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Den „Kampf der Kulturen“ gibt es nicht

Demonstration gegen die Mohammed-Karikaturen vor der dänischen Botschaft in Berlin: Seit dem Beginn von Bushs „Krieg gegen den Terror“ protestierten Millionen Muslime und Nicht-Muslime gemeinsam
Werner Schiffauer ist Autor zahlreicher Bücher über Einwanderung. Er lehrt an der Europa-Universität in Frankfurt an der Oder

Auf dem Höhepunkt der Demonstrationen gegen die Mohammed-Karikaturen titelte die Welt am Sonntag „Kampf der Kulturen bricht offen auf“. Stehen wir vor einem Konflikt zwischen dem Westen und dem Islam?

Dieses Bild vom „Kampf der Kulturen“ ist falsch und gefährlich. Es behauptet, dass einem einheitlichen Westen ein einheitlicher Islam gegenübersteht – grundverschieden und unvereinbar.
Doch es gibt weder „den Westen“, noch „den Islam“. Zahlreiche Mitglieder der US-Regierung, unter anderem Präsident Bush, gehören fundamentalistischen christlichen Sekten an, die zum Beispiel die Evolutionstheorie ablehnen und an Schulen verbieten wollen oder den Krieg gegen Irak als „Kreuzzug“ bezeichnen. Die meisten Menschen in Europa finden das eher befremdlich. Bush führt Krieg, Millionen in den USA und Europa haben dagegen demonstriert. Der einheitliche Westen ist also eine Konstruktion. Die meisten Menschen hier wären zu Recht beleidigt, mit Bush in einen Topf geschmissen zu werden.
Genauso verhält es sich mit dem Islam. Der Islam ist eine Religion und keine Kultur. Länder mit überwiegend islamischer Bevölkerung wie zum Beispiel Iran, Marroko, Indonesien und Ägypten haben eine unterschiedliche Geschichte und unterschiedliche Traditionen.
Was Muslime untereinander verbindet, ist der Bezug auf den gleichen religiösen Text – mehr nicht. Ein Deutscher, der zum Islam konvertiert, hat nicht auf einmal mehr kulturelle Gemeinsamkeiten mit anderen Muslimen als mit seinen Mitmenschen hier.

Ist der „Kampf der Kulturen“ also reine Propaganda?

Das nun nicht. Selbst wenn ein „Kampf der Kulturen“ in der Sache nicht existiert, kann er herbeigeredet werden. Das ist nicht neu. Anfang des 20. Jahrhundert wurde ja schon mal ein „Kampf der Kulturen“ ausgerufen – damals gegen den so genannten „Erbfeind“ Frankreich. Es wurde behauptet, die deutsche Kultur und die französische Zivilisation stünden sich unversöhnlich einander gegenüber. Die Deutschen bescheinigten sich „Tiefe“ und „Innerlichkeit“ und unterstellten den Franzosen Genusssucht, Oberflächlichkeit und übertriebenen Intellektualismus. Von der Unversöhnlichkeit der Kulturen waren durchaus auch die Intellektuellen überzeugt.
Damals war der Hintergrund die Konkurrenz zwischen dem aufstrebenden Industriestaat Deutschland und Frankreich um die vorherrschende Position in Europa. Heute begleitet die Ideologie des „Kampfes der Kulturen“ eine aggressive Politik der westlichen Regierungen im Nahen und Mittleren Osten.
Solche Feindbild-Ideologien dienen der Selbstvergewisserung. Wenn wir versuchen positiv zu benennen, wofür wir stehen, würden wir unweigerlich scheitern: Siehe die Leitkultur Debatten, die immer wieder aufgewärmt werden und um keinen Schritt weiterkommen. In einer solchen Situation kann man es sich einfach machen. Man konstruiert ein stereotypes Bild vom Anderen, der für alles steht, wovon man sich absetzen will: Irrationalität, Fanatismus, Rückständigkeit. Dann kann man sich in die Brust werfen und in schönster Selbstgerechtigkeit behaupten: So sind wir nicht – wir stehen für Fortschritt, Aufklärung und so weiter. Diese Operation erzeugt die Illusion von Gemeinsamkeit, ohne dass man einen Konsens darüber braucht, was das im Einzelnen bedeutet. So haben wir dann wenigstens die Illusion von Identität und Souveränität. Das machen im Übrigen nicht nur wir, die gleiche Operation wird in den islamischen Ländern vollzogen. Beides spielt sich trefflich in die Hände.

In der öffentlichen Wahrnehmung ist der Islam auch fremd. Laut dem ZDF-Politbarometer glauben nur 33 Prozent der Deutschen, dass in Deutschland lebende Ausländer islamischen Glaubens die Werte des Grundgesetzes akzeptieren

Solche Umfrageergebnisse sind das Resultat des Bildes, das hier vom Islam und Muslimen gezeichnet wird. Oftmals werden der Religion Erscheinungen zugeschrieben, die damit nichts zu tun haben.
Ein Beispiel sind die Zwangsverheiratungen und so genannten „Ehrenmorde“. Das sind natürliche furchtbare Dinge, die ich verurteile. Nur – sie entspringen nicht der Religion.
Der Islam selbst lehnt Ehrenmorde und Zwangsehen ab – gerade weil die Vorstellung ist, dass das Leben in Gottes Hand liegt. Es gibt für diese Verbrechen keine theologischen Begründungen. Sie auf den Islam zurückzuführen ist symptomatisch für eine Situation, wo man den anderen stereotypisiert und sich weigert, noch genau hinzusehen. Hier werden komplexe Ursachenverhältnisse, bei denen Migrantenkonservativismus, der in der Fremde an Werten festhalten lässt, die in der Heimat längst aufgegeben sind, und migrationsbedingte Zerrüttungserscheinungen eine Rolle spielen, auf eine klischeehafte Erklärung reduziert, die nur deswegen einleuchtet, weil das Feindbild Islam so verbreitet ist. Es ist auch kein Argument, wenn die Täter sich manchmal auf den Islam berufen.
Wir wären ja auch entsetzt, wenn man die deutsche Kultur zur Ursache von Nazigewalt erklären würde, bloß weil die Nazis sich selbst immer wieder auf die deutsche Kultur berufen.
Muslimen wird ein totalitäres Weltbild unterstellt, in dem sich jede Handlung aus der Religion ableitet. Natürlich gibt es solche Menschen – allerdings in jeder Religion. Für die Mehrheit der Muslime ist ihre Religion, das, was sie für Christen auch ist: Eine Orientierungshilfe im Leben.

