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marxismus konkret: Sind SoziaIisten gegen Gentechnik?

Diese in Wortwahl und Menschenbild an den Nationalsozialismus erinnernde Rede rief zu Recht einen Aufschrei der Empörung hervor. Viele Linke sehen sich in ihrer grundsätzlichen Skepsis gegenüber der Gentechnik schlechthin bestätigt.
Doch Sloterdijk hat geblufft. Die Bilanz der Gentechnik hinsichtlich der Schaffung eines ,,neuen Menschen ist mehr als ernüchternd. Seit zwanzig Jahren wurden immer wieder große Ankündigungen gemacht. Doch bisher können lediglich Erbkrankheiten bei Ungeborenen erkannt werden, ohne daß eine andere ,,Therapie als die Abtreibung zur Verfügung stünde.
Rein theoretisch lassen sich Menschen möglicherweise bald klonen. Das heißt Menschen mit identischen Genen im Reagenzglas herstellen. Doch selbst wenn alle Menschen auf diese Weise zu Zwillingen werden würden, dann wären sie keineswegs so etwas wie Frankensteins Monster.
Lediglich ihre äußere Erscheinung würde aufhören, das Produkt eines natürlichen Zufalls zu sein. Sie würden weiterhin in einer Klassengesellschaft mit all ihren Klassenwidersprüchen aufwachsen.
Angestellte und Chefs würde sich wie bisher über die Lohnhöhe in die Haare bekommen. Kein Streik, keine Gewerkschaft, kein einziger Meinungsstreit ließe sich im Reagenzglas wegmanipulieren.
Der grundsätzliche Denkfehler besteht darin, Eigenschaften wie Intelligenz, Kriminalität, ja selbst Armut als Produkte der menschlichen Natur zu begreifen. Diese Eigenschaften werden aber nicht angeboren, sie werden in der Gesellschaft erworben.
Wenn sich eine alleinerziehende Fabrikarbeiterin die Spermien eines Nobelpreisträgers einpflanzen läßt, wird das Kind wahrscheinlicher am Fließband als bei der Preisverleihung in Stockholm enden.

Erfahrung

Die Angst vor der Gentechnologie ist dennoch verständlich. Die tägliche Erfahrung zeigt, daß im Kapitalismus jede neue Technologie nicht am Nutzen der Menschen, sondern lediglich an kurzfristigen Profitinteressen ausgerichtet ist. So hoffen große Lebensmittelmultis wie Monsanto oder Novartis, durch Genmanipulation Mais oder Raps gegen den Einsatz ihrer Unkrautvernichtungsmittel und Antibiotika resistent zu machen.
Doch über Pollen kann es zu unkalkulierbaren (nicht vorhersehbaren) Kreuzungen mit anderen Pflanzen kommen. Es liegen bereits Untersuchungen vor, daß neben den manipulierten Nutzpflanzen bestimmte Schädlinge selbst immun wurden. Auch könnten genmanipulierte Pollen über Bienen in dem Honig landen, den wir essen. Menschen könnten auf diese Weise resistent gegen Antibiotika werden.
Das schottische Rowett Institute wies nach, daß in einigen Fällen die Fütterung von genmanipulierten Kartoffeln das Immunsystem von Ratten entscheidend geschwächt hat.
Dies bedeutet nicht, daß Gentechnik prinzipiell abzulehnen ist. Der Mensch hat seit je her zu seinem Nutzen in die Natur und auch in seinen eigenen Körper eingegriffen. Ohne den technischen Fortschritt wären banale Erkrankungen wie Blinddarmentzündungen nach wie vor tödlich.
Die Züchtung leistungsfähiger Milchkühe oder resistenter Kartoffelsorten ist die Voraussetzung für die Befreiung von den Mißernten, die soviel Elend über vergangene Generationen gebracht haben.
Auch die Genmanipulation könnte zum Nutzen der Menschheit eingesetzt werden. Doch bedingt dies, daß aufgrund der großen Komplexität der natürlichen Zusammenhänge nur sehr langsam und lokal begrenzt vorgegangen wird.
Die Freisetzung genmanipulierter Pflanzen - als auch der Eingriff in die menschliche Erbmasse - muß in seinem Zweck und seinen wissenschaftlichen Ergebnissen Gegenstand der freien öffentlichen Debatte sein. Dies ist aber unter dem Kapitalismus nicht möglich. Genmanipulation wird mit vollem Risiko von den beteiligten Firmen betrieben, um rasche Profite einzufahren.
Die durch die Sloterdijk-Debatte geschürte Angst vor der Gentechnik und seinen bedenkenlosen Befürwortern hat seinen realen Kern in der Angst vor dem unkontrollierbaren Kapitalismus selbst. Der Arbeiter hat keinen Einfluß auf das, was er selbst herstellt. Geschweige denn auf das, was neu erforscht wird.
Er ist sich und seinem Produkt gegenüber entfremdet und fühlt sich deshalb machtlos. Doch auch die Bosse haben ihr eigenes System und die rastlose technologische Entwicklung nicht im Griff. Dies liegt in der allseitigen Konkurrenz begründet, die den Profit zum einzigen Zweck des Kapitalismus macht.
Erst in dem Moment, da dieses unkontrollierbare System besiegt wird, kann die Menschheit die ganzen Früchte des technologischen Fortschritts zu ihrem Vorteil ernten.

von Frank Renken

Linksruck Nr. 75, 5. November 1999

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