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Die Revolution – kommt sie jemals?

Revolution heißt, dass große Massen von Menschen, die sich nie zuvor mit Politik beschäftigt haben, die politische Bühne stürmen. Sie müssen die Notwendigkeit und die Möglichkeit erkennen, dass sie die Welt verändern können.

So begann die Französische Revolution von 1789, als tausende Menschen aus den ärmsten Stadtteilen von Paris sich zu einem Marsch auf den Königspalast in Versailles aufmachten, um Abhilfe gegen Hunger und Elend in der Stadt einzufordern.

Die russische Revolution 1917 wurde von Textilarbeiterinnen ausgelöst, die in den Streik traten. Sie wollten ihre langen Arbeitstage und kläglichen Löhne nicht mehr hinnehmen. Sie warfen Schneebälle an die Fenster der Fabriken, wo ihre männlichen Kollegen arbeiteten, um sie auf die Straße zu holen.

Solche Ereignisse passieren spontan, wenn große Massen arbeitender Menschen plötzlich einsehen, dass sie die Dinge selber in die Hand nehmen müssen, um zu bekommen, was sie wollen.

Massenaufstände entstehen, wenn große gesellschaftliche Veränderungen Menschen dazu veranlassen, mit ihren alten Verhaltensweisen zu brechen. Lenin, die führende Figur der russischen Revolution, untersuchte diese Prozesse 1915, zwei Jahre vor den explosiven Ereignissen von 1917.

Er machte zwei Bedingungen für Revolutionen aus. Erstens müssen einfache Menschen die Bedingungen, unter denen sie leben und arbeiten, unerträglich finden. Aber Menschen können auf schreckliche Verschlechterungen ihres Lebensstandards auch dadurch reagieren, dass sie demoralisiert werden und sich gegeneinander wenden.

Deshalb betonte Lenin auch das zweite wichtige Element. Große wirtschaftliche oder politische Krisen verbittern nicht nur die unteren Schichten der Gesellschaft. Sie stürzen auch die herrschende Klasse in Ratlosigkeit.

In solchen Situationen fangen die Herrschenden an, sich gegenseitig für die Misere verantwortlich zu machen. Jeder einzelne Kapitalist versucht, sich auf Kosten seiner Rivalen aus der Krise zu retten, und alle erhöhen den Druck auf die Bevölkerung.

In extremen Fällen können die Streitereien innerhalb der herrschenden Klasse ihren ganzen Propagandaapparat und die Unterdrückungsmaschinerie des Staates lähmen. Jeder Teil der herrschenden Klasse versucht dann, die Medien und die Geheimpolizei gegen seine Konkurrenten einzusetzen. Und jede Fraktion versucht, die Bevölkerung für ihre Pläne und gegen die ihrer Rivalen aufzustacheln.
Die Spaltungen innerhalb der herrschenden Klasse führen dazu, dass die Menschen nicht mehr einheitlichem Widerstand gegen ihre Forderungen gegenüber stehen. Dadurch bekommen die Menschen Zutrauen, dass militante Aktionen Wirkung zeigen können.

Eine revolutionäre Situation entsteht, wenn, wie Lenin es formulierte, „die unteren Klassen nicht mehr wie bisher leben wollen und die oberen Klassen nicht mehr wie bisher leben können.“

Niemand in der Gesellschaft ist mehr mit der herrschenden Ordnung zufrieden. Alle suchen verzweifelt nach einer Lösung, egal wie „extrem“ sie sein mag.

Der Kapitalismus erzeugte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Reihe solch revolutionärer Situationen, die von großen Kriegen und schweren Krisen gekennzeichnet waren. Am Anfang des 21. Jahrhunderts schafft der Kapitalismus wieder revolutionäre Situationen durch seine anarchische Globalisierung der Produktion und Finanzen.

Argentinien zum Beispiel galt in den 1990er Jahren als Paradebeispiel einer erfolgreich globalisierten Volkswirtschaft. Seine Regierung wurde von allen führenden Wirtschaftsexperten dafür gelobt, wie schnell sie Argentiniens Wirtschaft privatisiert und ausländisches Kapital ins Land geholt hatte.

Dann wurde das Land von den Ausläufern einer Finanzkrise getroffen, die in Thailand, am anderen Ende der Welt, begonnen hatte. Argentiniens Auslandsschulden wuchsen über Nacht ins Unermessliche. Die Binnennachfrage brach zusammen. Die Arbeitslosigkeit schoss in die Höhe. Der Staat fror sämtliche Bankkonten ein. Und die herrschende Klasse war tief gespalten über die Frage, was zu tun sei.

An diesem Punkt brachen Menschen, die nie zuvor auf Demonstrationen waren -Arbeitslose, Handarbeiter, Regierungsangestellte, Teile der Mittelschicht- zu einem Marsch auf den Präsidentenpalast auf. Dort lieferten sie sich 24 Stunden lang Straßenschlachten mit der Polizei und jagten schließlich die Regierung aus dem Amt.

Argentinien ist kein isolierter Einzelfall. In den letzten sechs Jahren haben wir dieselbe Entwicklung auch in Albanien, Indonesien, Serbien, Ecuador und Bolivien gesehen. Und wir können für die kommenden Jahre mehr davon erwarten.

Ein Land kann jahrelang friedlich und stabil wirken. Und dann kann es plötzlich in eine tiefe Krise stürzen. Unter solchen Umständen können die Massen plötzlich auf eine Weise ins politische Leben treten, die niemand vorhersehen konnte.

von Stefan Bornost (E-Mail)

Linksruck Nr. 190, 8. Dezember 2004

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