Es wird behauptet, dass der Unterschied zwischen dem christlichen Westen und der islamischen Welt, ist, dass der Westen die Aufklärung hatte und die islamische Welt nicht. Deshalb habe der Islam zum Beispiel kein Verhältnis zur Demokratie

Unbestreitbar ist die geistesgeschichtliche Entwicklung der Aufklärung in Europa gewesen. Doch es ist sehr problematisch, gesellschaftliche Entwicklungen aus der Geistesgeschichte abzuleiten. Nehmen wir Deutschland. Dass hier die Heimat von Denkern wie Kant war, hat doch nicht verhindert , dass mit den Nazis ein Regime an die Macht gekommen ist, was jeden menschlichen Wert mit Füßen getreten hat. Zugespitzt gesagt: Kant hat Hitler nicht verhindert. Genauso wenig führt die Abwesenheit eines Kant in der islamischen Welt nicht direkt in die Diktatur.
Wir müssen die Umstände konkret angucken. Die islamische Welt hat in der Tat keine überzeugende Bilanz, was Demokratie angeht. Aber sie ist auch Opfer kolonialer Unterdrückung gewesen, was bis heute fortwirkt. Es ist ja auch nicht so, dass die dortigen Regime alle dem Westen entgegensetzt sind. Die Diktaturen in Ägypten oder Saudi-Arabien werden direkt von der US-Regierung unterstützt. Das lässt sich schwerlich unter Demokratieunfähigkeit der dortigen muslimischen Bevölkerung verbuchen.

Auf den Demonstrationen gegen die Mohammed-Karikaturen gab es aber auch Schilder „gegen den Westen“. Die Konfrontation geht offensichtlich nicht nur von den westlichen Regierungen aus

Selbstverständlich gibt es auch in der islamischen Welt Kräfte, die die Rhetorik vom Kampf Westen gegen Islam dankbar aufnehmen. Der iranische Präsident Ahmedinedschad zum Beispiel. Er ließ sich mit allerhand sozialen Versprechen für die zahlreichen Armen Irans wählen. Diese Versprechen lassen sich nicht halten. Für ihn ist die Karikaturen-Affäre ein Geschenk. Er konnte mit ihr mobilisieren, weil sie auf ein verbreitetes Gefühl der Schutzlosigkeit in der islamischen Welt trifft. Für viele Muslime bedeuten die Karikaturen: Jetzt scheut der Westen auch vor dem letzten Tabubruch, der letzten Grenzüberschreitung nicht mehr zurück. Ähnlich argumentieren auch andere radikale islamistische Strömungen.
Tatsache ist aber, dass wir diese Leute doch nur stark machen, wenn wir die Rhetorik vom „Kampf der Kulturen“ aufnehmen. Wenn ich mir die Entstehung dieses ganzen Karikaturenstreits ansehe, habe ich den Verdacht, dass es manche Leute genau darauf anlegen.

Was meinst du damit?

Der Skandal um die Karikaturen war ja von der Jyllands-Posten und der dänischen Regierung fast mit Absicht herbeigeführt. Nachdem die Karikaturen am 30. September erschienen waren, gab es zunächst überhaupt keine Reaktionen von muslimischer Seite.
Dann wurde so lange nachgehakt, bis der Skandal perfekt war. Nachdem sich eine Woche lang kein Protest geregt hatte, meldeten sich Journalisten bei dänischen Imamen, die wegen ihrer religiösen Position einschlägig bekannt waren, und fragten: „Warum protestiert ihr nicht?" Diese reagierten schließlich und alarmierten ihre Gesinnungsgenossen im Nahen Osten. Nun schalteten sich auch Regierungschef Andres Fogh Rasmussen und die dänische Volkspartei in die Kampagne ein. Fogh Rasmussen schlug die Bitte besorgter arabischer Botschafter, sie zu einem klärenden Gespräch zu empfangen, demonstrativ aus. Selbst als 22 ehemalige dänische Botschafter an den Regierungschef appellierten, das Gespräch mit den Vertretern der islamischen Staaten zu suchen, weigerte er sich mit der Begründung, die Pressefreiheit könne kein Gegenstand des diplomatischen Dialogs sein. Als ob es nur um die Frage Pressefreiheit – ja oder nein – gegangen wäre und nicht auch eine moralische Verurteilung möglich gewesen wäre, in dem Sinne: Die Karikaturen sind zwar von der Pressefreiheit gedeckt, aber wir verurteilen eine solche ausländerfeindliche Geschmacklosigkeit aufs Schärfste.
Das ist schon keine Unbedarftheit mehr, sondern gezielte Provokation. Wir dürfen uns von solchen Leuten keinen „Kampf der Kulturen“ aufzwingen lassen.

Linksruck Nr. 216, 8. März 2006

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