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Kommentar: Diagnose: Blasenentzündung

Das Börsenfieber infiziert Millionen. Die Prediger des freien Marktes überbieten sich mit rosigen Zukunftsprognosen. Das Zeitalter der Krise ist vorbei, sagen sie. Die Internet-Revolution habe die Gesetze der Wirtschaft grundlegend verändert und eine Phase unbegrenzten Wachstums eingeleitet.

Es gibt keinen Zweifel, daß die Folgen des Internets für die Wirtschaft überschätzt werden.
Erstens sind selbst in der US-Wirtschaft nur 3% der Beschäftigten in den neuen Branchen tätig. Von einer neuen Arbeitswelt im Zeichen des E-Commerce (Internethandel) kann also keine Rede sein.
Zweitens hat auch eine per Internet bestellte Pizza den Nachteil, nicht durch eine Telefonleitung zu passen. Sie muß immer noch von einem Boten gebracht werden.
Anzunehmen, daß diese Veränderung die Krise bändigt, ist reines Wunschdenken. An der Art und Weise der Produktion und Verteilung von Waren ändert sich dadurch überhaupt nichts, von den Gesetzen der Wirtschaft und den herrschenden Besitzverhältnissen im Kapitalismus ganz zu schweigen.
Die klügeren Vertreter des Kapitals sind ohnehin skeptischer, als die Kommentatoren im Kleinanleger-TV. Die Financial Times Deutschland diagnostiziert eine Spekulationsblasenentzündung und auch der britische Economist warnt, der Aktienboom sei außer Kontrolle geraten und die Gefahr eines Börsenkrachs wie 1929 nehme mit jedem weiteren Tag zu.

1929
Tatsächlich springen die Parallelen ins Auge: Wie vor 1929 haben die aktuellen Börsenkurse nichts mehr mit der realen Geschäftstätigkeit zu tun. Während die weltweite Wirtschaftsleistung in den letzten 20 Jahren um 80% anstieg, schossen die Börsenkurse inflationsbereinigt um 1032% nach oben.
Das Internet-Kaufhaus amazon macht bei $1,4 Milliarden Umsatz satte $700 Millionen Schulden. Trotzdem ist amazon ein Börsenliebling, der Aktienwert steht bei $24 Milliarden.
Der Internet-Anbieter yahoo hat einen höheren Aktienwert als VW, Veba, BASF und Metro zusammen. Dabei macht yahoo nur ein Neunzigstel des Gewinns dieser Firmen und ein Dreihundertstel des Umsatzes. Die fünf genannten Firmen beschäftigen außerdem 500 mal so viele Menschen wie yahoo.
Die Börsenkurse steigen nicht, weil wir eine neue Ökonomie haben. Wie die Financial Times Deutschland berichtet, fallen die Profite im produktiven Bereich. Gerade deshalb fließt immer mehr Kapital an die Börse.
Längst machen auch Großkonzerne einen wachsenden Anteil ihrer Gewinne nicht mehr in der Produktion, sondern durch Aktien-Portfolios.

Falle
Gleichzeitig zieht der Börsenboom, wie vor 1929, immer mehr Durchschnittsbürger in seinen Bann. In Amerika nehmen viele Privathaushalte sogar Schulden auf, um Aktien kaufen zu können.
Solange genug Menschen an das Märchen vom krisenfreien Kapitalismus glauben und ihr Geld in Aktien anlegen, verlängert das den Boom.
Aber der Tag der Wahrheit wird unweigerlich kommen. Die Asienkrise 1997 hat gezeigt, wie schnell die allgemeine Euphorie in ebenso allgemeine Panik umschlagen kann.
Niemand weiß den genauen Zeitpunkt des Crashs und niemand kennt seinen Auslöser.
Wenn die Dynamik sich umkehrt, werden die Folgen jedenfalls um so verheerender sein, je mehr Menschen ihr Glück von der Entwicklung der Börsenkurse abhängig gemacht haben. Deren faktische Enteignung durch einbrechende Kurse wird nämlich dazu führen, daß die Finanzkrise den Konsum abwürgt und auf die reale Wirtschaft durchschlägt.
Politische Interventionen, wie Hans Eichels weitgehende Steuerbefreiung von Spekulantionsgewinnen, Gerhard Schröders spektakulärer Auftritt bei der C-Bit (Alle müssen ins Internet) und das Geschwätz von der Volksaktie treiben den Marsch der Lemminge derzeit an.
Die gesamte Bandbreite herrschender, westlicher Politik, von Jospin über Blair und Clinton bis zum FPÖ-Finanzminister Grasser, hat sich dem Börsenboom als Medizin für die krankende Wirtschaft verschrieben.
Wenn die Spekulationsblase platzt, werden die politischen Verwerfungen dementsprechend groß sein. An die sozialen Folgen für unzählige Menschen in aller Welt will man lieber gar nicht denken.
All das ist Grund genug, nicht auf den Crash zu warten. Wir sollten jetzt gegen den Wahnsinn der kapitalistischen Marktwirtschaft mobil machen.

Linksruck Nr. 83, 8. März 2000

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