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Lenin, Marxismus und die nationale Frage heute

Der Marxismus steht seinem Wesen nach in einer internationalistischen Tradition. „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“, verkündet das Kommunistische Manifest. Für Marx und Engels verlief die wesentliche Teilung der Welt zwischen den Klassen und nicht den Nationen. Der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit war grenzüberschreitend und vereinigte die Arbeiter auf der einen und die Bosse auf der anderen Seite in ihrem Kampf gegeneinander.1

Nach landläufiger Meinung ist der Marxismus gerade wegen seines Internationalismus nicht in der Lage, mit der Realität von nationalen Trennungen umzugehen. Der Philosoph Gerald A. Cohen, Autor einer einflussreichen Abhandlung über Marx’ Geschichtstheorie, schreibt: „Ein gewisses Klischee antimarxistischen Denkens, wonach Marx die Bedeutung der Religion und des Nationalismus falsch eingeschätzt habe, trifft wahrscheinlich zu.“2 Tom Nairn, ehemaliger Marxist und heute lautstarker Befürworter des schottischen Nationalismus, ging noch weiter und erklärte: „Die Nationalismustheorie des Marxismus ist der Beleg für sein historisches Versagen.“3 Zugegeben, es liegt nahe, das 20. Jahrhundert mit seinen Weltkriegsgräueln, dem Holocaust und seinen ethnischen Säuberungen als Triumph der nationalen Identität über die Klasse zu betrachten.

Betrachten wir aber die Bilanz der marxistischen Tradition, sehen wir, dass sie sehr wohl in der Lage ist, den Nationalismus theoretisch zu verstehen und eine politische Antwort darauf zu geben. Es stimmt zwar, dass Marx und Engels im Kommunistischen Manifest überaus optimistisch äußerten, die Entwicklung des Kapitalismus als globales System werde alle nationalen Unterschiede hinwegfegen. Sie schrieben beispielsweise: „Die nationalen Absonderungen und Gegensätze der Völker verschwinden mehr und mehr schon mit der Entwicklung der Bourgeoisie, mit der Handelsfreiheit, dem Weltmarkt, der Gleichförmigkeit der industriellen Produktion und der ihr entsprechenden Lebensverhältnisse.“4 (Die Fürsprecher der „Globalisierung“ hängen heute, allerdings mit viel weniger Berechtigung, demselben Glauben an.) Es stellte sich aber schnell heraus, dass Kapitalismus und nationale Identität keine Gegensätze sind, sondern sich ergänzen.

Der Kapitalismus und der Nationalstaat

Dafür gibt es zwei wesentliche Gründe. Zum einen verlangt die Entwicklung des Kapitalismus als Produktionsweise die Errichtung von Nationalstaaten. Wirtschafts- und Gesellschaftshistoriker haben beschrieben, wie die Entstehung des industriellen Kapitalismus in Großbritannien beispielsweise ganz entscheidend von der Schaffung eines großen Binnenmarkts für die Güter und Dienstleistungen der neuen kapitalistischen Unternehmer abhing. Diese erste „Konsumgesellschaft“ setzte die politische Einheit einer relativ weiträumigen Wirtschaftszone voraus, in der Menschen, Waren und Geld sich möglichst frei bewegen konnten. Zum anderen wurde die Entwicklung des Kapitalismus durch den militärischen Wettstreit unter den europäischen Mächten befördert. Die Überseeexpansion des britischen Staats im 17. und 18. Jahrhundert schuf neue Märkte und Investitionsgelegenheiten für seine Kapitalisten, während die riesigen Staatsausgaben für die Königliche Flotte, das Hauptinstrument der Auslandseroberungen, die Nachfrage nach den Manufakturerzeugnissen erhöhte. Vor dem Hintergrund des zwischenstaatlichen Wettbewerbs begannen die Herrschenden schließlich an ihre Untertanen als Mitglieder einer nationalen Gemeinschaft zu appellieren, die sich im Kampf gegen ihre ausländischen Konkurrenten befand. Auf diese Weise wurde die britische Nationalidentität während der langen Kriege mit Frankreich von 1689 bis 1815 geschmiedet.5

Die aus diesem Prozess hervorgehenden Nationen waren keine „natürlichen Gebilde“. Der Bezugsrahmen für die Identität des Individuums in der vorkapitalistischen Gesellschaft war entweder sehr viel enger (die Ortschaft und/oder die Verwandtschaft) oder viel breiter (eine der Weltreligionen), als der der neuen Nationen. Die alten Bindungen mussten aufgelöst oder der Nationalität untergeordnet werden. Die Herausbildung der nationalen Identität war ein Prozess zwangsweiser Eingliederung und Assimilation. Ernest Gellner führt sehr überzeugend aus, dass eine moderne Industriegesellschaft mit ihrem vereinheitlichten Arbeitsmarkt und bürokratischen Staat angewiesen ist auf eine homogene Kultur.6 Dazu gehört in der Regel das Entstehen einer einzigen, von Herrschenden wie Beherrschten gesprochenen „Nationalsprache“. Welche Sprache und welche mit ihr verbundene Kultur diese Rolle annahm, war in der Regel abhängig von Sprache und Kultur der den Staat kontrollierenden Klasse und somit einem historischen Zufall geschuldet. Die übrigen Sprachen und Kulturen verschwanden, weil sie nicht mehr gepflegt wurden, oder sie wurden offiziell unterdrückt. Eric Hobsbawm hat den Vorgang sehr bildlich zusammengefasst: „Dialekte sind, wie wir alle wissen, nichts anderes als Sprachen ohne Armee und Polizei.“7 Die Staatsbürokratie und das moderne Massenbildungssystem waren mächtige Instrumente zur kulturellen Homogenisierung.

