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Die andere Geschichte:

Seattle 1999 - Das große Gewitter

Seattle ist eine Hafenstadt im Bundesstaat Washington im Nordwesten der USA. In dem Ort, der bis dahin vor allem als Sitz von Microsoft und Boeing oder als Heimat von Nirvana bekannt war, wurde vor fünf Jahren Geschichte geschrieben.

Seit dem 30. November 1999 ist Seattle ein Symbol für die weltweite Bewegung gegen den Kapitalismus, wie ihn Microsoft-Boss Gates – der zweitreichste Mann der Welt – verkörpert. Der damalige US-Präsident Clinton hatte die Konferenz der Welthandelsorganisation WTO nach Seattle eingeladen, um im Schatten der US-Konzernzentralen über neue Regeln für den Welthandel zu beraten.
Doch Clinton erlebt eine Überraschung. Die Kameras und Mikrofone richten sich nicht nur auf ihn und seine Gäste – sondern auch auf 50.000 Menschen, die gekommen sind, um gegen die WTO und ihre Konferenz zu protestieren: Studenten und Gewerkschafter, Antikapitalisten und Grüne, Alt und Jung. „In Seattle brach über den Kapitalismus des 21. Jahrhunderts das erste große Gewitter herein“, schreibt der Spiegel zutreffend.
„Diejenigen, die gesagt haben, sie würden die WTO-Gespräche zum Platzen bringen, waren heute tatsächlich erfolgreich“, sagt der Polizeichef von Seattle am Abend. Die Menschen, von denen er spricht, kommen aus den ganzen USA, wie die Studentin Diane Lively.
Sie ist tausende von Kilometern aus Alabama im Südosten der USA angereist: „Ich will der WTO sagen, dass sie die Finger von unserem Planeten lassen soll. Ich will, dass Menschen vor den Profiten kommen.“
Die meisten Demonstranten kommen aus Seattle und Umgebung, wie Rocky Caldwell: „Wir sind hergekommen, um zu fordern, dass die Menschen gehört werden anstatt der Konzerne. Ich arbeite in der Boeing-Fabrik in Seattle. Das ist eine riesige Anlage mit 80.000 Arbeitern. Ich traue den Leuten, die uns in der Fabrik schlecht behandeln, nicht zu, die Welt zu regieren. Wenn wir eine intakte Umwelt wollen, eine Zukunft für alle Menschen auf diesem Planeten, sollten wir besser anfangen, unser Leben in die eigene Hand zu nehmen.“
Woher sie auch kommen – die Menschen vereint die Ablehnung der WTO und ihrer Politik. Auf der Tagesordnung der 6000 Delegierten aus 134 Ländern stehen verschiedene Vorschläge, wie der Welthandel für die großen Konzerne vereinfacht werden soll – mit verheerenden Auswirkungen für die Menschen auf der Welt.
Die großen Industriestaaten fordern, Gesetze abzuschaffen, die der Privatisierung von öffentlichen Diensten wie Bildung und Gesundheitsversorgung im Weg stehen. Länder sollen zur Einfuhr von genetisch veränderten Lebensmitteln gezwungen werden.
Handelsbarrieren für gesundheitsschädigende Güter wir Asbest sollen aufgehoben werden. Bauern in den ärmsten Ländern der Welt sollen durch „freien Handel“ in Konkurrenz zu den mächtigen Lebensmittelkonzernen treten.
1999 hatten Millionen Menschen bereits schlechte Erfahrungen mit diesem „freien Handel“ gemacht. Darum gehen während der Konferenz weltweit zehntausende Menschen auf allen Kontinenten auf die Straße.
In Seattle versammeln sich tausende Studierende und Umweltaktivisten ab 7 Uhr morgens um den Tagungsort der WTO. Gegen 9 Uhr sind die Straßen so voll, dass viele WTO-Delegierte ihre Hotels nicht verlassen können, darunter mehrere US-Minister und UN-Generalsekretär Annan.
Kurz darauf feuert die Polizei mit Tränengas in die Menge. Die Demonstranten geben die Straßen nicht frei, werden aber mit Knüppeln und Pferden Stück für Stück von der Konferenz weggetrieben.
Zur gleichen Zeit versammeln sich drei Kilometer entfernt 40.000 Gewerkschafter in einem Stadion. „Nichts bewegt sich über den Globus ohne Leute wie uns“, meint Fernfahrer Bud Brusa dort. „Wenn ich mich hier umsehe, kann ich eine Alternative zur Weltherrschaft der Konzerne erahnen.“

