit hat es Demonstranten niedergeschossen, die Demokratie forderten. Aber es wurde nicht mobilisiert, um das Desaster in den Griff zu bekommen. Drei Marineschiffe bleiben abgestellt, um den Sommerpalast des Königs in Hua Hin zu bewachen, statt an die Westküste kommandiert zu werden, um da zu helfen. Die großen Militäreinheiten, die in den drei südlichsten Provinzen stationiert sind, um „den Terrorismus zu bekämpfen“, sind nicht verlegt worden. Indonesien unterhält eine der größten Armeen der Welt, aber diese wird nicht eingesetzt, um den Menschen in Sumatra zu helfen. In Burma (Myanmar) behauptet die unterdrückerische Militärdiktatur, es seien nur „eine Handvoll“ Menschen gestorben. Die Niederschlagung der Demokratiebewegung 1988 bedeutet, dass die burmesische Regierung nicht nur nichts tut, um der Bevölkerungsmehrheit zu helfen, sondern auch dass sie das Land hinter einer Mauer des Schweigens isolieren kann. Der Rassismus in Thailand führt dazu, dass viele der Hunderten burmesischen Fischer, die auf thailändischen Booten arbeiteten und im Tsunami umkamen, nie identifiziert werden. Ihre Familien werden nie erfahren, was mit ihnen geschehen ist.

Der Imperialismus ist der vierte Faktor, der die Auswirkungen des Tsunami bestimmt. Der Imperialismus arbeitet auf vielen Ebenen. Indonesien, Sri Lanka und Thailand sind „Mini-Imperialisten“. Die Zentralregierungen dieser Länder müssen der Welt „beweisen“, dass sie in der Lage sind, alles Land innerhalb ihrer Grenzen „zu kontrollieren und zu regieren“. Das ist ein zentrales Interesse der kleinen Kapitalisten, die sich auf der Weltbühne behaupten wollen, und es ist entscheidend, um im Zeitalter der Globalisierung ausländisches Kapital anzulocken. Kein anderer Kapitalist wird einen kleinen Staat für voll nehmen, wenn der nicht fähig ist, seine eigenen Grenzen zu kontrollieren. Aus diesem Grunde kann der indonesische Staat die Aceh-provinz nicht in die Unabhängigkeit entlassen, der sri-lankische Staat den Tamilen nicht die Unabhängigkeit zugestehen und der thailändische Staat den drei südlichen muslimischen Provinzen keine Autonomie einräumen. Die Bürgerkriege in diesen Regionen verschwenden wichtige Ressourcen, genau wie der imperialistische Krieg, den Großbritannien und die USA im Irak führen. Und die örtlichen Bedingungen müssen als Entschuldigung für die Untätigkeit der Regierungen in Aceh und Sri Lanka hinhalten.

Daher sollten wir unsere Haltung zu den humanitären Bemühungen des US-Militärs nach dem Tsunami bedenken. Es kann nicht überraschen, dass viele Sozialisten und Anti-Imperialisten diese als „scheinheilig“ kritisieren und fordern, dass ihre Regierungen sich daran nicht beteiligen. Aber wir sollten uns überlegen, was es für uns bedeuten würde, wenn diese Lieferungen an Trinkwasser, Medikamenten und Nahrungsmitteln über Leben und Tod unserer Angehörigen entscheiden könnten. Natürlich würden wir nicht der Versuchung einiger aus der Anti-Kriegsbewegung nachgeben und Purzelbäume schlagen vor Begeisterung über diese Geste des US-Imperialismus. Wir müssen darauf hinweisen, dass noch viel mehr getan werden muss, und dass die USA als mächtigstes und reichstes Land der Welt den Löwenanteil daran übernehmen sollte. Aber wir sollten nicht dazu aufrufen, diese dringend benötigte Hilfe auszuschlagen.

