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Weltsozialforum: „Rückt den Irakern von der Pelle“

Zur Person:
John Catalinotto ist im US-amerikanischen Antikriegsbündnis ANSWER aktiv

John, du bist gerade vom Weltsozialforum in Porto Alegre zurückgekommen. Welche Rolle haben Krieg und Besatzung, besonders im Irak, dort gespielt?

Eine große. Der Widerstand gegen den US-Imperialismus dort ist wichtig, und es gab große Unterstützung dafür – obwohl er kein klares Programm und keine einheitliche Führung hat. Die Iraker machen den Yankees Probleme, und das ist gut.
Wir haben uns auch mit anderen Themen beschäftigt: Das Freihandelsabkommen der Amerikas (FTAA) und wie es aufzuhalten ist. Das Leiden so vieler Menschen unter der Globalisierung. Die Kontrolle der Konzerne über die Medien, besonders durch die USA.
Es herrschte eine allgemeine Wut auf Bush und den US-Imperialismus.

Lassen sich die Menschen von den Kriegsdrohungen gegen den Iran einschüchtern?

Die Leute machten sich Sorgen über die drohende Haltung von Bush und der US-Regierung. Nicht nur gegenüber dem Iran, sondern auch gegen Länder in Lateinamerika wie Venezuela und Kuba.
Viele der Veranstaltungen behandelten die Verteidigung Lateinamerikas gegen die wirtschaftlichen und möglicherweise militärischen Angriffe durch den US-Imperialismus. Das war auch das Thema des populärsten Sprechers auf dem WSF: Venezuelas Präsident Hugo Chávez. Die Stimmung war gut. Auch die Auftaktdemonstration war von Freude und Kampfesmut geprägt.

Während des WSF haben die Iraker gewählt. Wie waren die Meinungen darüber?

In den Treffen, an denen ich teilnahm – also meist Anti-Kriegsveranstaltungen – hielt eigentlich jeder die Wahlen für eine Farce. Alle irakischen Referenten – sie vertraten verschiedene Strömungen gegen die Besatzung – meinten, es sei eine Farce, Wahlen unter den harschen Bedingungen abzuhalten, die jetzt unter der Besatzung im Irak herrschen.

Du bist als Vertreter der US-amerikanischen Friedensbewegung auf dem WSF gewesen. Was steht für euch als Nächstes an?

Der nächste große Schritt wird am 19. März kommen: Es wird große Demonstrationen in New York, in vielen Städten in Kalifornien und anderswo geben – und vor einer wichtigen Militärbasis in North Carolina.
Was ich aus Porto Alegre mitnehme, ist die allgemeine Unterstützung für einen internationalen Aktionstag gegen die Besatzung am 19. bis 20. März. Der Vorschlag, einen international koordinierten Aktionstag zu veranstalten, gibt den nationalen Mobilisierungen immer zusätzlichen Schwung.

Bush hat gerade seine zweite Amtszeit begonnen. Haben wir mit mehr Kriegen zu rechnen?

Bush will seinen knappen Wahlsieg dafür benutzen, sein Programm durchzusetzen. Teil davon ist ein innenpolitisches Programm, das eine offene Kampfansage an die Arbeiter ist. Sein erstes und größtes Ziel sind weitere Kürzungen im sozialen Sicherungssystem.
In der Außenpolitik droht er mit mehr Kriegen. Nicht so sehr mit Bodenkriegen als mit Luftangriffen gegen den Iran, mit dem Anstacheln von Bürgerkriegen durch die CIA in Venezuela oder Kuba oder damit, Kolumbien dazu zu bewegen, militärisch in Venezuela einzugreifen. Nord-Korea bleibt weiter von der Möglichkeit bedroht, aus der Luft angegriffen zu werden.
Doch im Irak hat das US-Verteidigungsministerium Probleme, den Menschen seinen Willen aufzuzwingen. Der Widerstand wächst.
Immer weniger Amerikaner wollen im Irak kämpfen. Das US-Militär hat größte Schwierigkeiten, neue Rekruten anzuwerben. Im Januar hat das Marine Corps…

…eine auf Kriegseinsätze spezialisierte Einheit des US-Militärs…

…zum ersten Mal seine Quote neuer Rekruten nicht erfüllen können. Weniger Reserveoffiziere melden sich zurück, als die Armee im Irak bräuchte.
Daher würde die Aussicht auf einen Landkrieg im Iran das Verteidigungsministerium in eine enorme Krise stürzen. Das heißt nicht, dass so etwas nicht passieren kann. Die Herrschenden können sehr unvernünftige Dinge tun.
Ich glaube, wir in der Antikriegsbewegung sollten uns auf weitere Kriege vorbereiten. Ob wir den nächsten Krieg verhindern können, ist immer eine offene Frage.
Wir müssen versuchen, jeden neuen Krieg der Imperialisten in eine schwere Niederlage für sie zu verwandeln. Es wird wichtig sein, unter den Soldaten selbst zu organisieren.

Hier verstehen viele Menschen Bushs Wahlsieg so, als ob viele Amerikaner seine Politik unterstützen. Ist dieser Eindruck richtig?

Es wäre ein gutes Zeichen gewesen, wenn die Mehrheit Bush trotz des Meinungsmonopols der Herrschenden und ihrer Medien nicht gewählt hätten – obwohl John Kerry keine starke Alternative darstellte.
Aber die Wahlen bezeugten nicht so sehr eine große Zustimmung zu Bushs politischem Programm als vielmehr die überlegene Organisation der Republikaner. Es wird weiterhin Widerstand gegen seinen Sozialabbau und gegen seine Kriege geben.

Wenn wir diesen Widerstand unterstützen wollen: Was können wir in Deutschland tun?

Kriegsgegner sollten weiterhin demonstrieren, um den Rückzug der US-amerikanischen und britischen Truppen aus dem Irak zu fordern. Helft dabei, die Informationen gegen den Krieg unter den in Deutschland stationierten US-Soldaten zu verbreiten.
Diejenigen Aktivisten, die entschiedene Anti-Imperialisten sind, sollten tun, was sie können, um zu erreichen, dass möglicht viele Menschen das Recht des irakischen Widerstands anerkennen, die Besatzung mit den Mitteln zu bekämpfen, die ihm offen stehen. Genau wie die Franzosen das Recht hatten, die Besatzung durch die Nazis zu bekämpfen, haben die Iraker das Recht, der Besatzung durch die USA und Großbritannien Widerstand entgegenzusetzen.
Der Rest bleibt den Irakern überlassen. Es gibt keinen Grund, dass wir – auch wir in der Antikriegsbewegung – in Europa oder den USA über die inneren Angelegenheiten des Irak entscheiden sollten. Lasst uns nur dafür sorgen, dass die Imperialisten den Irakern von der Pelle rücken.

Linksruck Nr. 193, 16. Februar 2005

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