Zum anderen entfaltete sich der Kapitalismus zu einem weltumspannenden System, wie Marx und Engels vorausgesagt hatten, allerdings sehr ungleichmäßig. Dieser Vorgang, für den Trotzki den Begriff „ungleichmäßige und kombinierte Entwicklung“ prägte, führte unter anderem dazu, dass die ersten, in Westeuropa und Nordamerika konzentrierten kapitalistischen Mächte den Rest der Welt beherrschen konnten. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert nahm dies die Gestalt der offiziellen Eingliederung der heute als Dritte Welt bezeichneten Regionen (Afrika, Asien und Lateinamerika) in die europäischen Kolonialreiche an. Aber auch nach 1945 blieb trotz der Entkolonialisierung die wirtschaftliche und militärische Vorherrschaft des westlichen Kapitalismus (der mittlerweile auch Japan umfasst) bestehen. Die marxistische Imperialismustheorie führt diesen Zustand auf Tendenzen zurück, die der kapitalistischen Produktionsweise selbst innewohnen. Der Wettbewerb zwischen den Kapitalien führt zu einer stets steigenden Konzentration und Zentralisation und so zur Entstehung im globalen Maßstab operierender und mit ihren jeweiligen Nationalstaaten eng verflochtener Konzerne. Die Wirtschaftskonkurrenz zwischen den Unternehmen nimmt daher tendenziell die Gestalt militärischer und territorialer zwischenstaatlicher Konflikte an. Eine Folge ist der Kampf zwischen den Imperialisten wie in den beiden Weltkriegen und im Kalten Krieg. Eine andere Folge ist das weltweite Machtgefälle, da die großen kapitalistischen Staaten in Verfolgung ihrer Interessen versuchen, ihren Willen kleineren Mächten aufzuzwingen.8

Die zweihundertjährige Entwicklung des Nationalismus als politische Ideologie müssen wir vor diesem Hintergrund sehen. Dabei gibt es zwei Arten von Nationalismus. Der erste ist der imperialistische Nationalismus der vorherrschenden Mächte: der US-amerikanische, britische, französische und deutsche Nationalismus. Durch ihn soll die Arbeiterklasse in den imperialistischen Staaten an ihre herrschende Klasse gebunden werden, sollen Ausbeuter und Ausgebeutete gegen die Arbeiter und Bosse anderer imperialistischer Mächte und gegen die Menschen in den vom Imperialismus unterdrückten Ländern vereint werden. Der zweite ist der revolutionäre Nationalismus der Unterdrückten, eine Ideologie, die dazu dient, das Volk, das unter der Herrschaft einer imperialistischen Macht leidet, in seinem Kampf um Freiheit zu vereinen. Der Zusammenstoß zwischen diesen verschiedenen Nationalismen ist eines der großen Dramen des 20. Jahrhunderts, das gewaltige Kämpfe in so unterschiedlichen Ländern wie Irland, Indien, Vietnam und Algerien ausgelöst hat.

Marx selbst sah sich mit den Auswirkungen eines dieser Konflikte im viktorianischen Großbritannien konfrontiert. Die Spaltung zwischen den „einheimischen“ britischen Arbeitern und den irischen Einwanderern war unübersehbar. Hunger, Armut und Arbeitslosigkeit in Irland zwangen Letztere, unqualifizierte und schlecht bezahlte Hilfsarbeiten in Großbritannien anzunehmen. Zudem wurden sie wegen ihrer Religion und nationalen Herkunft diskriminiert. Britische Arbeiter wurden von der herrschenden Klasse angestachelt, ihre irischen Kollegen nicht nur als wirtschaftliche Bedrohung zu sehen, die ihre Löhne und Arbeitsbedingungen unterbieten, sondern als „minderwertige Rasse“ (die viktorianische Boulevardpresse quoll über mit abstoßenden rassistischen Klischees von den Iren). Marx sah in dieser Spaltung zwischen „einheimischen“ britischen und zugewanderten irischen Arbeitern das „Geheimnis der Ohnmacht der englischen Arbeiterklasse“.9 Um die Strategie des Teilens und Herrschens der herrschenden Klasse zu durchkreuzen, sei es notwendig, die britische Arbeiterbewegung für die Unterstützung des Kampfs um irische Selbstbestimmung zu gewinnen. Nur wenn sie sich mit dem Nationalismus der Unterdrückten identifizierte, konnte es ihr gelingen, den Einfluss des Nationalismus der Unterdrücker unter britischen Arbeitern zu durchbrechen.

