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Die Friedensbewegung ist nicht antisemitisch

In einem offenen Brief hat ein "Bündnis gegen den Antisemitismus" die Friedensdemonstration am 15. Februar in Berlin dafür angegriffen, "dass sich rechtsradikale Gruppierungen durchaus eingeladen fühlen durften." Die Unterzeichner, unter ihnen der bekannte Publizist Ralph Giordano, behaupteten, die Ideen der Bewegung seien "ohne große Mühe anschlussfähig an rechtsextreme und antisemitische Denkmuster".
Antisemitismus hat sich in Europa am Ende des 19. Jahrhunderts zeitgleich mit dem imperialistischen Wettlauf um immer neue Kolonien als eine weit verbreitete Variante des Rassismus entwickelt, der die biologische Überlegenheit und damit das Herrschaftsrecht der weißen "Herrenmenschen" über die eroberten Völker begründete.
Die Juden würden ein eigenes, verachtenswertes Volk bilden. Sie wurden als Spione der rivalisierenden Mächte oder als Sündenböcke für soziale Übel präsentiert.
Die Nazis bauten in der Weimarer Republik ihre Bewegung auf diesem Antisemitismus auf. Nach dem Einbruch der großen Weltwirtschaftskrise 1929 wurden sechs Millionen arbeitslos und mussten mit einer Suppe pro Tag auskommen. Hitler machte eine Weltverschwörung von "jüdischem Finanzkapital" und "jüdischem Bolschewismus" für die Krise des Kapitalismus verantwortlich.
Das kam den Bossen gerade recht. Aus Angst vor der sozialen Revolution unterstützten sie 1933 die Machtergreifung der Nazis, die als erstes die Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter in die KZs warfen. Der Hass gegen Juden war untrennbar mit dem Kampf gegen die Arbeiterbewegung und der Vorbereitung des Zweiten Weltkriegs verbunden.
Das "Bündnis gegen den Antisemitismus" will auf der Friedensdemonstration am 15. Februar nun einen solchen Hass gegen Juden entdeckt haben. Die Unterzeichner behaupten, hinter der vorgetragenen Kritik an dem "Willen zur Weltherrschaft, der Stilisierung des amerikanischen Establishments zu blutrünstigen Kriegstreibern, der Identifizierung der USA mit Geld und kaltem Interesse" stehe etwas wie die Neuauflage der Mär von der "jüdischen Weltverschwörung".
Nach dieser Logik darf man nicht mehr "Weltherrschaft", "Kriegstreiber" und "Kapitalist" sagen, ohne dass einem unterstellt wird, man würde in Wirklichkeit "Jude" meinen. Tatsächlich sind es aber allein die Unterzeichner des Briefes selbst, die diese Verbindung zwischen Naziideologie und Friedensbewegung herstellen.
Zu sagen, dass die USA nach dem Untergang der Sowjetunion ihre militärische Macht global ausdehnen wollen, hat weder etwas mit einer Verschwörungstheorie, noch mit der Religion der US-Strategen zu tun. Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice selbst erklärte letztes Jahr: "Dies ist eine Periode ungeheurer Möglichkeiten, vergleichbar mit den Jahren 1945-47, um ein neues Gleichgewicht der Mächte zu schaffen."
Sie verweist damit auf das Ende des Zweiten Weltkriegs, nach dem die US-Regierung überall in der Welt ihre Truppen stationieren konnte. Lediglich der russisch dominierte Ostblock entzog sich dem US-amerikanischen Einfluss.
Seit dem Afghanistankrieg von 2001 vermochten die USA verstärkt in jenen zentralasiatischen Republiken Truppen zu stationieren, die einst zum Staatsgebiet Sowjetrusslands gehörten. Für den Nachkriegsirak hat Bush nun angekündigt, für zwei Jahre einen US-General zum Gouverneur zu machen.
Genauso wenig hat die Friedensbewegung die Kriegslüsternheit des US-Establishments erfunden. Vize-Präsident Dick Cheney betonte: "Es gibt 40 bis 50 Länder, die Terroristen beherbergen und die Ziel diplomatischer, finanzieller oder militärischer Aktionen werden könnten.” Am 15. Februar haben viele diese imperiale Politik zu Recht in einen Zusammenhang mit den Profitinteressen der großen Ölkonzerne gebracht. Was ist an der Feststellung "antisemitisch", dass die Bush-Familie ihr Vermögen mit texanischem Öl gemacht hat und dass Cheney wie Rice Vorstandsmitglieder transnationaler Ölkonzerne sind?
Niemand der tragenden Kräfte der Friedensdemonstration erklärte den Krieg mit einer Rassentheorie.
Im Gegenteil: Am gleichen Tag haben in aller Welt, und auch in den USA Millionen gegen den Krieg protestiert, ohne Unterschied nach Hautfarbe oder Religion. Das hat nichts zu tun mit Hitler der 1939 die Juden für seinen eigenen bevorstehenden Vernichtungskrieg verantwortlich machte: "Wenn es dem internationalen Finanzjudentum gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa."
In der globalen Bewegung gegen den Krieg ziehen viele die Verbindung zwischen Krieg und Kapitalismus, und sagen nicht nur "Krieg ist doof". Genau daran nimmt das "Bündnis" Anstoß, wenn sie die Verknüpfung von "Kriegstreibern" und "Geld" als antisemitisch denunzieren. Indem die Unterzeichner dabei die Grenzen zwischen Millionen von linken Kriegsgegnern und den Nazis verwischen, betreiben sie nicht nur das Geschäft der US-Armee. Sie verharmlosen auch in unerträglicher Weise die Gefahr, die von den Nazis ausgeht.

von Volkhard Mosler

Linksruck Nr. 149, 11. März 2003

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