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Jeder kann Politik machen:

England: „Die Menschen brauchen Alternativen“

Respect


Das Bündnis Respect wurde im letzten Januar gegründet. Zur Gründungsversammlung kamen 1.500 Menschen aus ganz Großbritannien. Sie wollten eine wählbare Alternative zur sozialdemokratischen Labour-Partei des Premierministers Blair schaffen. Der Name steht für Respekt, Gleichheit, Sozialismus, Frieden, Umweltschutz, Gemeinschaft und Gewerkschaftsbewegung.
Die Idee für dieses Bündnis ist entstanden, weil sich die Regierung Blair gegen den Willen der Mehrheit an dem Überfall der USA auf den Irak im März 2003 beteiligte. Am internationalen Aktionstag gegen den Krieg am 15. Februar 2003 demonstrierten in London zwei Millionen Menschen. Organisiert wurde die Demonstration von der „Stoppt den Krieg“-Koalition.

Freitag, 30. April 2004


Der Tag hat damit angefangen, dass mein Wecker mich im Stich gelassen hat. Ich musste innerhalb einer Stunde nach West London kommen, was ich gerade so geschafft habe. Wir bekamen positive Reaktionen auf die Flugblätter, als wir sie an der White City U-Bahnstation verteilten. Wir trafen eine Reihe von Leuten, die sagten, sie hätten Interesse am Wahlkampf der Respect Coalition. Es war ein grauer, verregneter Morgen, aber mit dieser ersten erfolgreichen Aktion im Rücken konnten die Dinge nur besser werden.
Wir fuhren zum Imperial College, wo eine Gruppe Studenten uns zu einer Fragestunde erwartete. Ich musste bald weiter, aber Kevin Cobham, ein begabter schwarzer Rechtsanwalt, der sich darauf spezalisiert, junge Schwarze zu verteidigen und der auch für Respect kandidiert, konnte für mich übernehmen.
Ich fuhr zur North Westminster Schule in Paddington zu einem Treffen mit Schülern und Lehrern, das einer der Lehrer organisiert hatte. North Westminster zeigt deutlich, warum es Respect gibt. Es ist eine zerfallende Innenstadtschule aus den 60ern, wo viele Schüler aus Asylbewerberfamilien kommen und 70 Sprachen gesprochen werden. Alle Probleme, die die Kürzungen in der Bildung mit sich bringen, wurden auf dem Treffen klar. Verschlimmernd kommt hinzu, dass die Schule im Schatten des Paddington Basin Büroentwicklungsprogrammes steht – von den Reichen für die Reichen. Das Programm sollte eigentlich für erschwinglichen Wohnraum in Paddington sorgen, aber die Bauunternehmer hatten andere Pläne.
Auf dem Treffen waren 30 Leute. Wir hatten eine hervorragende Diskussion, die sich auch um Palästina und den Irak drehte und ganz allgemein darum, wie wir die Welt verbessern können. Es wird immer behauptet, dass sich die Jugend nicht für Politik interessiert, aber diese jungen Leute, wie überhaupt die meisten Jugendlichen, die ich treffe, beweisen, dass nichts weiter von der Wahrheit sein könnte. Wir unterhielten uns darüber, ob das Wahlalter auf 16 heruntergesetzt werden sollte, aber die Schüler meinten, die Politiker würden das nicht erlauben, weil die Jugendlichen gegen den Krieg seien.
Ich bin jetzt unterwegs zu weiteren Wahlkampftreffen in Fulham, Shepherd’s Bush und dann Acton. Ein weiterer 12-Stundentag, der sich aber vollauf lohnt. Überall, wo wir hingehen, sehen die Menschen in Respect die Antwort auf ihre Probleme.


Samstag, 1. Mai, 2004


Weiter zur Fulham-Grundschule, als die Kinder gerade herauskommen. Wir treffen auf muslimische Frauen, die Respect unterstützen und ein Treffen in der örtlichen Clemence Atlee Hall wünschen. Sie nehmen eine Menge Flugblätter und sagen uns, ”Macht euch keine Sorgen. Wir sind Kindergärtnerinnen und kennen eine Menge Leute.”
Dann grasen wir ein paar Geschäfte ab, um Flugblätter da zu lassen. Im Auto braucht man eine Stunde, um von der North End Road nach Shepherd’s Bush zu kommen. Der Verkehr in West London ist den ganzen Tag ein Alptraum – zu viele Autos, die Busse bleiben im Stau stecken, und ein erstaunlich großer Teil von London hat keine U-Bahn.
Ich kenne London ganz gut, aber wenn man in dieser Gegend unterwegs ist, fällt einem auf, wir arm die Menschen sind und wie viel die wenigen Reichen in Kennington haben.
Weiter zu Treffen erst in Shepherd’s Bush und dann Acton. Die Menschen dort sind sehr enthusiastisch; machen sich um eine Reihe von Dingen Sorgen; über den Krieg bis zur Straßenbahnverbindung für West London; sind entschlossen, nicht für Labour zu stimmen und eine Alternative aufzubauen. Respect ist keinen Moment zu früh entstanden.

Dienstag, 4. Mai, 2004


Der Wecker klingelt um 6:30 Uhr, und wie üblich, wenn ich sehr früh aufstehen muss, habe ich schlecht geschlafen. Ich bin wieder einmal überrascht, wie viele Menschen schon wach und bei der Arbeit sind. Die Menschen, die die Busse fahren, das Brot backen und die Straßen reinigen, sind schon seit Stunden auf den Beinen. Diese Armee aus Arbeitern, die London am Laufen halten, wird zum größten Teil schlecht bezahlt und von den Regierenden als selbstverständlich hingenommen. Der Zug, der uns durch London fährt, ist um 6:30 schon voll. Wir fahren zum Briefsortierzentrum in Cricklewood, wo wir mit dem Gewerkschaftsvertreter und freundlichen Postarbeitern reden, die gerade ihre Lieferwagen beladen. Unsere Flugblätter kommen gut an. Dann zur Feuerwehrwache in Wembley, wo wir Tee trinken und über Respect reden und darüber, warum wir uns zur Wahl stellen. Niemand hat Lust, über die Labour Partei zu reden, weil die Regierung von Tony Blair sich gegen die Tarifforderungen der streikenden Feuerwehrleute im letzten Jahr gestellt hat, aber auch wegen allem anderen, was die Labourregierung macht. Einige sagen, sie werden sowieso nicht wählen gehen, und ob wir wohl anders sein werden?
Ein Feuerwehrmann lebt in Northampton, ein anderer in Reading, und sie erzählen von Kollegen, die zwischen ihrem Job und Irland hin- und herpendeln. Kindergärten sind sogar für Vollverdiener zu teuer, und so lassen sie ihre Kinder tagsüber bei Verwandten, damit beide Partner arbeiten können. In Großbritannien arbeiten derzeit 12 Millionen Frauen, und die große Zunahme ihrer Beschäftigung in den letzten Jahrzehnten geht hauptsächlich auf das Konto verheirateter Frauen, besonders von Müttern. Diese Zunahme wurde ohne eine Ausweitung der staatlichen Kinderbetreuung erreicht und ging auf Kosten der arbeitenden Eltern, die sie sich nicht leisten können, aber auch keine Verwandten haben, die ihnen helfen könnten. Alleinerziehende Eltern hören mit großer Wahrscheinlichkeit ganz auf zu arbeiten, weil es sich einfach nicht lohnt.

Linksruck Nr. 177, 12. Mai 2004

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