Lenin zur nationalen Frage

Lenin konnte von seinen Erfahrungen beim Aufbau einer sozialistischen Partei im multinationalen russischen Reich und den Auseinandersetzungen über die nationale Frage in der internationalen sozialistischen Bewegung vor und während des Ersten Weltkriegs Gewinn ziehen. Er verallgemeinerte Marx’ Ansatz und betonte, es sei die Pflicht revolutionärer Sozialisten, das Selbstbestimmungsrecht von unterdrückten Nationen zu unterstützen. Dass er diesen Standpunkt einnahm, hatte nichts mit abstrakten moralischen Prinzipien zu tun, sondern mit strategischen Erwägungen: Die Unterstützung für die nationale Selbstbestimmung der Unterdrückten war ein Hebel, die internationale Einheit der Arbeiterklasse herzustellen.10 Lenins Ansatz beinhaltete folgende Schlüsselelemente:

1. Gegen den imperialistischen Nationalismus. Für Lenin war der „grundlegende Gedanke“ in Bezug auf die nationale Frage „die Unterscheidung zwischen unterdrückten und unterdrückenden Völkern“.11 So wie Marx war er der Überzeugung, dass die Arbeiter der imperialistischen Staaten vom nationalen Chauvinismus nur abgebracht werden konnten, wenn sie sich mit dem Kampf der Nationen identifizierten, die von der eigenen herrschenden Klasse unterdrückt wurden. Deshalb argumentierte er, dass es im zaristischen „Gefängnis der Nationen“ für die Arbeiter der herrschenden großrussischen Nation unerlässlich war, die Forderung beispielsweise des polnischen Volks nach nationaler Unabhängigkeit zu unterstützen. Das hieß aber keineswegs, den polnischen oder irgendeinen anderen Nationalismus gutzuheißen, wie wir weiter unten sehen werden. Lenin ging vielmehr davon aus, dass die russischen Arbeiter und ihre Bundesgenossen in anderen imperialistischen Ländern für den revolutionären Internationalismus gewonnen werden konnten, wenn sie die Berechtigung der Forderungen unterdrückter Nationen anerkannten. Lenin stellte damit das abstrakte Konzept von Internationalismus in Frage, dem manche Bolschewiki und bis zu einem gewissen Grad sogar die große polnische Revolutionärin Rosa Luxemburg anhingen. Für sie bedeutete Internationalismus, nationale Unterschiede zu ignorieren, oft in der falschen Annahme, der Kapitalismus würde nationale Spaltungen aufheben. Da der Imperialismus durch die Herrschaft der Großmächte über die Welt solche Konflikte in Wirklichkeit noch verschärfte, konnte sich dieser abstrakte Internationalismus leicht in sein Gegenteil verkehren: So zu tun, als ob nationale Differenzen nicht existierten, konnte zu einem faktischen Einverständnis mit einem System führen, das für fortgesetzte nationale Unterdrückung verantwortlich war. Angesichts der Kapitulation der wichtigsten Parteien der Zweiten Internationale im August 1914 vor dem imperialistischen Krieg war dies keine rein abstrakte Gefahr (Luxemburg blieb natürlich eine unbeugsame Gegnerin des Kriegs). Paradoxerweise erforderte der echte Internationalismus, eine bestimmte Art des nationalen Kampfes, nämlich den der unterdrückten Völker, gegen eine andere, den der imperialistischen Mächte, zu unterstützen. Lenin schrieb:

Der Schwerpunkt der internationalistischen Erziehung der Arbeiter in den unterdrückenden Ländern muss unbedingt darin liegen, dass sie die Freiheit der Lostrennung der unterdrückten Länder propagieren und verfechten. Ohne das gibt es keinen Internationalismus. Wir haben das Recht und die Pflicht, jeden Sozialdemokraten einer unterdrückenden Nation, der keine solche Propaganda betreibt, als Imperialisten und Schurken zu behandeln.12

2. Auf der Seite der unterdrückten Nationen gegen den Imperialismus. Bis dahin hatte Lenin lediglich in typisch scharfer und polemischer Form das formuliert, was Marx über Irland bereits dargelegt hatte. Er ging aber über Marx hinaus mit seiner Erkenntnis, dass die Kämpfe unterdrückter Nationen das Potenzial bargen, nicht nur einzelne Großmächte, sondern das imperialistische System in seiner Gesamtheit zu schwächen. Er erkannte sehr frühzeitig, wie die irisch-republikanische Bewegung vor allem während des Ersten Weltkriegs den britischen Imperialismus untergraben konnte. Er verurteilte mit aller Entschiedenheit das Sektierertum jener Bolschewiki, die den Dubliner Osteraufstand von 1916 als bloßen „Putsch“ kleinbürgerlicher Nationalisten abtaten:

Denn zu glauben, dass die soziale Revolution denkbar ist ohne Aufstände kleiner Nationen in den Kolonien und in Europa, ohne revolutionäre Ausbrüche eines Teils des Kleinbürgertums mit allen seinen Vorurteilen, ohne die Bewegung unaufgeklärter proletarischer und halbproletarischer Massen gegen das Joch der Gutsbesitzer und der Kirche, gegen die monarchistische, nationale usw. Unterdrückung – das zu glauben heißt der sozialen Revolution entsagen. Es soll sich wohl an einer Stelle das eine Heer aufstellen und erklären: „Wir sind für den Sozialismus“, an einer anderen Stelle das andere Heer aufstellen und erklären: „Wir sind für den Imperialismus“, und das wird dann die soziale Revolution sein! … Wer eine „reine“ soziale Revolution erwartet, der wird sie niemals erleben.13

