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Kopftuch-Debatte: Wir sind doch alle Menschen

Eldina A. ist vor 10 Jahren mit ihrer Familie aus Bosnien geflohen. Sie ist 19 Jahre alt und Schülerin in Berlin.

Fatma S. kommt aus der Türkei. Sie ist 40 Jahre alt und arbeitet als Einzelhandelskauffrau bei einem türkischen Großmarkt in Berlin.

Warum tragt ihr Kopftuch?

Eldina: Ich trage das Kopftuch erst seit einigen Monaten. Ich trage es, obwohl meine Familie dagegen war – meine Omas vor allem, weil zu deren Zeit nur alte Frauen Kopftuch trugen. Ich habe mich selbst dafür entschieden, weil ich meine Religion liebe. Mir geht’s dabei vor allem um Gleichberechtigung. Nicht nur zwischen Männern und Frauen, sondern auch zwischen Ober- und Unterschicht.

Fatma: Vor dem 11. September habe ich das Kopftuch auch aus religiösen Gründen getragen, aber hauptsächlich, weil Muslime in Deutschland ausgegrenzt sind. Es gab mir ein Zusammenhörigkeitsgefühl mit meiner Familie und der türkischen Gemeinde. Seit dem 11. September will ich vor allem zeigen, dass ich zu der Religionsgemeinschaft gehöre, die zum neuen Feindbild des Westens wurde.

An den Schulen in Baden-Württemberg ist das Tragen von Kopftüchern verboten. Der bayerische Ministerpräsident Stoiber findet, dass das Kopftuch mit einer aufgeklärten Demokratie nichts zu tun habe. Der Berliner Senat ist noch unentschlossen. Was würde es für euch bedeuten, wenn das Kopftuchverbot verabschiedet würde und ihr das Kopftuch ablegen müsstet?

Eldina: Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Ich kann mir das einfach nicht vorstellen. Ich sage doch auch zu keinem: "Nimm dein Kreuz ab!" oder "Zieh deinen Minirock aus!" Mir kommt’s so vor, als hätten die keine Gefühle. Ich liebe es mit Kopftuch. Das hat mit meiner Seele zu tun. Ich bin glücklich so. Jedenfalls würde ich es nie abnehmen. Wenn jemand auf eine Reise gehen will, um sich zu erholen, dann kann er das doch auch.

Fatma: In der Türkei gibt es auch ein Kopftuchverbot in Schulen und Universitäten. Die meisten Frauen und Mädchen tragen aber nun mal aus religiösen Gründen Kopftuch, oder weil sie in einer traditionellen Familie aufgewachsen sind. Allerdings erlauben konservative Familien ihren Töchtern oft nicht, zu studieren, wenn sie das Kopftuch ablegen müssten.
Das Kopftuchverbot bedeutet für die Frauen eine Entscheidung: Sie müssten mit ihrer Familie und ihrer religiösen Überzeugung brechen, um eine Ausbildung zu machen – oder sich diese Ausgrenzung gefallen lassen, um sich und ihrer Familie treu zu bleiben.
Letztlich spielt das Kopftuchverbot religiösen Fundamentalisten in die Hände. Zum Glück gibt es in der Türkei immer wieder Demos und Sitzblockaden vor den Unis, mit denen Frauen gegen das Kopftuchverbot protestieren.

Die baden-württembergische Kultusministerin Werwigk-Hertneck begründet das Kopftuchverbot damit, dass es ein Mittel zur Frauenunterdrückung sei. Was haltet Ihr davon?

Eldina: Die Religion wird oft benutzt, um Frauen zu unterdrücken. Das heißt aber nicht, dass die Religion selbst Frauen unterdrückt. Der Kopftuchzwang im Iran zum Beispiel hat nichts mit Islam zu tun. Im Koran gibt es 6660 Suren über die Beziehung zwischen Mann und Frau. In sechs davon steht der Mann über der Frau.
Ich fange bald ein Praktikum in einer islamischen Schule an. Viele nichtmuslimische Frauen arbeiten dort als Lehrerinnen, aber auch muslimische – mit und ohne Kopftuch. Das Beste ist, dass die Direktorin auch eine Frau ist, die wie ich Kopftuch trägt. Das habe ich in keiner anderen Schule gesehen, dass die Direktorin eine Frau ist.

Fatma: Kann schon sein, wenn sie’s nicht freiwillig trägt. Nur tragen die meisten jungen Frauen, die ich kenne, es sogar gegen den Willen ihrer Eltern. Darüber wird nie berichtet.
Nachbarn und Bekannte reden mir permanent ein, dass ich durch das Kopftuch unterdrückt würde. Ich sage dann, dass auch nichtmuslimische Frauen unterdrückt werden, sogar wenn sie im Sommer Bikini tragen. Zum Beispiel eine Nachbarin, die von ihrem Mann verprügelt wird. Ein Bekannter meinte, dass es schlimmer sei, wenn Frauen Kopftuch tragen als wenn sie verprügelt werden!

70 Frauen unterzeichneten Anfang Dezember einen Aufruf gegen das Kopftuchverbot. Sie argumentieren, dass die Kopftuchdebatte "Feindbilder aufbaut" und muslimische Frauen zunehmend ausgrenze.

Eldina: Ich versuche einfach, immer besonders nett zu allen zu sein, weil manche schon Berührungsängste gegenüber Muslimen haben. Deshalb habe ich bisher erst eine wirklich blöde Sache erlebt, wo ich in der U-Bahn beschimpft wurde, weil ich nicht angerempelt werden wollte. Obwohl ich das freundlich gesagt habe, bin ich als "Wilde" beschimpft worden. Ich habe nur Hass gespürt. Dabei sind wir doch alle Menschen: Schwarze, Weiße, Gelbe – im Grunde sind wir alle gleich. Wir leben zusammen und müssen uns doch respektieren.

Fatma: Klar kommen mehr rassistische Sprüche, weil die Kopftuchdebatte antimuslimische Vorurteile schürt. Deswegen ist es so wichtig, dass sich die Linke in Deutschland gegen das Kopftuchverbot stellt und geschlossen hinter Muslimen steht.

Linksruck Nr. 168, 7. Januar 2004

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