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Sexismus am Arbeitsplatz

Bereits 1896 forderten Gewerkschafter Maßnahmen zum „Schutz der Arbeiterinnen vor unsittlichen Anträgen ihrer Kollegen". Hat sich die Situation heute verbessert? – Die Liste sexueller Übergriffe am Arbeitsplatz ist lang und die Zahl der betroffenen Frauen hoch: Sie geht von anzüglichen Witzen (81%) über Po-Kneifen (34%) bis zum Zwang zu sexuellen Handlungen (3%).
Für Linksruck sprach David Weidinger mit Gülcan, 23, Postarbeiterin aus Frankfurt, über ihre Erfahrungen mit Frauenunterdrückung und die Perspektiven im Kampf dagegen.

Es kommen immer wieder Stimmen auf, Frauenunterdrückung sei heute kein Thema mehr. Wie siehst Du das?
Das stimmt, es sagen viele: Wo werdet Ihr denn unterdrückt? Ihr könnt auch Hosen anziehen, arbeiten gehen usw.
Es ist Schwachsinn, Frauenunterdrückung darauf zu reduzieren. Sexismus ist heute sehr wohl noch ein Thema.
Frauen bekommen weniger Lohn für die gleiche Arbeit. Familie, Kindererziehung usw. sind immer noch weitestgehend die Aufgaben der Frauen.
Gerade jetzt, in Zeiten der Krise, werden immer mehr Frauen in ungesicherte 630 DM-Jobs abgedrängt und geraten immer tiefer in ökonomische und dadurch auch in emotionale Abhängigkeit von ihren Männern.
Frauen verdienen mittlerweile zwar Dreiviertel von dem, was ihre Männer bekommen. Aber nur weil der Lohn der Männer gesunken ist. Die versuchen, uns gegeneinander auszuspielen.

Wie sieht das in Deinem Betrieb konkret aus?
Bei uns im Betrieb gibt es einen ganz üblen Trick. Es geht um schwere Kisten, die zu tragen sind. Die Arbeit haben immer Männer gemacht, und die haben einen Erschwerniszuschlag bekommen.
Diese Stellen sind weggekürzt worden und jetzt müssen wir uns diese Kisten selber holen. Frauen bekommen aber keinen Erschwerniszuschlag.
Der Betriebsrat sagt, Frauen dürfen diese Arbeit wegen der starken körperlichen Belastung gar nicht machen. Wir können aber nicht warten, bis ein Mann vorbeikommt und uns die Kisten holt. Zum einen sind die Männer selber im Streß. Zum anderen kriegen wir Ärger mit unseren Aufsehern, wenn wir nichts tun.
Wir müssen es also selber machen, bekommen aber nicht die Kohle, die uns dafür zusteht.
Weil wir uns beschwert haben, wollen die jetzt den Erschwerniszuschlag ganz streichen. Jetzt sagen die Männer, sie hätten es uns – mir und drei Kolleginnen, die das alles angezettelt haben – zu verdanken, daß sie weniger Geld bekommen.
So haben die es mit Erfolg geschafft, Männer und Frauen gegeneinander aufzuhetzen.
Die Männer sehen zwar ein, daß es ungerecht ist, wenn wir das Geld nicht bekommen, aber sie wollen nicht den Preis dafür zahlen und sehen die Frauen als Feinde an.
Ich habe argumentiert, daß wir eigentlich gemeinsam gegen den Boß kämpfen müßten. Der trifft die Entscheidung und eigentlich geht es doch darum, daß wir alle gerecht bezahlt werden. Das haben sie dann auch teilweise eingesehen.

Wie sieht es mit dem Sexismus unter den Kollegen aus?
Ein Kollege ist zu uns in die Abteilung versetzt worden und keiner wußte, warum. Er hat mit eindeutigen Absichten jede Frau auf einen Kaffee eingeladen usw.
Wir haben eine Unterschriftensammlung gemacht, und es gab ein Gespräch, wo er dann argumentiert hat: Er verstehe das nicht, es sei doch bekannt, daß die meisten Seitensprünge im Betrieb stattfinden, das sei also ganz normal. Jetzt arbeitet er in einer Abteilung, wo wegen der körperlichen Belastung keine Frauen arbeiten dürfen.
Das war wirklich extrem, der Typ hat echt jede Frau angemacht, es war unerträglich. Zum Schluß hat eine Kollegin vor dem Fabriktor auf ihn gewartet und ihn verprügelt.
Frauenunterdrückung ist aber eine Sache von Klassenkampf, und nicht von Geschlechterkampf. Wenn ich sage „alle Frauen gegen alle Männer", mache ich keinen Unterschied zwischen oben und unten.
Der Kollege hat an sich ja kein Interesse daran, daß seine Kolleginnen diskriminiert werden. Aber natürlich passiert sowas.
Das sind die gleichen Sachen, die man auch auf der Straße erlebt. Wenn man sich ansieht, wie Frauen in den Medien vollkommen auf ihr Geschlecht reduziert werden, wird klar, warum das so ist. Sexistische Sprüche und Witze höre ich ständig.

