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Marxismus Aktuell:

Die Vision einer anderen Welt

Auf unseren Demonstrationen rufen wir: Eine andere Welt ist möglich. Aber was heißt das? Wir wissen, wogegen wir sind, aber es gibt eine große Debatte darüber, wofür wir sind. Wie kann eine andere Welt aussehen?
Als erstes: Sie hätte nichts zu tun mit den Diktaturen in der Sowjetunion, in China, Vietnam oder Kuba. Unsere Alternative ist nicht ein Polizeistaat.
Aber sie wäre auch nicht wie die parlamentarischen Demokratien in Italien, Deutschland oder Indien.
Ich bin nicht gegen Wahlen. Doch ein Teil des Problems ist, dass wir nur alle vier bis fünf Jahre wählen können und egal wen wir wählen, sie machen niemals das, was sie im Wahlkampf versprechen.
Das grundlegende Problem ist , dass wir zwar Parlamente haben, aber unsere tägliche Arbeit einer Diktatur unterworfen ist.
Von dem Moment an, wo wir die Stechuhr ablochen bis zum Schichtende machen wir, was uns befohlen wird.
Wir verbringen den größten Teil unseres Lebens damit, uns auf die Arbeit vorzubereiten, zu arbeiten, nach Hause zu fahren und uns dann auf die Couch zu verkrümeln, um uns zu erholen. Also bedeutet die Diktatur der Arbeit, dass die grundlegende Erfahrung unseres Lebens eine undemokratische ist. Dazu geben die Konzerne und Arbeitgeber auch in der Politik den Ton an.
Es fängt an, lange bevor wir alt genug sind zum Arbeiten. Die Schulen und Universitäten sind ebenso Diktaturen, die uns disziplinieren und auf die Arbeitswelt vorbereiten. Deshalb würden wir eine ganz neue Ära einleiten, wenn wir Demokratie bei der Arbeit erreichen würden. Wir würden die Manager aus unseren eigenen Reihen wählen und sie jederzeit, wenn wir wollen, absetzen.
Normale Leute können deren Aufgaben erfüllen. Wir sorgen auch jetzt schon dafür, dass die Züge fahren, Krankenhäuser funktionieren, oder wir entwerfen Gebäude. Alle möglichen Leute können in Verwaltungsaufgaben hineinwachsen, und wir würden weniger Manager brauchen, wenn die Menschen ihre Arbeit freiwillig machen würden. Aber das allein würde nicht genügen. Denn es gibt immer noch den Weltmarkt und damit die Konkurrenz. Solange wir in Konkurrenz zueinander stehen, können wir nicht frei entscheiden.
Also müssten die Arbeiter in jeder Firma oder Regierungsabteilung die ganze Branche übernehmen. Dann könnten wir Vertreter in jedem Betrieb wählen. Das wären Menschen wie wir, Putzkräfte und Klempner und Lehrer, nicht Anwälte und Politiker, die von außen eingeflogen kommen.
Die Vertreter aller Betriebe könnten sich einmal wöchentlich in jeder Stadt treffen, um darüber zu entscheiden, was mit der Wirtschaft gemacht werden sollte. In den meisten Städten wäre der einzige Ort, der groß genug wäre, um ihnen allen Platz zu bieten, ein Fußballstadion. Dann könnten sie Vertreter für eine nationale Versammlung wählen, und dort würden Repräsentanten für internationale Treffen gewählt.
Dieses ganze System würde auf wöchentlichen Treffen beruhen, die in jedem Betrieb abgehalten würden. Jede Woche könnten wir Sprecher auf jeder Ebene abwählen. Natürlich arbeiten nicht alle Menschen. Rentner könnten ihre Vertreter in Vereinen wählen und Kinder ihre in der Schule.
All diese Treffen würden Entscheidungen darüber fällen, was wir mit unserer Arbeit tun. Im Kapitalismus muss jedes Unternehmen konkurrieren. Alles dreht sich um Profite. In unserer neuen Welt könnten wir unsere Entscheidungen davon abhängig machen, was wir brauchen und nicht von Profit. Es würde große Debatten auf diesen Treffen geben.
Einige Menschen würden dafür sein, sehr viel mehr Arbeit für die Pflege älterer Menschen zu verwenden. Andere würden mehr Zeit für Kunst fordern. Einige würden nur noch vier Tage in der Woche arbeiten wollen und den Montag gleich ganz abschaffen. Andere würden hart arbeiten wollen, um die armen Länder der Welt auf das Niveau der reichen Länder zu bringen. Und wieder andere wären dafür, all unsere Energie in den Erhalt der Umwelt zu stecken.
All das würden wir im Konsens regeln, wenn wir können, oder in Abstimmungen, wenn das nötig sein sollte. Es wird Kompromisse geben, Übereinstimmungen und Meinungsverschiedenheiten. Manche unserer Entscheidungen werden sich als falsch herausstellen. Das Entscheidende ist aber, dass sie wirklich demokratisch sein werden.
Gegenwärtig verbringen wir unser ganzes Leben in Angst – Angst davor, von einem Lehrer gedemütigt zu werden. Angst davor, dumm auszusehen. Angst vor der Gasrechnung. Angst davor, unseren alten Vater nicht in ein anständiges Krankenhaus bringen zu können. Angst davor, den Job zu verlieren und unserem Mann oder unserer Frau und unseren Kindern sagen zu müssen, dass wir kein Geld mehr nach Hause bringen können und uns schämen.
Man mag seinen Job nur ein oder zwei Mal im Leben verlieren, aber die Angst davor ist immer da. In einer anderen Welt würden wir sicherstellen, dass es diese Ängste nicht mehr gäbe und dass alle in Sicherheit leben könnten.
Es wäre keine perfekte Welt. Menschen würden immer noch sterben oder sich ungeliebt fühlen. Es würde weiterhin Probleme geben. Aber es wäre eine weit, weit bessere Welt. Und mit der Zeit würden die Menschen anders fühlen und handeln.
Zwei Dinge werden uns helfen. Erstens könnten die Menschen, die wir jetzt sind, diese neue Welt nicht erschaffen. Aber indem wir für sie kämpfen und gewinnen, würden wir andere Menschen werden, und zwar nicht nur wir hier in diesem Raum, sondern die Mehrheit der Menschen auf der Welt.
Aber es wird auch eine neue Generation zur Welt kommen, die in einer neuen Welt aufwachsen wird. Wir sind alle im Kapitalismus groß geworden. Wir tragen alle die Wunden von viel Leid und Trauer und dem Gefühl, klein und hilflos zu sein.
Betrachtet ein Baby und wie es die Welt mit seinen großen Augen begierig und voller Begeisterung aufsaugt. Nicht alle Babies, nicht jene, die nicht genug zu essen haben.
Aber die anderen. Und dann seht euch die Erwachsenen an. Wir könnten eine Welt schaffen, in der diese Begeisterung bis ins Erwachsenenalter dauert. Und diese Menschen, die in einer neuen Welt groß würden, könnten wieder eine bessere Welt hervorbringen.

von Jonathan Neale

Linksruck Nr. 174, 31. März 2004

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