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Keine Frage der Ehre

Hatun Sürücü, eine junge deutsche kurdischer Herkunft, wurde am 7 Februar 2005 vor ihrer Wohnung in Berlin mit drei Kopfschüssen getötet. Als Tatverdächtige nahm die Polizei eine Woche später ihre drei Brüder fest

In Berlin stehen drei Brüder vor Gericht, die im Winter ihre Schwester Hatun Sürücü ermordet haben sollen. Die meisten Massenmedien erklären diese Tat als „Ehrenmord“ im Sinne einer angenommenen traditionellen türkischen Moral. Wie erklären Sie diesen Mord?

Die Erklärung greift viel zu kurz. Natürlich sagen einzelne Täter, dass sie gehandelt haben, um ihre Ehre zu retten. Aber wenn man genauer hinsieht, dann stellt man fest, dass die Gründe zum einen Eifersucht und zum anderen migrationsspezifische Gründe sind.
Beispielsweise wenn Väter sich gegen die Beziehungen der Töchter richten. Hier resultiert die Eskalation oft aus der Hilflosigkeit. Die Situation kann weiter eskalieren, wenn die Familie auf Beziehungen im Einwanderungsland mit Zwangsehe reagiert. Aber in Wirklichkeit spielen sich hier Migrationdramen ab, deren Ursache sozialer Zerfall ist.
Beispielsweise kann eine Scheidung oder Trennung für Einwanderer oft die Ausweisung bedeuten. Manchmal ist das Aufenthaltsrecht an den Status der Frau gebunden. Und in einer Scheidungssituation reagiert jeder emotional. Darum sind Familienrichter die am meisten gefährdeten Richter.
Der Fall Sürücü sieht auf den ersten Blick aus wie ein klassischer Ehrenmord, weil die Brüder darin verwickelt sein sollen. Aber hier und auch in anderen Fällen spielt eher die Eigendynamik von Jugendgangs eine Rolle als die alte Kultur der Familienehre. In dieser Männerjugendkultur geht es darum, das Selbstbewusstsein als Gruppe zum Beispiel durch die Herkunft hergestellt wird. Sie sagen „Wir sind cool, weil wir Türken sind. Und als Türken passen wir auf unsere Frauen auf.“ Das kann gefährlich werden, wenn dieses Selbstbewusstsein herausgefordert wird.
Diese Jugendkultur nimmt sich ein paar Versatzstücke aus der Tradition, aber hält sich überhaupt nicht an andere, zum Beispiel an die Achtung vor den Älteren oder die Missachtung von Drogen. Außerdem zitiert diese Kultur auch nicht-türkische Elemente.
Der entscheidende Unterschied zu den klassischen Ehrenmorden besteht jetzt darin, dass die Familie hier die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, während sie im klassischen Fall als Einheit handelt und auftritt.
Der mutmaßliche Täter ist ein junger Mann auf der Suche, der sich schon bei der PKK umgesehen hat, in einer Berliner Kaplan-Gemeinde und auf dem 1. Mai auffällig wurde. Alle diese Gruppen sind radikale Oppositionskulturen.

Eine verbreitete Vorstellung lautet, dass Einwanderer veraltete konservative und frauenfeindliche Vorstellungen in eine offene westliche Gesellschaft einführen. Die Folge sind Ehrenmorde und Zwangsverheiratungen

Natürlich wachsen diese Jugendlichen in ihren eingewanderten Familien auf und die hohe Wertstellung der Familie ist auch eine islamische Wertstellung. Nur zu glauben, dass die Werte der Jugendlichen aus dem Ausland hierher importiert werden ist falsch. Diese Werte sind mehr Ausdruck von sozialen Desintegrationsprozessen als von einer selbstbewussten Kultur.
Abgesehen davon geschehen Ehrenmorde unanhängig vom Islam auch in säkularen Familien. Der Islam selbst lehnt Ehrenmorde und Zwangsehen ab. Es gibt für diese Verbrechen keine theologische Begründung.
Außerdem muss man zwischen arrangierten Ehen und Zwangsehen unterscheiden. Außerhalb Europas sind die meisten Ehen heute arrangierte Ehen, das heißt, Familien verhandeln untereinander über die Ehen ihrer Kinder. Die Kinder haben dabei ein Vetorecht. Oft wird diese Aufgabe an die Eltern herangetragen, die Kinder fordern ihre Eltern auf, für sie einen passenden Partner zu finden. Zwischen arrangierter Ehe und Zwangsehe gibt es keine genaue Grenzen, sondern eine Grauzone. In dem Dort, wo ich geforscht habe, wurde die Zwangsehe verurteilt. Sie widerspricht dem Prinzip der arrangierten Ehe, nämlich ein neues Mitglied zwanglos in die Familie zu integrieren. Ohne die Vermittlung könnten Spannungen zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter entstehen, darum verhandeln die Familien miteinander um zu sehen, ob sie miteinander auskommen. Bei einer Zwangsehe würden die Spannungen nur auf ein anderes Feld verlagert werden: Dann kommen die Familien miteinander aus, aber nicht die Ehepartner. Die Integration der beiden Familien scheitert auch so. Eine Ausnahme gab es, als der Vater ein massives Interesse an der Ehe hatte, weil er Geschäftsbeziehungen in die Stadt festigen wollte.
Während die Zwangsehen abgelehnt werden, ist die Akzeptanz von arrangierten Ehen erstaunlich hoch. In der Migration bricht auch dieses soziale System auf. Das Hauptproblem für Eltern in der Migration ist, dass ihre Kinder ihnen fremd werden, weil sie in fremde Schulen und fremde Kulturen eintauchen. Wenn ich im Iran leben würde und meine Kinder dort in eine Schule geben müsste, hätte ich diese Ängste auch. Ich würde das Interesse der Eltern aber als legitim ansehen.

