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Bomben auf Klinik

Zur Person

Dr. Mahammad J. Haded gehört zum medizinischen Stab des Zentralkrankenhauses von Falludscha, das von US-Truppen besetzt wurde und arbeitet außerdem in einer kleinen Klinik im Zentrum der Stadt. Er war einer der wenigen Ärzte, die während des gesamten Angriffs im Zentrum Falludschas waren.

Die US-Armee hat das Krankenhaus in Falludscha besetzt, in dem ich arbeite. Fallschirmspringer haben Ärzte angegriffen, die operiert haben. Die Soldaten haben sie gezwungen, sich auf den Boden zu legen und ihnen die Hände auf den Rücken gebunden.

Die Ärzte mussten so drei Stunden liegen. Kollegen haben dann mit der Armee verhandelt. Die Soldaten haben gesagt, sie würden die Fesseln lösen, wenn die Ärzte ihnen helfen würden, „Terroristen“ aufzuspüren. Die Ärzte stimmten zu. Dann wurden ihre Fesseln gelöst und sie wurden stundenlang verhört.

Bis zum nächsten Morgen haben die Soldaten alles auf den Kopf gestellt, aber keine „Terroristen“ gefunden. Bei der Durchsuchung haben die Soldaten medizinische Geräte zerstört. Danach war das Krankenhaus nicht mehr benutzbar.

Wir haben dann mit den Soldaten vereinbart, dass wir die Kranken wegbringen dürfen. Ein Ärzteteam ist im Haus geblieben, um zu verhindern, dass die Soldaten noch mehr Geräte zerstören. Nach Verhandlungen durften wir eine Notklinik einrichten. Dorthin kamen zahlreiche Verletzte, aber wir hatten keinen Chirurgen.

Zwei Tage später hat die US-Armee die Notklinik bombardiert. Die Soldaten haben auch Menschen bombardiert, die Verletzte wegbringen wollten – selbst Krankenwagen, die deutlich als solche zu erkennen waren.

Die Armee hat mit Panzern gezielt ein Krankenhaus beschossen. Leute haben bei uns angerufen, weil sie kein Krankenhaus erreichen konnten. Wir mussten ihnen am Telefon erklären, wie sie die Verletzten versorgen müssen. Vielen konnten wir nicht mehr helfen. Bei anderen haben sich die Wunden entzündet, weil sie nicht versorgt werden konnten.

Sechs Tage haben wir so gearbeitet. Am siebten Tag bin ich zu den Soldaten gegangen. Ich habe ihnen gesagt, dass ich Zivilisten in einer Moschee sammeln wollte, wo es auch eine kleine Ambulanz gab.

Als die Menschen zur Moschee kamen, haben Scharfschützen auf sie geschossen. Zweihundert sind dorthin geflüchtet. Ich selbst habe in einer Stunde etwa 50 Menschen in die Moschee gebracht und so vor der Armee gerettet.

Wir hatten keine Medikamente. Für die Schwerverletzten konnten wir nichts tun.

17 Menschen haben wir bei der Moschee begraben, auch Kinder, Frauen und Alte. Ein Mann hat seinen Freund begraben. Dieser hatte versucht, seinen verletzten Bruder zu bergen und wurde dabei von einem Scharfschützen ermordet. Die Soldaten haben uns verboten, die Toten würdevoll zu bestatten. Wir mussten sie einfach verscharren.

Später habe ich das Gesundheitsministerium gebeten, mit der US-Armee zu reden, damit wir die anderen Verletzten retten und die Toten beerdigen können. Denn es lagen noch viele Leichen auf den Straßen. Schließlich musste die Armee dem Gesundheitsministerium erlauben, Helfer nach Falludscha zu schicken, weil überall Leichen verwest sind.

Einige Verletzte mussten sich 90 Tage in Trümmern verstecken, um nicht von Scharfschützen erschossen zu werden. Nur nachts konnten die Menschen Essen und Trinken suchen. Erst als nach drei Monaten Helferteams kamen, konnten sie sich behandeln lassen.

Auch heute können sich die Menschen in Falludscha nicht frei bewegen, auch nicht in Krankenhäuser gehen. Sie sind nicht wieder aufgebaut worden, allenfalls notdürftig. Nur 20 Prozent der Bewohner Falludschas sind zurückgekehrt.

In drei Vierteln gibt es immer noch weder Wasser noch Strom. Von 17 bis 6 Uhr gilt eine Ausgangssperre. Ich habe die Stadt vor kurzem verlassen. Mein Haus ist drei Mal bombardiert worden.

Linksruck Nr. 194, 2. März 2005

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