Dasselbe gilt für die großen Konzerne, von denen viele die Gelegenheit nutzen, um der Öffentlichkeit ihre Großzügigkeit zu demonstrieren. Wenn Tod und Zerstörung wüten, greifen die Konzerne schnell nach ihrem Vorteil. In Thailand wurden die Fernsehnachrichten über das Desaster von klein eingeblendeten Reklamesendungen begleitet. Private Fluglinien warben für sich, indem sie öffentlich verkündeten, kostenlose Flüge für Opfer und Ärzte bereit zu stellen. Große Konzerne priesen ihre ungewöhnliche Großzügigkeit, mit der sie sonst sehr sparsam sind, wenn es um Löhne geht oder darum, das Leben einheimischer Bevölkerungen zu zerstören, um an größere Profite zu gelangen. Die Toten sind noch nicht unter der Erde, da diskutieren die Nachrichtensendungen schon über die Auswirkungen der Katastrophe auf Aktienkurse und die Tourismusindustrie. Wir müssen fordern, dass die Konzerne langfristig mehr abgeben. Sie müssen höhere Löhne zahlen, die Arbeitsbedingungen verbessern und höher besteuert werden.

Wir können nicht darauf warten, dass die globalen Konzerne oder Militärbasen abgeschafft werden, bevor wir die Hilfe der US-Regierung annehmen. Aber wir können fordern, dass der Irakkrieg jetzt beendet werde und dass die Milliarden, die für das Militär verschwendet werden, einer nützlicheren Aufgabe zugeführt werden. Dies wäre besonders wichtig bei den Aufräum- und Wiederaufbauarbeiten nach der Krise. Aus diesem Grunde sind Krieg, Imperialismus und Kapitalismus untrennbar miteinander verbunden, und wir in der Anti-Kriegs- und der globalen anti-kapitalistischen Bewegung müssen unsere Anstrengungen im Kampf gegen den Kapitalismus verdoppeln. Jetzt ist nicht die Zeit für eine Waffenruhe in unserem Kampf.

Wir können Mut aus dem wahren Geist der Menschlichkeit ziehen, den die Katastrophe hat sichtbar werden lassen. Millionen einfacher Menschen in der ganzen Welt sind überwältigt von Trauer und Mitgefühl mit ihren Mitmenschen aller Rassen, Nationalitäten und Religionen. Die Mitglieder der britischen Luftwaffeneinheit, die Versorgungsgüter nach Aceh geflogen haben, meinten, diese Mission sei "eine der würdigsten gewesen, die sie je erfüllt haben". Ich kann mich an keinen Armeeangehörigen erinnern, der so etwas je über einen Krieg gesagt hätte. Menschen aus Beslan, die erst kürzlich ihre Kinder verloren haben, spenden alles, was sie erübrigen können. Millionen einfacher Menschen eilen zur Hilfe ihrer Mitmenschen, wenn eine Katastrophe hereinbricht. Sie spenden Blut, Nahrungsmittel und Medikamente und bieten ihre Hife an. Diese Hilfsbereitschaft überführt jene der Lüge, die sich über uns lustig machen, wenn wir von einer anderen Welt sprechen, in der menschliche Solidarität herrschen könnte. Ja, einfache Menschen können gemeinsam eine bessere Welt aufbauen. Aber zuerst müssen wir uns von jenen Blutsaugern befreien, die uns regieren, uns in Kriege schicken und uns immer wieder dazu zwingen, uns unseren Mitmenschen gegenüber egoistisch und feindlich zu verhalten.

Aber uns unseren herrschenden Klassen zu stellen und das System zu verändern, bedeutet auch, die herrschende Ideologie und die Macht der herrschenden Klasse anzugreifen. Wenn wir nicht die herrschenden Ideen herausfordern, könnte sich die Wut der Betroffenen bald gegen uns wenden. Thailändische Dorfeinwohner können sich darüber beklagen, dass ihre Regierung ausländischen Touristen mehr half als den Einheimischen, und dann anfangen, alle Fremden zu hassen. Rassisten und Nationalisten könnten den Zorn von seinem eigentlichen Ziel, der Klassengesellschaft, ablenken. Andere könnten sich von der scheinbaren Großzügigkeit der Leute an der Spitze der Gesellschaft beeindrucken lassen und in ihrem Eindruck bestärkt werden, wir säßen "alle in einem Boot". Einige könnten plötzlich meinen, der US-Imperialismus sei ja doch nicht ganz so schlimm. Und wieder andere könnten in Verzweiflung und unnötigen Schuldgefühlen versinken und Unterstützung bei übernatürlichen Kräften suchen. Aus all diesen Gründen müssen wir die politische Debatte und Diskussion weiterführen und unsere Entschlossenheit, für eine bessere Welt zu kämpfen, stärken.


Giles Ji Ungpakorn
Workers' Democracy Thailand
ugiles@chula.ac.th

Aus dem Englischen von David Meienreis

Linksruck Nr. 191, 19. Januar 2005

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