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Ausgeplündert und ausgesperrt

Verletzte Flüchtlinge warten in einem provisorischen Lager auf ihre Einreiseerlaubnis nach Europa, nachdem ihnen die Flucht über den Stacheldraht in die spanische Enklave Melilla gelang. Bis zu 30 ihrer Gefährten wurden beim Fluchtversuch erschossen.

„Ich komme aus Bamoko in Mali, ungefähr 3.200 Kilometer von Nador in Marokko, wo ich jetzt bin. Als eines meiner Kinder starb, ließ ich meine Frau mit den anderen beiden Kindern, meinem Vater und meiner Mutter zurück. Ich bin jetzt 27 Jahre alt, aber ich hatte in meinem ganzen Leben nur wenige Monate Arbeit. Manchmal konnte meine Frau Arbeit finden, die immer schlecht bezahlt war. Meine Eltern wurden oft krank. Mein Vater arbeitete viele Jahre auf dem Bau. Deshalb hat er jetzt eine Staublunge und ist sehr krank. Wegen all dieser Probleme haben wir oft nichts zu essen und hungern.

Mein zweites Kind starb mit vier Jahren. Sie war seit ihrer Geburt sehr zierlich, aber es hatte den Anschein, dass sie kräftiger würde. Aber dann ist sie an einer Grippe oder etwas ähnlichem gestorben. Wahrscheinlich war sie einfach zu schwach, zu unterernährt, um zu überleben.

Als ich ihren armen kleinen verschrumpelten Körper sah, beschloss ich, dass ich mich nicht länger schämen will, weil ich meine Familie nicht ernähren kann. Stattdessen will ich nach Europa, um Arbeit zu finden und meine Familie stolz und glücklich zu machen. Ich bin dann mit ein paar anderen zuerst nach Taoudenni im Norden von Mali gegangen. Dann durchquerten wir die Sahara und kamen über Mauretanien und Algerien nach Marokko. Manchmal liefen wir, manchmal konnten wir auf LKWs mitfahren, bis wir endlich in Nador in der Nähe von Melilla ankamen. Es war eine sehr harte Reise. Moussa, der aus meiner Gegend kam, starb auf dem Weg hierher. Ich will euch nicht den ganzen Namen sagen, weil seine Eltern noch nicht wissen, dass er tot ist.

Rund um Melilla gibt es provisorische Lager. Unser Lager wurde „das Ghetto” genannt. Hier lebten Menschen aus Senegal, Guinea-Bissau, Ghana und Nigeria. Wir wollten alle nur nach Europa, um Arbeit zu finden. Ich würde jeden Job machen, um an Geld für meine Kinder zu kommen. Die meisten von uns waren junge Männer, aber einige hatten ihre Familien dabei. Ich lebte drei Monate im Ghetto, ich lernte den Nato-Stacheldraht mit den messerscharfen Klingen kennen, der uns aus Europa halten soll, und wartete auf meine Chance, ihn zu überqueren.

Das Lager war kein schöner Ort, es gab kaum Wasser und noch weniger Essen. Eines Nachts beschlossen wir, zu versuchen, über den Zaun zu klettern. Wir bastelten uns Leitern aus Ästen und schlichen in der Nacht zum Zaun. Ich konnte kaum glauben, was dann passierte. Die Polizei empfing uns mit Tränengas, Gummigeschossen und Knüppeln. Viele von uns wurden verprügelt, andere hatten schlimme Schnitte vom Stacheldraht. Niemand schaffte es hinüber. Die spanische Polizei hasst uns genau so wie die marokkanische, beide warten darauf, dich zusammenzuschlagen.

Beim zweiten Mal waren wir mehr, und die Lager haben sich untereinander koordiniert. Ich glaube, zehn haben es geschafft, obwohl viele schlimm geschlagen wurden. Vor kurzem haben es 500 von uns noch mal versucht. Einige wurden getötet, weil die Polizei mit scharfer Munition schoss. Aber Dutzende schafften es. Ich wurde von einem Polizisten verprügelt und habe es nicht geschafft. Es war furchtbar, die zerschlagenen Körper zu sehen und wie Menschen schlechter als Hunde behandelt werden. Aber unsere Situation ist so schlecht, dass es trotzdem wie ein Erfolg schien, weil einige es vielleicht nach Spanien geschafft haben.
Wenn du mir sagen würdest, dass ich um mein Leben würfeln soll, dass eine Sechs mich nach Spanien bringt und eine Eins den Tod bedeutet, würde ich würde lieber als so weiterzuleben wie bisher.

Nach der Flucht griff die Polizei unsere Lager an. In einem anderen Gebiet wurden Hunderte einfach in Autos verladen und irgendwo in der Wüste in der Nähe der algerischen Grenze ausgesetzt.

Sie wären alle gestorben, wenn sie nicht von humanitären Organisationen gerettet worden wären.

Mein Ziel ist es immer noch, nach Spanien zu kommen. Entweder muss ich über den Zaun klettern oder ich muss an Geld kommen, um einen Schmuggler zu bezahlen, der mich auf seinem Boot mitnimmt. Aber das kostet 600 Euro, die ich nicht auftreiben kann.

Vielleicht sollte ich nach Bamoko zurückkehren. Aber das wäre nun noch schlimmer, nachdem ich versucht habe, ins „El Dorado” - nach Europa- zu kommen. Es ist besser, bei dem Versuch, in die Freiheit zu gelangen, zu sterben.

Wir sind aus einem sehr armen Land, wir hätten gern die Möglichkeit, unseren Weg in der Welt zu finden. Aber statt uns zu helfen, ziehen die reichen Staaten die Zäune höher, um uns zu bestrafen.

Ich glaube nicht, dass noch viele auf diesem Weg nach Europa kommen werden. Aber noch viele werden hier sterben oder mit kleinen, maroden Booten untergehen oder auf anderen Wegen nach Europa ihr Leben verlieren. Wir sind sehr verzweifelt.“

Linksruck Nr. 209, 26. Oktober 2005

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