Ist das ein Unterschied, ob das auf der Straße oder im Betrieb passiert?
Auf der Straße glaubt man, das Problem lösen zu können, indem man weggeht. Im Betrieb muß man es ertragen oder dagegen kämpfen.
Die Erfahrungen, die man kollektiv, in der Gemeinschaft, eben im Betrieb macht, prägen unheimlich.
Wir hatten vor kurzem eine Betriebsversammlung, auf der es drunter und drüber ging. Die Leute haben sich gestritten.
Dann kam plötzlich der Boß und hat gesagt: „Ich löse die Betriebsversammlung jetzt auf. Dieses Affentheater ist mir zu blöd." Das darf er eigentlich gar nicht, wir Arbeiter bestimmen den Rahmen.
Der Betriebsrat hat dann noch eine Unterschriftenaktion für die doppelte Staatsbürgerschaft und gegen die CDU-Kampagne angekündigt.
Eine Kollegin neben mir, so ein richtiger deutscher Spießer normalerweise, die uns Ausländer nicht grüßt und ignoriert, hat dann gesagt: „Sicher unterschreibe ich da. Ausländer sind mir doch tausendmal lieber als dieser Scheiß-Boß."
Rassismus und Sexismus sind sehr ähnlich, weil uns beides spaltet und schwächt. Man kann auch nur dagegen kämpfen, wenn man weiß, wer das eigentliche Problem ist: der Boß, also die da oben.

Kann man sich im Betrieb also besser gegen Sexismus wehren?
Das ist wirklich schwer. Bei uns wird man benotet, und diese Note spielt eine wichtige Rolle, ob man einen festen Vertrag bekommt. Von den sechs Aufsichtspersonen, die diese Noten verteilen, sind fünf Männer.
Die machen auch Gebrauch von ihrer Position. Es werden Geschichten erzählt, daß Kolleginnen eine Nacht mit denen hatten, um ihren festen Vertrag zu bekommen.
Wenn du dich ständig wehrst und ein großes Maul hast, mußt du mit einer schlechten Note rechnen. Das kann deine Kündigung bedeuten. Deshalb habe ich auch schon die Klappe gehalten. Bei gravierenden Dingen sage ich immer was, aber ich habe Frauen beobachtet, die bei sexistischen Sprüchen z.B. so getan haben, als ob es ihnen gefallen würde, als sei es ein Kompliment.
Das liegt daran, daß sich viele Frauen tatsächlich den Männern untergeordnet fühlen. Zuhause werden sie unterdrückt von ihren Männern und haben nicht viel zu sagen, und das setzt sich im Betrieb eigentlich fort. Viele trauen sich nicht etwas zu sagen, weil sie es als etwas Selbstverständliches ansehen. Ich habe schon sehr schwache Frauen erlebt, die sich auf einmal ganz anders benommen haben, als gemeinsam und solidarisch gekämpft wurde.
Ich habe schon viele Leute erlebt, die schon von sich behauptet haben gegen Sexismus zu sein, die dann aber doch frauenfeindliche Witze erzählt haben, Wörter wie Schlampe usw. benutzt haben. Wenn ich dann sage, daß mich das stört sagen sie: Das war nicht so gemeint. Das blöde ist, das passiert oft unbewußt von den Männern. Ein Witz raubt dir nicht das Selbstbewußtsein. Jeden Tag 24 Stunden blöde Witze über sich ergehen lassen zu müssen aber schon. Die Gesellschaft als ganzes ist frauenfeindlich. Wenn man Sexismus bekämpfen will, muß man für eine Atmosphäre sorgen, die Frauen Selbstbewußtsein gibt und nicht die Scheiße widerspiegeln, die einem als Frau überall widerfährt. Männer sollten da viel bewußter herangehen.
Es geht ja nicht nur darum, nett zueinander zu sein. Wenn wir uns gegeneinander ausspielen lassen, steht der Boß daneben, reibt sich die Hände und wir alle sind die Dummen.

Linksruck Nr. 65, 1. Februar 1999

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