Lenin verstand, dass die durch den Ersten Weltkrieg und seine Nachwirkungen hervorgerufene Krise des Imperialismus mehr als nur die „reine“ Auseinandersetzung zwischen Arbeit und Kapital umfassen würde. Andere soziale Kräfte – in den unterdrückten Nationen alle unter den Folgen der imperialistischen Herrschaft leidenden Klassen – würden gezwungen sein, gegen die herrschende Ordnung aufzubegehren. Ihr Kampf könnte mit dem der Arbeiterklasse zusammengehen und zur Schwächung und letztlich zum Sturz des gesamten Systems führen. Deshalb schrieb Lenin in seinem „Entwurf der Thesen zur nationalen und kolonialen Frage“, der im Juli 1920 vor dem Zweiten Kongress der Kommunistischen Internationale (Komintern) vorgetragen wurde:

Alle Ereignisse der Weltpolitik ballen sich notwendigerweise um einen Mittelpunkt zusammen, nämlich um den Kampf der Weltbourgeoisie gegen die Russische Sowjetrepublik. Diese gruppiert um sich unvermeidlich einerseits die Rätebewegungen der fortgeschrittenen Arbeiter aller Länder, anderseits alle nationalen Befreiungsbewegungen der Kolonien und der unterdrückten Völker, die sich durch bittere Erfahrung davon überzeugen, dass es für sie keine andere Rettung gibt als den Sieg der Sowjetmacht über den Weltimperialismus.14

3. Die Grenzen des Nationalismus. Während Lenin ein Bündnis zwischen kommunistischen Arbeiterbewegungen und nationalen Befreiungsbewegungen ins Auge fasste, legte er gleichzeitig großen Wert auf die Feststellung, dass die beiden Bewegungen eine unterschiedliche Klassenbasis hatten und daher nicht verschmelzen durften. So betont er in dem „Entwurf“

die Notwendigkeit, einen entschiedenen Kampf zu führen gegen die Versuche, den bürgerlich-demokratischen Befreiungsströmungen in den zurückgebliebenen Ländern einen kommunistischen Anstrich zu geben. Die Kommunistische Internationale darf die bürgerlich-demokratischen nationalen Bewegungen in den Kolonien und zurückgebliebenen Ländern nur unter der Bedingung unterstützen, dass die Elemente der künftigen proletarischen Parteien, die nicht nur dem Namen nach kommunistische Parteien sind, in allen zurückgebliebenen Ländern gesammelt und im Bewusstsein ihrer besonderen Aufgaben, der Aufgaben des Kampfes gegen die bürgerlich-demokratischen Bewegungen innerhalb ihrer Nation, erzogen werden. Die Kommunistische Internationale muss ein zeitweiliges Bündnis mit der bürgerlichen Demokratie der Kolonien und der zurückgebliebenen Länder eingehen, darf sich aber nicht mit ihr verschmelzen, sondern muss unbedingt die Selbständigkeit der proletarischen Bewegung – sogar in ihrer Keimform – wahren.15

Dieser Aufruf gründete auf der oben umrissenen marxistischen Analyse der nationalen Frage. Eine grundlegende Kluft trennt sogar den revolutionärsten Nationalismus vom revolutionären Sozialismus, da sie die Ideologien unterschiedlicher Klassen sind. Der Nationalismus ist eine bürgerliche Ideologie – nicht in dem Sinn, dass alle oder die meisten seiner Anhänger Kapitalisten wären, sondern weil er immer die Interessen einer bereits vorhandenen oder aufstrebenden kapitalistischen Klasse vertritt. Der revolutionäre Nationalismus ist für gewöhnlich die Ideologie einer aufstrebenden kapitalistischen Klasse. Die imperialistische Herrschaft behindert in aller Regel die Entwicklung eines heimischen Kapitalismus in den unterdrückten Ländern. Es sind üblicherweise Intellektuelle der Mittelschichten, die der nationalistischen Bewegung den Antrieb verleihen. In den meisten Fällen sind sie selbst – als Schicht – das Produkt der imperialistischen Ordnung und ihres Bedarfs an Bürokraten, die mit ihrer Sprache und Kultur vertraut und in der Lage sind, als Mittler zwischen ihr und den unterdrückten Massen aufzutreten. Gefangen in dieser Zwitterposition – der imperialistischen Macht nahe genug, um deren Stärke anzuerkennen, aber nach wie vor Teil der unterdrückten Nation und daher der Verachtung und Demütigung ihrer Herren ausgesetzt – entwickeln diese Intellektuellen die Idee von einer politischen Bewegung, die einen neuen Nationalstaat erschaffen kann, mächtig genug, einen Kapitalismus unter eigener Kontrolle aufzubauen. (Auch da, wo sich eine einheimische Bourgeoisie unter imperialer Herrschaft entwickeln konnte und sich der nationalen Sache anschloss – beispielsweise bei den Industriellen Bombays und den reichen katholischen Landwirten Südirlands – wurde die Bewegung von Intellektuellen wie dem Rechtsanwalt Gandhi, dem in Harrow und Cambridge ausgebildeten Nehru, dem Postbeamten Collins und dem Schullehrer Pearse angeführt.16)