Der Mord an Hatun Sürücü wird in Zusammenhang mit dem Islam gestellt. Kann man daraus den Schluss ziehen, dass der Islam eine besonders frauenfeindliche Religion sei?

Schon wenn man die Religionen mit etwas mehr historischer Tiefe ansieht als nur die letzten 30 Jahre, wird deutlich, dass es keine besonders frauenfeindliche Religion gibt. Ich würde empfehlen, mal zu Frauen hinzugehen, die das Kopftuch tragen und mit ihnen zu reden, oder zu Frauen, die sich jetzt dem Islam zuwenden.
Sicher ist der Islam eine sehr auf die Familien zentrierte Religion. Unter den Bedingungen der Migration nimmt die Familie aber auch eine besondere Stellung ein, um den Menschen Halt zu geben. Damit steht der Islam in Kontrast zu dem individualistischen Wertsystem der Mehrheitsgesellschaft.
Vielleicht ist der Blick auf die Männer in diesem Zusammenhang sogar interessanter als der auf die Frauen. Die männlichen Einwanderer haben schlechtere Schulabschlüsse, werden öfter straffällig und haben schlechtere Zukunftsaussichten. Junge Migrantinnen scheinen hier besser klarzukommen. Viele junge Migrantinnen würden hier Karriere machen, wenn man sie denn ließe.
Durch das Kopftuchverbot grenzt man gerade die Frauen aus, die ihren Platz an Heim und Herd bleiben wollen. Aber die deutsche Politik sagt ihnen: Euer Platz ist an Heim und Herd oder ihr gebt das Kopftuch auf.

Was für Gründe haben Frauen in Deutschland, sich dem Islam zuzuwenden? Was würde man finden, wenn man zu den Frauen hingeht, die das Kopftuch tragen?

Man würde eine Oppositionskultur finden. Es erscheinen gerade einige Arbeiten zu dem Thema, eine Norwegerin arbeitet zum Beispiel dazu. Sie hat herausgefunden, dass es als cool gilt, das Kopftuch anzulegen. Man profiliert sich und beobachtet die Reaktion der Mehrheitsgesellschaft darauf und sieht sich dann bestätigt in seiner Haltung. Diese Haltung hat in mancher Hinsicht Ähnlichkeit mit der Haltung von Leuten, die Punkfrisuren tragen.
Gleichzeitig hat man eine Erklärung für seine Diskriminierung und eine Tradition, an die man anknüpfen kann. Aber das stellen sich viele völlig falsch vor. Wir haben es hier mit jungen, selbständigen, selbstbewussten Frauen zu tun. Das sind die Frauen, die sagen, in der Gemeinde muss sich etwas ändern. Die Männer rücken dann unruhig auf ihren Stühlen hin und her. Aber sie können das sagen, weil sie eine gemeinsame Basis haben, ausgedrückt durch das Kopftuch. Sie können aus muslimischer Perspektive sagen: Da macht ihr Scheiß. Die gehen nicht geduckt wie die Generation ihrer Mütter.
Das Kopftuch kann verschiedene Bedeutungen haben. Man kann es als Zeichen einer religiösen Wende tragen. Man kann es tragen, um sich abzusetzen von der westlichen Sexualmoral, manchmal mit feministischen Argumenten gegen die Verfügbarkeit von Frauen.
Manche zeigen damit, dass sich stolz sind, Muslima zu sein. Sie verstecken ihr Stigma nicht.
Manche tragen es, um ihren Eltern einen Gefallen zu tun. Manche tragen es, um innerislamisch gehört zu werden, als muslimische Feministin.
Manche tragen es als politisches Symbol, als Islamistinnen, um ihrer Sehnsucht nach einer gerechten Gesellschaft Ausdruck zu verleihen, vielleicht einer fehlgeleiteten Sehnsucht.

Linksruck Nr. 217, 29. März 2006

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