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Alles war möglich!

- Die Bewegung gegen den Vietnamkrieg -

Darnell Stephen Summers wurde 1947 in Detroit in den USA geboren und war unter anderem in Deutschland stationiert. Er ist seit 1971 Mitglied der Vietnamveteranen gegen den Krieg. Heute lebt er in Deutschland.

Mitglieder der VVAW-AI/Stop The War Brigade halten Reden auf Demos und ihre Band, die "Stop the War Posse", spielte auf zahlreichen Anti-Kriegs-Demos.

Die Proteste gegen den Vietnamkrieg ebneten den Weg für eine Vielzahl von Bewegungen gegen Unterdrückung und Ausbeutung. Jan Maas sprach mit dem Vietnamkriegsveteranen Stephen Summers.

Linksruck: Was hat den Krieg in Vietnam beendet?

Stephen: Eine kämpferische internationale Bewegung gegen den Krieg. Gleichzeitig gab es Widerstand in der Armee. Beides zusammen hat die US-Regierung geschwächt.

Wie entstand diese Bewegung?

Die Antikriegs-Stimmung der "Ban the Bomb"-Bewegung (Bewegung gegen die Wasserstoffbombe) und der Bürgerrechtsbewegung Ende der 50er- und Anfang der 60er-Jahre ebneten den Weg.

In Verbindung mit dem steigenden politischen Bewusstsein war Unruhe am Horizont zu sehen. In den 60er-Jahren gab es spontane Demonstrationen, Märsche, Sit-ins, Teach-ins und Veranstaltungen.

Ein Slogan ist mir bis heute im Kopf geblieben: "Freedom Now" (Freiheit jetzt!). Für mich bedeutete er, dass alles möglich war und dass die Bedingungen gegeben waren für eine grundlegende Veränderung.

Warum haben sich so viele Menschen gegen den Krieg gewendet?

Die Soldaten kamen nach Hause und erzählten den Leuten, was in Vietnam tatsächlich los war.

Schwarze begannen Parallelen zu sehen zwischen ihrer eigenen Unterdrückung und der US-gestützten Terrorherrschaft in der restlichen Welt.

Die meisten Schwarzen waren gegen den Krieg. Malcolm X war dagegen, Martin Luther King war dagegen, Muhammed Ali war dagegen, alles bekannte Persönlichkeiten.

Ein Pentagon-Beamter spielte damals der Presse Dokumente zu. Das Pentagon-Papier verdeutlichte, dass die US-Regierung und ihre Verbündeten eine Politik der Einschüchterung, des Mordens und Unterstützung von korrupten Regierungen betrieben.

Während des Vietnamkrieges war das Pentagon eine der meistgehassten Institutionen. In den Universitäten wurden die Anwerber von Militär und Geheimdienst vom Gelände geschmissen.

Das alles zusammen ergab so ein breites Spektrum und so eine breite Front, dass der Druck immens wurde.

Was für eine Verbindung gab es zwischen den Soldaten und dem Rest der Bewegung?

Auf jeder Demonstration waren die Flagge der NLF (Nationale Befreiungsfront von Vietnam) und Plakate von Ho Chi Minh, Mao, Malcolm X und Che Guevera zu sehen.

Es war nicht ungewöhnlich, die gleichen Bilder im Spind der Soldaten zu sehen.

Es gibt viele Lügengeschichten: Manche Leute erzählen, Demonstranten hätten den Veteranen ins Gesicht gespuckt oder sie als Babykiller beschimpft.

Hast du solche Sachen erlebt?

Nein. Ich würde nicht behaupten, dass so etwas nie passiert ist. Aber ich habe sehr oft meine Kampfjacke auf Demos getragen, um zu zeigen: Ja, ich war da, aber ich bin jetzt hier mit euch.

Wie war es auf diesen Demonstrationen?

Guck dir die alten Bilder an, da kannst du überall Soldaten mit ihren Uniformen sehen.

Die Leute sagten: "Hey, da ist ein Vietnamveteran und er ist gegen den Krieg, lasst ihn reden." Nur Hollywood kocht diese Geschichten von den patriotischen Veteranen immer auf.

Wie sah es in der US-Armee denn wirklich aus?

Soldaten haben aktiv gegen das US-Militär gearbeitet. Das nahm verschiedene Formen an – es gibt ja nicht nur bewaffnete Meutereien.

Wie muss man sich das vorstellen?

Das ging von A bis Z. Von einem Soldaten, der sagte: "Leck mich am Arsch!" und seine Waffe zog. Bis zu einer ganzen Kampfgruppe oder sogar einer Kompanie, die "Nein" sagten; das ist auch passiert.

Gab es einen organisierten Widerstand?

Es gab damals so etwa 30 Untergrund-Zeitungen, die von außerhalb und innerhalb der Armee kamen.

Hier in Deutschland gab es Coffee houses. Da gab es Zeitschriften und Flugblätter. Ich habe später für eine von diesen Zeitungen gearbeitet: Fight Back, Fuck the Army.