Angesichts der Kompromisslosigkeit der imperialen Macht sind die nationalistischen Führer zu einer Strategie der Konfrontation auf der Grundlage verschiedener Kombinationen aus Massenaktionen und militärischem Kampf genötigt. Das erfordert den Aufbau einer breiten nationalen Bewegung, die sich zum Ziel setzt, alle Klassen der unterdrückten Bevölkerung – Arbeiter, Bauern, Intellektuelle und Kapitalisten – gegen den Unterdrücker zu vereinen. Dieser Prozess erfordert seinerseits die Schaffung einer nationalen Gemeinschaft, in der eine aufgepfropfte Identität Klassenspaltungen überwindet. Das wird meist erreicht, indem in die vorkoloniale Vergangenheit die mythologische Geschichte einer Nation projiziert wird, deren vergangener Glanz wiederhergestellt und ihr gegenwärtiges Leid durch die eines Tages erreichte Unabhängigkeit wiedergutgemacht werden sollen.17

Die Konfrontation mit dem Imperialismus mag aber noch so heftig und die gebrachten Opfer noch so heldenhaft sein, jeder nationalistische Kampf endet mit einem Kompromiss. Darin spiegelt sich wider, von welcher Klasse der revolutionäre Nationalismus getragen ist: Da sein Ziel sich darin erschöpft, einen neuen kapitalistischen Staat zu schaffen, muss es letztendlich zu einer Verständigung mit dem System kapitalistischer Staaten und den herrschenden Mächten in diesem System kommen. Mit diesem Kompromiss werden womöglich sogar einige der grundlegenden Zielsetzungen der Bewegung verraten. Die radikaleren, im Verlauf des Kampfes entstandenen Hoffnungen werden auf jeden Fall enttäuscht. Das zeigt das Beispiel des irischen Unabhängigkeitskampfs, der 1922 zur Einrichtung eines Kleinstaats im Norden und zu einem Bürgerkrieg in den Reihen der republikanischen Bewegung führte, aber auch der zwiespältige Triumph des indischen Nationalismus 1947, als der Kongress die vom Radscha geschaffene Herrschaftsstruktur übernahm und den Subkontinent in die Agonie der territorialen und religiösen Spaltungen fallen ließ. Dasselbe Muster weisen auch Bewegungen der jüngeren Vergangenheit auf. Drei der bedeutendsten nationalen Befreiungskämpfe der letzten Jahrzehnte – Südafrika, Palästina und Nordirland – sind augenscheinlich mit Vereinbarungen „abgeschlossen“ worden, die die gesteckten Ziele mehr oder minder verleugnen. Jede nationalistische Bewegung erreicht irgendwann einen Punkt, an dem die Führung die Massenbewegung, die sie zuvor gerufen hatte, wieder zähmen will. Die Kampfziele weichen dem „nationalen Aufbau“, der Konstruktion eines neuen kapitalistischen Staats unter Beteiligung der alten revolutionären Führung. Die Verwandlung eines Robert Mugabe vom politischen Anführer eines Guerillakriegs, der Simbabwe von der weißen Minderheitsherrschaft befreite, in die Galionsfigur eines korrupten und zusehends despotischen Regimes, das Krieg gegen das eigene Volk führt, ist ein Beispiel für diese Entwicklung.

Permanente Revolution

Lenin war sich im Klaren darüber, dass die Klassennatur des revolutionären Nationalismus von den kommunistischen Parteien in den Kolonial- und Halbkolonialländern erforderte, ihre politische und organisatorische Unabhängigkeit zu wahren und starke Arbeiterbewegungen aufzubauen. In welchem Zusammenhang die Forderungen des nationalistischen Kampfes gegen den Imperialismus – also bürgerlich-demokratische Forderungen, da sie im Prinzip ohne Sturz des Kapitalismus befriedigt werden konnten – zu dem besonderen Arbeiterkampf für Sozialismus standen, dieses Problem löste er nicht. Nach Lenins Tod 1924 und der Machtergreifung Joseph Stalins auf den Trümmern des bolschewistischen Regimes wurde die „Etappentheorie“ zur Komintern-Doktrin. Demnach musste die Revolution in den Kolonien zwei Etappen durchlaufen, zuerst die des bürgerlich-demokratischen Kampfes für die nationale Unabhängigkeit, und dann die des Arbeiterkampfes für den Sozialismus. Die erste Etappe erforderte ein breites Bündnis aller Klassen einschließlich der „nationalen“ Kapitalisten, neben den Arbeitern, Bauern und Intellektuellen, mit dem Ziel der nationalen Befreiung. Während dieser Phase hatte die Arbeiterklasse ihre eigenen Interessen denen des nationalistischen Bündnisses unterzuordnen. Sie sollte auf keinen Fall Forderungen aufstellen und Kämpfe führen, die die Kapitalisten und das kleine Besitzbürgertum verschrecken könnten.

Die Chinesische Revolution von 1925 bis 1927 legte zum ersten Mal die verheerenden Folgen dieser Strategie offen.18 Trotzki wies seinerzeit darauf hin, dass das Hauptproblem die „nationale Bourgeoisie“ war. Weil sich der Kapitalismus ungleichmäßig, zugleich aber kombiniert entwickelt, sind die Kapitalisten in den weniger entwickelten Ländern in der Regel schwach und vom Imperialismus abhängig. Deshalb werden sie kaum einen konsequenten Kampf gegen den Imperialismus unterstützen. Sie fürchten sich auch vor Massenmobilisierungen, die außer Kontrolle geraten und in einen Kampf gegen alle Besitzenden, einheimische wie ausländische, ausarten könnten.

