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Japan: Das Land der untergehenden Sonne

"Die wirtschaftliche Lage rechtfertigt eine so drastische Lockerung der Geldpolitik, wie sie unter gewöhnlichen Umständen wohl nicht eingeleitet werden würde."

Mit diesen Worten begründete die japanische Zentralbank den neuen Mechanismus, mit dem sie an die maroden japanischen Banken zusätzliches Geld verleihen will – zu einem Zinssatz von höchstens 0,25 Prozent!

Kurz zuvor hatte Finanzminister Miyazawa öffentlich bekundet, der Staatshaushalt "nähere sich dem Zusammenbruch".

Die japanischen Banken, vor zehn Jahren noch gefürchtete Konkurrenten auf dem Weltmarkt, sitzen heute auf faulen Krediten in Höhe von etwa 500 Milliarden Mark – eine Folge des Zerplatzens der riesigen Aktien-, Boden- und Immobilienspekulationsblase der späten 80er-Jahre.

Die einst als neues kapitalistisches Modell gepriesene japanische Wirtschaft – ähnlich wie heute die der USA – hat sich von diesem Schock bis heute nicht erholt. Der japanische Aktienindex fiel Mitte März auf den tiefsten Wert seit 1985.

Wirtschaftsbürokratie

Japans Kapitalismus ist durch die herausragende Stellung der Wirtschaftsbürokratie gekennzeichnet. Ähnlich den Firmenchefs in den USA, die durch Aktienoptionen und riesige Gehälter einen großen Teil der Unternehmensgewinne für sich beanspruchen, reißt sie große Teile des Profits an sich. Durch Kapital- und Kreditverflechtungen sowie persönliche Beziehungen haben sich Kartelle gebildet, die die individuellen Kapitaleigner weitgehend von der Kontrolle ihrer Investitionen ausschlossen.

Auf dieser Grundlage basiert das "Konvoisystem": Schwache Firmen innerhalb der riesigen Unternehmensnetzwerke wurden von den starken Unternehmen unterstützt, bis sie – in einer rapide wachsenden Wirtschaft – wieder Tritt fassten.

In einem Umfeld weltweit stagnierender Märkte ist dieses Konvoisystem nicht mehr im Interesse der starken und international wettbewerbsfähigen Teile des japanischen Kapitals. Sie können ihren Absatz und ihre Gewinne nur noch auf Kosten ihrer Konkurrenten steigern und damit für Investoren attraktiv bleiben.

Noch hat Japans Kapitalismus genug Reserven, um die gegenwärtige Krise zu überstehen. Aber eine radikale Umstellung zum Shareholder-Kapitalismus US-amerikanischer Prägung wird tiefgreifende soziale und politische Verwerfungen zur Folge haben. Konkurse und Entlassungen werden die Arbeitslosigkeit – in den 80er-Jahren noch beinahe unbekannt – weiter ansteigen lassen. Die japanischen Unternehmen gehen von der bisherigen "Anstellung auf Lebenszeit" zur Methode des "Heuerns und Feuerns" über.

Folgen

Die gesellschaftlichen Folgen sind dramatisch. Allein in der Zeit vom April 1999 bis Ende März 2000, auf die sich die letzten offiziellen Angaben beziehen, zählte die japanische Polizei 33.000 Selbstmorde – so viel wie nie zuvor. Jeder fünfte Selbstmord wird auf finanziellen Bankrott, Schulden oder Arbeitsplatzverlust zurückgeführt.

Der anerkannte Arbeitspsychologe Professor Hisata sorgt sich über eine "rasende Depressionswelle" und befürchtet, dass die Angst vor Schulden oder der Kündigung in unkontrollierbare Stresshandlungen ausarten könnte. Nicht wenige Psychologen sprechen in Japan bereits von einem "Selbstmordsyndrom der mittleren Generation".

Die extrem langen Arbeitszeiten und die drastische Ausbeutung der japanischen Arbeitnehmer können aber auch eine andere Antwort finden: das Aufkommen neuer Arbeitskämpfe und ein Wiederaufleben der Arbeiterbewegung in Japan.

Die politischen Folgen dieser Veränderungen werden schon heute sichtbar. Die Liberaldemokratische Partei – der politische Kitt, der die wirtschaftlichen Beziehungsnetzwerke zusammenhält – kann sich seit Monaten nicht auf einen Nachfolger für den angeschlagenen Ministerpräsidenten Mori einigen. Dessen Popularität ist vor kurzem auf den Rekordwert von gerade einmal 9 Prozent gefallen.

Mit Schrecken denkt die politische Elite Japans an das Schicksal der einst mächtigen Christdemokratie Italiens. Nachdem die Wirtschaft ihr 1992 die Gefolgschaft verweigerte und ein Korruptionsskandal den nächsten jagte, zersplitterte sie völlig und ist heute in der Bedeutungslosigkeit verschwunden.

Japan stehen turbulente Zeiten bevor, und die weltweite Wirtschaft bleibt vom Zusammentreffen der Krisen in Japan und den USA sicherlich nicht unberührt.

Christian Schröder

Linksruck Nr. 106, 28. März 2001

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