Was für eine Zeitung war das?

Fightback, oder Fuck the Army, war die revolutionäre Stimme der GIs (US-Soldaten) in Europa. Sie hat eine lange und bunte Geschichte, die in den späten 60ern begann.

Es gab Artikel über die politische Situation in der Welt, Reportagen über die Kämpfe der GIs im Militär, Artikel und Gedichte, die von GIs geschrieben waren.

Was hat diesen Widerstand verursacht?

Wo es Unterdrückung gibt, gibt es Widerstand. Und wenn du für die Armee die Leute brauchst, die du unterdrückst, dann hast du ein Problem.

Die Soldaten stammen nicht aus den privilegierten Klassen. Vielleicht ein Teil des Offizierskorps, aber die meisten stammen aus der Mittelschicht und den Unterschichten.

Es gibt verschiedene Interessen. Es gibt Leute, die gerne für Amerika ihr Leben geben würden. Und es gibt Leute, die würden das nicht tun. Besonders Schwarze nicht.

Wie war die Situation für Schwarze damals?

Meine Großmutter konnte bis 1965 an keiner Wahl teilnehmen – 102 Jahre nach der "Emancipation Proclamation" (der Erlass zur Befreiung der Sklaven).

Rassismus ist so verwurzelt, dass selbst eine fundamentale Reform nicht ernsthaft das Freiheit und Gerechtigkeit beinhalten würde.

1980 hatte meine Band "Afrodisia" mit Unterstützung von Fight Back zum Beispiel ein Konzert. Wir spielten am 4. Juli vor Soldaten in Frankfurt auf dem US-Army Gelände.

Ich sagte: "Hört mal zu. Heute ist der Geburtstag von Amerika. Wir haben nichts zu feiern. George Washington hatte Sklaven." Die Soldaten antworteten: "Ja, Bruder, das stimmt! Recht hast du! Red‘ weiter!"

Hinten am Mischpult, ganz hinten, waren Freunde von mir und hörten ein Gespräch von Offizieren:

"Wer ist das? Findet raus, wer das ist!" Und 1982 wurde ich verhaftet.

Warum wurdest du verhaftet?

Sie haben einen 14 Jahre alten Prozess ausgegraben. Ich wurde in Vietnam verhaftet und in die USA verschleppt.

Wie lautete die Anklage?

Ich wurde beschuldigt, 1968 einen Polizisten ermordet zu haben. Bei einer Schießerei auf der Straße in einem Vorort von Detroit, Michigan – während meines Heimaturlaubs, bevor ich nach Vietnam ging.

Noch während der Vorverhandlung schrieb damals der Hauptzeuge dem Richter einen Brief: "Ich weiß nichts von diesem Fall, ich war nicht da. Alles was ich gesagt habe, hat die Polizei mir gesagt, dass ich sagen soll."

Sie mussten diese Mordanklage fallen lassen. Damals sagten meine Unterstützer und Rechtsanwälte: "Es besteht die Möglichkeit, dass sie darauf einmal zurückkommen werden, aber dass sie so etwas machen würden, glaubten wir nicht." Sie taten es dann doch.

Aber sie mussten die Anklage auch beim zweiten Mal fallen lassen.

Warum griff der Staat zu solchen Mitteln?

Schwarze Aktivisten zu verfolgen, hatte oberste Priorität. Es gab einen nationalen Konsens unter den Schwarzen über die bankrotte Natur dieses Systems. Viele Leute hatten ihre Hoffung in dieses System und seine Möglichkeit sich zu reformieren aufgegeben.

Schwarze und viele andere in Amerika hatten das Wort Revolution auf ihren Lippen. Zusammen mit den verschiedenen nationalen Befreiungskämpfen, welche die USA versuchte auszulöschen, bedeutete dies Unruhe.

Wie hat die Opposition gegen den Vietnamkrieg es trotz dieser Maßnahmen geschafft, so eine breite Bewegung auf die Straße zu bringen.

Der Staat ist nicht so stark wie er behauptet. Er ist schwach. Wir sind in der Mehrzahl, nur leider nutzen wir das oft nicht aus.

Es gibt einen Fisch im Ozean. Wenn dieser Fisch sich bedroht fühlt, pustet er sich auf. Die anderen Fische denken, er sei unbesiegbar. Aber irgendwann geht die Luft raus.

Es gibt Leute, die sagen, er herrscht über die Leute, aber ich bin Optimist. Wir können ihn besiegen. Alle.

Welche Lehre würdest du für die heutige Antikriegsbewegung ziehen?

In der Bewegung gibt es Leute mit verschiedensten politischen Ansichten, Leute aus verschiedenen Religionen und auch Menschen von der Straße ohne feste Ideologie – außer, dass sie den Krieg hassen und all den Schmerz und das Leid das er mit sich bringt.

Es ist entscheidend, eine Einheit und Solidarität in der Antikriegsbewegung zu bilden, mit dem Ziel im Kopf, die Bewegung zu stärken.

Linksruck Nr. 139, 8. Oktober 2002

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