Die Kommunistische Partei Chinas (KPC) versuchte deshalb, die Kämpfe der Arbeiter und Bauern zu mäßigen, um nicht die „nationale Bourgeoisie“ gegen sich aufzubringen. Nicht einmal einfache Landreformen kamen in Frage, da die chinesischen Kapitalisten meist eng verbunden waren mit den Landbesitzern. Die KPC beschränkte sich auf „Kulidienste“ für die nationalistische Kuomintang, wie es ein Vertreter der Komintern nannte: Sie organisierte Massenunterstützung für deren militärischen Feldzüge. Sobald sie ihre Schuldigkeit getan hatte, ließ Kuomintang-Führer Tschiang Kai-schek, der sich dem ausländischen und einheimischen Kapital andienen wollte, sie fallen und tausende Mitglieder umbringen. Dieselbe Geschichte wiederholte sich unzählige Male in vielen Gegenden der Dritten Welt. Einer der beachtlichsten Fälle ereignete sich während der irakischen Revolution von 1958/59, als die Kommunistische Partei Kassems „progressives“ Militärregime unterstützte und dabei eine gewaltige Bewegung aus Arbeitern und städtischen Armen demobilisierte. Das war das Einfallstor für einen von der CIA unterstützten Putsch, durch den am Ende die nationalistische Baath-Partei und später Saddam Hussein an die Macht kamen.19 Mit der stalinistischen Etappentheorie triumphierte der Nationalismus über den Sozialismus. Sie war deshalb die Negation der Unabhängigkeit der Arbeiterklasse, die für Lenin so wesentlich gewesen war. Trotzkis Theorie der permanenten Revolution bot die Grundlage für eine Alternativstrategie, ausgehend von den Erfahrungen der Russischen Oktoberrevolution von 1917. Durch die ungleichmäßige und kombinierte Entwicklung im zaristischen Russland waren Ende des 19. Jahrhunderts Enklaven fortgeschrittener Industrien inmitten einer überwiegend bäuerlichen Gesellschaft entstanden. Die kapitalistische Klasse, vom Staat und vom Auslandskapital abhängig, scheute sich vor jedem entschlossenen Kampf zur Befreiung Russlands von der Zarenherrschaft. Die Arbeiterklasse in den neuen Industrien, obwohl nur eine Minderheit der Bevölkerung, stellte sich deshalb an die Spitze der gesamten Demokratiebewegung. Aber die Logik des Arbeiterkampfes trieb sie über rein demokratische Forderungen hinaus und zum Kampf für ihre eigenen Klasseninteressen. Im Oktober 1917 gipfelte diese Entwicklung in der Machtergreifung der Arbeiter unter bolschewistischer Führung und mit Zustimmung der bäuerlichen Mehrheit.

Trotzki argumentierte, dass derselbe Prozess einer permanenten Revolution auch in den kolonialen und halbkolonialen Ländern am Werk war. In Ländern wie China könnte die Arbeiterklasse die unterdrückte und ausgebeutete Mehrheit der Bevölkerung, wie die Bauern und Arbeitslosen, in einen gemeinsamen Kampf führen und dabei die Forderung nach nationaler Unabhängigkeit mit dem Versuch verbinden, die Macht des Kapitals zu zerschlagen. Das Beispiel Russlands zeige aber auch, dass die sozialistische Revolution, dazu noch in einem wirtschaftlich rückschrittlichen Land, nur durch die Unterstützung der Arbeiter anderer Länder und also ihrer Ausweitung erfolgreich sein könne. Als Weltsystem könne der Kapitalismus nur im internationalen Maßstab geschlagen werden. Beim Ausbleiben einer weltweiten Revolution würde das Kapital seine Macht erneut behaupten, entweder unmittelbar durch eine Konterrevolution und die Zerschlagung des Arbeiterstaats oder mittelbar durch wirtschaftlichen und militärischen Druck, dessen Auswirkungen die Entstehung einer stalinistischen Bürokratie in dem isolierten sozialistischen Regime begünstigen mussten.

Ausgerechnet der Prozess ungleicher und kombinierter Entwicklung, der für die Entstehung revolutionärer nationalistischer Kämpfe gegen den Imperialismus verantwortlich zeichnete, führte dazu, dass diese Kämpfe nur erfolgreich sein konnten, wenn sie in sozialistische, international siegreiche Revolutionen übergingen. Einzelne Länder können aus dem Würgegriff des kapitalistischen Weltsystems nur befreit werden, wenn das System selbst zerstört wird. Kein nationaler Kampf kann dieses Ziel erreichen – nur eine internationale Klasse, die Arbeiterklasse, kann das bestehende System durch eine Welt ersetzen, in der die unterschiedlichen Völker und ihre Kulturen in all ihrer Vielfältigkeit gedeihen können.

