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Irak: 1.000 Morde pro Woche

Die neue Freiheit endet schnell

Nahost-Forscher Aziz Alkazaz über die Enttäuschung der Iraker
Am Anfang haben die Menschen gehofft, dass es mehr Freiheit und Demokratie geben würde. Tatsächlich entstanden zahlreich neue Parteien und politische Organisationen. Über 100 Zeitungen wurden neu gegründet. Es gab viele Demonstrationen und andere Kundgebungen, die früher verboten waren. Allerdings kam die Enttäuschung über die Einschränkungen der neuen Freiheit relativ schnell. Sie endet nämlich dort, wo die Interessen der Besatzungsmächte berührt sind. Das gilt selbst für die Pressefreiheit, ein Grundelement der westlichen Demokratie. Berichte über Widerstandsaktionen oder brutale Hausrazzien der Amerikaner können dazu führen, dass die betreffende Zeitung verboten wird. Die in- und ausländischen Journalisten werden dazu aufgefordert, die Behörden über "jeden Sabotageakt und Terrorismus" zu informieren. Im Endeffekt verlangen die Richtlinien, dass die Journalisten zu Assistenten der Besatzungsbehörden werden. Viele Iraker sagen: Die schreckhaften US-Truppen, die schon so viele unschuldige Iraker vor, während oder nach den Anschlägen auf ihre Konvois getötet haben, stellen für sie eine ebenso große Gefahr dar wie die Guerillas, die die Amerikaner angreifen.

Krebsgeschwür Gleichgültigkeit

Der britische Journalist Robert Fisk über die Arroganz des US-Militärs
Die dritte US-Infanterie-Division hat im September nahe Falludschah mindestens 8 Polizisten getötet. Lange Zeit hat die US-Armee gesagt, sie hätte keine Information zu den Todesfällen. Wir haben aber schon bewiesen, dass die Polizisten mit Munition der US-Armee getötet wurden. Ich habe die Zähne und das Gehirn eines der Polizisten neben der Straße gefunden. Wären es das Gehirn und die Zähne eines Amerikaners gewesen ich glaube kaum, dass man das dort hätte herumliegen lassen. Ich teile die Verschwörungstheorien nicht. Es geht nicht darum, dass die Amerikaner den Bürgerkrieg wollen, die Leute spalten oder Gewalt erzeugen. Sie werden auf diese Weise ja selbst zu Opfern wenn auch in einem unendlich kleineren Maßstab als die Iraker. Nein, die US-Armee interessiert sich einfach nicht für die Iraker. Und das ist genau das Krebsgeschwür, das sich momentan in diese Gesellschaft hineinfrisst.
Im Irak werden jede Woche 1.000 Zivilisten ermordet. Das berichtet der britische Nahost-Korrespondent Robert Fisk.
Die US-Besatzer lassen Journalisten nicht in Krankenhäuser und Leichenhallen. "Es kann zwei Wochen dauern, bis man die richtigen Papiere hat", schreibt Fisk im Independent on Sunday.
Einigen Reportern gelingt es dennoch, in die Krankenhäuser zu kommen. "Normalerweise sympathisieren die Sicherheitsleute sehr mit uns. Es sind Iraker. Sie wollen, dass wir die Geschichte dieser großen Tragödie für die Iraker erzählen", sagt Fisk in einem Interview mit dem Magazin Zmag.
Aus den Berichten der Ärzte und eigenen Beobachtungen berechnet Fisk seine Schätzung. "Natürlich werden nicht alle von Amerikanern getötet, manche sind Opfer familiärer Rache, von schießenden Dieben oder Leute versuchen, Plünderer zu stoppen und kommen dabei eher zufällig ums Leben. Oder sie geraten ins Kreuzfeuer."
Der deutsch-irakische Nahostexperte Aziz Alkazaz erklärt gegenüber Linksruck, wie die Besatzung die Ordnung zerstört: "Die staatliche Verwaltung wurde durch den letzten Krieg sowie die Plünderungen und Brandschatzungen fast vollständig zerstört. Allein in Bagdad wurden 158 staatliche Institutionen einschließlich 21 Ministerien verwüstet und geplündert. Bezeichnenderweise wurden von den Besatzungstruppen nur die Ministerien für Erdöl und Inneres wirksam geschützt."
60 Prozent der Iraker sind arbeitslos. Das staatliche Lebensmittelprogramm, welches vor der US-Besatzung 60 Prozent der Grundversorgung der Iraker deckte, ist zerstört. "Die Arbeit der internationalen humanitären Organisationen wird durch die prekäre Sicherheitslage und Mangelhaftigkeit der Verteilungsnetze behindert", so Alkazaz.
Immer mehr Iraker verlieren jedes Vertrauen in die Besatzer, berichtet er. Deshalb leisten immer mehr Menschen Widerstand. Robert Fisk berichtet: "Allein in Bagdad werden die US-Truppen bis zu 60 Mal am Tag angegriffen, habe ich gehört. Sie verlieren im Schnitt einen Soldaten am Tag."

von Jan Maas (E-Mail)

Linksruck Nr. 162, 1. Oktober 2003

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