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„Wir“ und „die Anderen“

Werner Ruf, Friedensforscher, emeritierter Professor für Internationale und Intergesellschaftliche Beziehungen an der Universität Kassel. Er arbeitet unter anderem im Gesprächskreis Friedens- und Sicherheitspolitik der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Seit dem Ende des Kalten Krieges wird ein neues Feindbild aufgebaut: der Islam. Wissenschaftlich überhöht dieses Feindbild der frühere Sicherheitsberater Ronald Reagans, Samuel P. Huntington, der den „Kampf der Kulturen“ als das neue Konfliktmuster der 21. Jahrhunderts propagierte:

„Unterschiede zwischen Zivilisationen sind nicht nur real; sie sind grundlegend... Sie sind viel fundamentaler als die Unterschiede zwischen politischen Ideologien und politischen Regimen. Unterschiede meinen nicht notwendigerweise Konflikt, und Konflikt meint nicht notwendigerweise Gewalt. Aber über die Jahrhunderte hinweg haben die Konflikte zwischen den Kulturen die längsten und gewalttätigsten Konflikte erzeugt.“

Und als aggressivste und bedrohlichste Kultur sieht Huntington den Islam an, denn der habe „blutige Grenzen“. In einem weiteren Aufsatz von 1996 mit dem programmatischen Titel „Der Westen – einzigartig, nicht allgemeingültig“ übernimmt er die von den Orientalisten produzierten Klischees von der Rückständigkeit des Orients und des Islam, der gekennzeichnet sei von Despotismus, Un-Vernunft, Glauben, Stagnation, Mittelaltertum. Hier schreibt Huntington, es sei eine gefährliche Illusion „des Westens“ zu glauben, dass seine universellen Werte wie individuelle Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, rationales Denken und zivilgesellschaftliche Formen der Konfliktlösung auf andere Kulturen, allen voran „den Islam“ übertragbar wären. Seine Argumentation endet in Rassismus, während er vorgibt, Kulturen wissenschaftlich zu untersuchen.

Der 11. September 2001 lieferte dann gewissermaßen den greifbaren Beweis für die Richtigkeit seiner These, die gewissenhaft die zweihundert Jahre Imperialismus und Kolonialismus mit all ihrer Unterdrückung und ihren „blutigen Grenzen“ ebenso ausblendet wie die westliche Unterstützung der korrupten und unterdrückerischen Regime des Nahen Ostens, die viel Wut hervorruft. Hinzu kommt die völlig einseitige Haltung des Westens im Nahost-Konflikt. Huntington unterschlägt die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Ursachen des Aufbegehrens in der islamischen Welt. Er stellt zu Unrecht „den Islam“ als eine geschlossene Einheit dar. Nur so schafft er es, diese Religion als eine allgegenwärtige Bedrohung aufzublähen. Die Politiker, die seine Argumentation anwenden, stellen Muslime unter Generalverdacht und verhindern so die immer wieder beschworene Integration.

All dies ist nur möglich durch eine Geschichtsklitterung, die die Wirklichkeit auf den Kopf stellt: Wer waren die Aggressoren in der Zeit der Kreuzzüge? Wer waren die zigtausendfachen Opfer der „Reconquista“ und der Inquisition auf der spanischen Halbinsel? Wo fanden die von dort flüchtenden Muslime und Juden Schutz, wenn nicht in Nordafrika und im Osmanischen Reich? Zeugt nicht das jahrtausendlange Zusammenleben von Christen, Juden und Muslimen im Nahen Osten von der Toleranz des Islams, einer Toleranz, die es – gerade auch für Juden – im Westen nie gab? War es nicht gerade der intensive Kontakt zwischen den drei monotheistischen Religionen, die erst die Renaissance und dann die Aufklärung möglich machten? Verdanken „wir“ nicht die Wiederentdeckung der griechischen Philosophie, die all das erst ermöglichte, jenen arabischen Philosophen Ibn Ruschd und Ibn Sina, die zwecks Verwischung ihrer Herkunft flugs latinisiert und als Averroes und Avicenna in das „Wir“ integriert wurden?

All dies waren die Grundlagen, auf denen Konzepte wie Demokratie und Menschenrechte entwickelt wurden. Die Menschenrechte aber, wenn sie mit kulturologischer Argumentation als Besitz und Eigentümlichkeit nur einer Kultur beansprucht und den Anderen abgesprochen werden, verlieren ihre eigene Existenzgrundlage. So werden Rassismus und Diskriminierung und in ihrer Folge die Entmenschlichung des Anderen zur fatalen Identität des „Wir“. Sie legitimieren dann scheinbar Verbrechen wie in Abu Ghraib, Guantànamo oder bei der Ausländerhatz auf deutschen Straßen, die ja nur möglich sind durch die Entmenschlichung der Anderen. Die Verweigerung gleicher Rechte gegenüber Anderen, die Nicht-Anerkennung ihrer Identität, die kollektive Verdächtigung gegenüber Menschen aus anderen Kulturkreisen mögen ein neues „Wir-Gefühl“ hervorbringen, in der Konsequenz aber führen sie zur Barbarisierung unserer eigenen Gesellschaft.

Linksruck Nr. 228, April 2007

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