Die nationale Frage heute

Der marxistische Ansatz zur nationalen Frage, wie er in erster Linie von Lenin entwickelt wurde, scheint mir von allen der geeignetste zu sein. Er ermöglicht ein Verständnis für die revolutionäre Dynamik nationalistischer Bewegungen und deren Fähigkeit, selbst die größten imperialistischen Mächte zu destabilisieren. Die indischen und irischen Kämpfe erschütterten den britischen Imperialismus. Die heldenhafte vietnamesische Befreiungsbewegung fügte der größten aller imperialistischen Mächte eine demütigende Niederlage zu, von der sich die US-amerikanische herrschende Klasse politisch bis heute nicht ganz erholt hat. Nationalistische Erhebungen im Kaukasus und Baltikum trugen ganz entscheidend zur Auflösung der Sowjetunion Ende der 1980er Jahre bei. Gleichzeitig weist der Marxismus auf die Grenzen des Nationalismus hin: Noch die heldenhafteste nationale Befreiungsbewegung will einen Platz für sich im Rahmen des weltweiten kapitalistischen Systems schaffen und daher mit diesem System ihren Frieden schließen.

Diese Analyse ermöglicht uns, zwei für die Linke typische Fehler im Umgang mit dem Nationalismus zu vermeiden. Der eine ist, ihn zu verteufeln, der andere, vor ihm zu kapitulieren. Erstere Reaktion ist seit dem Zusammenbruch der stalinistischen Staaten Ende der 1980er Jahre weit verbreitet. Für viele linke Intellektuelle war der Sturz von Regimes, in die sie oft Illusionen gesetzt hatten, gleichbedeutend mit dem Sieg barbarischer und irrationaler Nationalismen. Die Kriege im ehemaligen Jugoslawien und in den Randstaaten der ehemaligen Sowjetunion haben diese Haltung bestärkt. Dabei wird nicht erkannt, dass der Nationalismus grundsätzlich zweideutig ist. Die sich bekämpfenden serbischen und kroatischen Nationalisten, die Jugoslawien Anfang der 1990er Jahre auseinanderrissen, stützten sich in der Tat auf chauvinistische Mythologien, mit denen die unmenschlichsten Gräuel gerechtfertigt wurden. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass verschiedene Nationalismen als Schirm dienten, unter dem zigmillionen Menschen im Baltikum und Kaukasus Ende der 1980er Jahre gegen ein repressives stalinistisches Regime aufstanden.

Die Zweideutigkeit des Nationalismus spiegelt die hinter ihm stehenden Klasseninteressen wider. Dieselbe Ideologie, mit der der Kampf gegen Unterdrückung gerechtfertigt wird, kann auch von einer neuen kapitalistischen Klasse als Deckmantel benutzt werden, sich zur Festigung ihrer Staatsmacht Gebiete der jetzt als Fremde Bezeichneten einzuverleiben und ihnen die Grundrechte zu verweigern. Deshalb muss jede nationalistische Bewegung konkret beurteilt werden, auf der Grundlage der jeweiligen politischen Auswirkungen ihres Handelns in einem bestimmten Kontext. Als die vietnamesische Befreiungsarmee bei ihrem Marsch auf Saigon im Frühling 1975 die südvietnamesische Vasallenarmee der USA aufrollte, vollendete sie einen großen Kampf für nationale Befreiung. Mit ihrem Einmarsch in Kambodscha knapp vier Jahre später unterstrich sie den Anspruch des vietnamesischen Staats auf militärische Beherrschung Indochinas.20

Spiegelbildlich zur Verteufelung von Nationalismus wurde immer wieder auch der Fehler begangen, vor bestimmten Nationalismen zu kapitulieren, die ihrem Wesen nach für fortschrittlich gehalten wurden. Die westliche Linke hatte sich in den 1960er und 1970er Jahren für die Befreiungsbewegungen der Dritten Welt begeistert und sie als Vorhut des Sozialismus bezeichnet. Viele radikalisierte Studenten beschränkten sich nicht auf Solidarität mit dem vietnamesischen Kampf gegen den US-Imperialismus, sondern schenkten der herrschenden Kommunistischen Partei Vietnams ihre unkritische Unterstützung. Als aber Vietnam 1978/79 gegen Kambodscha und China, zwei weitere „sozialistische“ Länder, in den Krieg zog, machten sich Verwirrung und Enttäuschung breit. Genau denselben, allerdings viel weniger entschuldbaren Fehler, bürgerlichen nationalen Bewegungen einen „kommunistischen Anstrich“ zu verleihen, wie Lenin es ausdrückte, machen manche Sozialisten heute, wenn sie die schottische und die walisische nationalistischen Partei als Vorreiter im Kampf gegen den Imperialismus bezeichnen. Das Besondere des marxistischen Ansatzes zur nationalen Frage, wie er in erster Linie von Lenin ausgearbeitet wurde, besteht darin, sich vor allem mit den konkreten politischen Auswirkungen einer gegebenen nationalistischen Bewegung zu beschäftigen. Michael Löwy formulierte es ganz ausgezeichnet:

Methodologisch gesehen lag Lenins Überlegenheit über die meisten seiner Zeitgenossen hauptsächlich in seiner Fähigkeit, „der Politik das Kommando zu geben“, das heißt seiner hartnäckigen, unwandelbaren, gleichbleibenden und unerschütterlichen Tendenz, in jedem Problem, in jedem Widerspruch den politischen Aspekt zu erkennen und herauszustellen … Während andere marxistische Autoren bei der nationalen Frage nur die ökonomische, kulturelle oder „psychische“ Dimension des Problems sahen, betonte Lenin ganz ausdrücklich, dass die Frage der Selbstbestimmung „ganz und ausschließlich“ auf dem Gebiet der politischen Demokratie liegt, das heißt auf dem Gebiet des Rechts auf politische Lostrennung, auf Errichtung eines unabhängigen Nationalstaats … Seine Ziele waren Demokratie und die internationalistische Einheit des Proletariats; und beide erfordern die Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts der Völker. Gerade weil sie sich auf den politischen Aspekt konzentriert, macht seine Theorie des Selbstbestimmungsrechts zudem nicht das kleinste Zugeständnis an den Nationalismus.21