Als sich die Arbeiter Richtung Innenstadt bewegen, verbreitet sich unter ihnen die Nachricht vom brutalen Vorgehen der Polizei gegen die andere Demonstration. Unter Führung der Polizei biegen die ersten 100 Demonstranten, meist Gewerkschaftsbürokraten, von der ursprünglichen Demoroute in eine ruhige Seitenstraße ab. Ordner blockieren die ursprüngliche Route. Zögernd und unzufrieden folgen weitere Demonstranten.
Dann kommen die Hafenarbeiter. Viele von ihnen streiken an diesem Tag, wie Alan Cotee: „Wir haben heute den Hafen von Seattle aus Protest gegen die WTO lahm gelegt. Unser Leben hängt völlig vom Welthandel ab, aber wir fragen uns: Was für ein Handel? Die einfachen Menschen auf der Welt sollten von dem Handel profitieren, nicht die reiche Minderheit.“
Als die Hafenarbeiter sich der Blockade der Ordner nähern, beginnen sie eine laute Debatte: „Wir gehen zur Konferenz. Das hier ist kein ernst zu nehmender Protest“, ruft ein Kranführer. „Ich werde diesen ‚Schildkröten-Jungs’ helfen“, meint ein anderer, der die Umweltschützer am Ort der Konferenz unterstützen will.
Nur für kurze Zeit hält die Ordnerkette stand. Bald stehen Gewerkschaftsführer und Ordner abseits, sie können die Arbeiter nicht mehr aufhalten.
In der Innenstadt treffen sich die Züge der Arbeiter und der Studierenden und Umweltaktivisten. „Einheit“, rufen die Gewerkschafter. „Power“, antworten die Studierenden und Jugendlichen. Und schließlich beide zusammen: „Solidarität! Solidarität!“
Im Zentrum von Seattle, zwischen den Glastürmen der Konzernzentralen, stehen Männer mit Cowboyhüten, schwarz vermummte 16-jährige, Boeing-Arbeiter und Studierende mit Blumen in den Haaren – gemeinsam gegen die WTO.
„Geben sie die Straße frei, oder wir werden mit Aufstandsbekämpfungsmaßnahmen beginnen“, kündigt die Polizei an. Würde sie mit Gummigeschossen und Tränengas auf Stahlarbeiter und Fernfahrer schießen? Nein, sie geben sich für den Augenblick geschlagen, um die Demonstranten nicht zu einem noch größeren Aufstand herauszufordern.
Die Stunden, in denen die Gewerkschafter auf der Straße sind, hält sich die Polizei zurück. Die WTO-Delegierten kommen nicht zur Konferenz und die Eröffnungsveranstaltung muss abgesagt werden.
Die Proteste verstärken die Spannungen in der Welthandelsorganisation. Die dort vertretenen Regierungen sind sich zwar einig, die Interessen der großen Konzerne durchzusetzen. Doch gleichzeitig herrscht unter den Staaten ein Konkurrenzkampf um Marktanteile und Handelsvorteile.
Die WTO soll arme Länder dazu zwingen, ihre Märkte für die großen Konzerne zu öffnen. Die Regierungen dieser Staaten fühlen sich durch die Proteste bestärkt und setzen die Industriestaaten unter Druck.
Nach wenigen Tagen ist klar: Die WTO-Konferenz von Seattle bleibt für die Herrschenden ohne Ergebnis. Es ist ein Sieg für die Demonstranten.
Daran ändert auch die Gewalt der Polizei in der Nacht und in den nächsten Tagen nichts. Vielmehr macht die Brutalität der Staatsmacht vielen Menschen deutlich, dass die Konzerne und ihre Regierungen bereit sind, ihre Weltordnung mit Gewalt durchzusetzen.
Viele Menschen in Seattle, auf den anderen Demonstrationen weltweit und vor den Fernsehern stellen sich Fragen über gerechten Welthandel und Umweltschutz hinaus: Wie demokratisch ist unsere Gesellschaft? Warum schlägt die Polizei friedliche Demonstranten zusammen? Ist eine andere Welt möglich?
Die Demonstrantin Amber Pattison sagt nach den Protesten: „Ich bin hergekommen, um gegen das Töten von Meeresschildkröten zu protestieren. Ich fahre nach Hause mit dem festen Willen, die ganze Welt auf den Kopf zu stellen.“
Auch viele Gewerkschafter auf der Demo haben ihre Meinung geändert: „Früher dachte ich, dass die jungen Leute, die von der Umwelt reden, verrückt sind. Jetzt denke ich, dass sie ein Teil des großen ‚Wir’ sind, das die Welt verändern wird“, meint Doug Sabin.
„Wir brauchen ein neues Bündnis, um die Konzerne herauszufordern und zu gewinnen. Jedes Mal, wenn ich den Fernseher anschalte und mehr darüber höre, was auf der Welt passiert, wird es gespenstischer. Überall diese unverantwortlichen Regierungen und internationalen Institutionen, die versuchen, sich über menschliche Bedürfnisse hinwegzusetzen. Es ist Zeit, zu kämpfen.“
Die Proteste von Seattle waren nicht der Anfang dieser Bewegung. Bereits am 1. Januar 1994 wehrten sich die Zapatisten in Mexiko mit einem Aufstand gegen die nordamerikanische „Freihandelszone“. Auch diese nutzt Konzernen auf Kosten der Menschen in Amerika. Mit den Protesten in Seattle erreichte die Bewegung den mächtigsten Industriestaat der Welt.
Ihr Erfolg gegen die WTO zeigte, dass die Bewegung gewinnen kann, wenn Antikapitalismus und Arbeiterbewegung zusammenkommen. Seitdem ist die Bewegung, die in Seattle weltberühmt wurde, eine politische Kraft geworden, die eines Tages den Kapitalismus auf den Müllhaufen der Geschichte werfen kann.

von Jan Maas (E-Mail)

Linksruck Nr. 186, 13. Oktober 2004

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