Die Bedeutung eines Kampfes unter nationaler Fahne liegt vom marxistischen Standpunkt aus betrachtet also in den sozialen Konflikten, die darin zum Ausdruck kommen, und vor allem in seinen politischen Folgen. Wenn zu den Folgen die Schwächung des Imperialismus und die Stärkung der internationalen Einheit der Arbeiterklasse gehören, sollten Sozialisten diesen Kampf unterstützen. Wenn das nicht der Fall ist, sollten Sozialisten ihn nicht unterstützen. Das ist natürlich nur eine allgemeine Richtlinie, die je nach den Umständen mit Bedacht angewandt werden muss – beispielsweise in Bezug auf die unterschiedlichen nationalen Fragen, wie sie sich innerhalb des Vereinigten Königreichs in Nordirland, Schottland oder Wales stellen.22 Es sollte jedoch klar geworden sein, dass die nationale Frage keineswegs der Felsen ist, an dem der Marxismus zerschellt. Ganz im Gegenteil, die marxistische Tradition kann nicht nur das Wesen nationaler Konflikte erklären, sie bietet auch eine Strategie für den Umgang mit ihnen an.

Fußnoten:
1 Grundlage dieses Aufsatzes ist ein Vortrag, den ich im schottischen Glasgow am 20. November 1998 gehalten habe. Eine sehr viel gründlichere marxistische Durchleuchtung der nationalen Frage findet sich bei Chris Harman, „The Return of the National Question“, in: International Socialism 56, London 1992, nachgedruckt in: Alex Callinicos u. a., Marxism and the New Imperialism, London 1994.
2 Gerald A. Cohen, „Reconsidering Historical Materialism“, in: Alex Callinicos (Hg.), Marxist Theory, Oxford 1989, S. 162.
3 Tom Nairn, „The Modern Janus“, New Left Review 94 (1975), S. 3.
4 Siehe Karl Marx, Friedrich Engels, Werke (MEW), Bd. 4, Berlin 1993, S. 479.
5 Siehe insbesondere Michael Mann, The Sources of Social Power, Bd. 1, Cambridge 1986, S. 483–485; John Brewer, The Sinews of Power, London 1989; und Linda Colley, Britons, London 1994.
6 Ernest Gellner, Nations and Nationalism, Oxford 1983.
7 Eric Hobsbawm, The Age of Empire, London 1987, S. 156. Eine interessante Darstellung dieser bei der Herausbildung des modernen britischen Staats ablaufenden Prozesse bietet Michael Hechter, Internal Colonialism, London 1975.
8 Siehe Alex Callinicos, „Marxism and Imperialism Today“, in: Alex Callinicos u. a., Marxism and the New Imperialism, a.a.O.
9 MEW, Bd. 32, Berlin 1993, S. 669.
10 Eine gute Diskussion über die Debatten der Zweiten Internationale und Lenins Lösung findet sich in: Chris Harman, a.a.O., S. 202–222; und Michael Löwy, „Die Marxisten und die nationale Frage“, in: Löwy, Internationalismus und Nationalismus, Köln 1999.
11 W. I. Lenin, Werke, Bd. 31, Berlin 1983, S. 228.
12 Lenin, Werke, Bd. 22, Berlin 1981, S. 354. Bis zur Russischen Revolution bezeichneten sich die Marxisten im Allgemeinen als „Sozialdemokraten“.
13 Ebenda, S. 363–64.
14 Lenin, Werke, Bd. 31, S. 134.
15 Lenin, Werke, Bd. 31, S. 138.
16 Einige der gesellschaftlichen und ideologischen Spannungen werden in einer neueren Studie über einen führenden irischen Republikaner aus der Zeit der „Black and Tans“ (einer paramilitärischen Besatzertruppe) und die Bürgerkriege geschildert: Richard English, Ernie O'Malley: IRA Intellectual, Oxford 1998. Das interessante Material leidet bedauerlicherweise unter dem bleiernen Erzählstil von English und der Tatsache, dass er einer besonders krassen Version der antirepublikanischen „revisionistischen“ Ideologie verhaftet bleibt, die offenbar jetzt die irische Geschichtsschreibung dominiert.
17 Siehe Eric Hobsbawm und Terence Ranger, The Invention of Tradition, Cambridge 1983.
18 Harold A. Isaacs, The Tragedy of the Chinese Revolution, Stanford 1961.
19 Hanna Batatu, The Old Social Classes and the Revolutionary Movements of Iraq, Princeton 1978.
20 Siehe Grant Evans und Kevin Rowley, Red Brotherhood at War, London 1984, die zeigen, wie nationale Interessen in den Beziehungen zwischen den kommunistischen Parteien Indochinas nach dem Vietnamkrieg die Oberhand hatten.
21 Michael Löwy, a.a.O. S. 70–71.
22 Zur Frage des schottischen Nationalismus siehe die weiteren Aufsätze in: Chris Bambery (Hg.), Scotland: Class and Nation, London 1999.

von Alex Callinicos

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