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Film "In this world”:

Flucht vor dieser Welt

Jamal und Enayatullah leben in der pakistanischen Stadt Peshawar nahe der afghanischen Grenze. Dort sind sie gemeinsam mit 50.000 anderen Afghanen in dem Flüchtlingslager Shamshatoo untergebracht. Jamal hat beide Eltern verloren. Obwohl er erst vierzehn ist, muss er jeden Tag in einer Ziegelei arbeiten. Sein älterer Cousin Enayatullah schuftet auf dem Markt.
Um ihm ein besseres Leben zu ermöglichen, möchte Enayatullahs Onkel, dass sein Neffe nach London geht. Und da Jamal ein wenig englisch spricht, soll er mitgehen.
Von nun an gehören die beiden zu den etwa eine Million Flüchtlingen, die jedes Jahr ihr Leben in die Hände von Menschenschmugglern legen. Ihre mühsame Reise führt sie durch Pakistan und den Iran bis in die Türkei. Mit der ständigen Angst im Rücken, entdeckt zu werden, reisen sie versteckt unter Obstkisten auf einem Lastwagen, nachts zu Fuß durch die eiskalten, Schnee bedeckten Berge Kurdistans oder auf der Ladefläche eines Pick-Ups durch die iranische Wüste.
In Istanbul beginnt der schrecklichste Teil der Reise. Hier verstecken sich die beiden auf einer Fähre nach Italien. Gemeinsam mit anderen verzweifelten Flüchtlingen sind sie über 40 Stunden ohne Licht in einem Frachtcontainer eingeschlossen. Die meisten von ihnen ersticken qualvoll.
Mit dieser Szene erinnert der britische Regisseur Michael Winterbottom an ein tragisches Ereignis, das sich im Juni 2000 abgespielt hat. Damals starben 58 chinesische Flüchtlinge bei dem Versuch, mit einem Containerlastwagen nach Großbritannien zu gelangen.
Herausragend an dem Film ist seine Realitätsnähe. So sind beide Hauptdarsteller Laienschauspieler. Sie stammen tatsächlich aus Peshawar. Vor Beginn der Dreharbeiten hatten beide Pakistan in ihrem ganzen Leben noch nicht verlassen. Das Filmteam besorgte ihnen gefälschte Visa.
Winterbottom begab sich mit ihnen auf eine monatelange Odyssee. Ohne festes Drehbuch schickte er sie in diverse brenzlige Situationen. Gefilmt wurde überwiegend mit einer versteckten digitalen Kamera.
Die Idee zu dem Film kam dem Regisseur bei den letzten Wahlen in Großbritannien. Alle etablierten Parteien hetzten damals gegen illegale Einwanderer. Daher beschloss Winterbottom, deren Schicksal zu beleuchten. Nach dem 11. September 2001 sah er sich in seiner Idee noch bestärkt. Der Angriffskrieg des Westens gegen Afghanistan hatte die Flucht hunderttausender Menschen zur Folge.
Gezielt wählte Winterbottom für seinen Film afghanische Flüchtlinge aus, um zu verdeutlichen, dass man "nicht sagen kann, hier ist ein politischer Flüchtling und dort ist ein Wirtschaftsflüchtling. Das sind Definitionen, mit denen man versucht, Unterschiede zu schaffen, die in der Realität nicht existieren". Einerseits gab die britische Regierung 7,9 Milliarden US-Dollar für den Krieg aus. Anderseits hetzte sie weiter gegen Menschen, die unter lebensbedrohlichen Bedingungen versuchen, ihren katastrophalen Lebensbedingungen, für die vor allem die westlichen Konzerne und Regierungen verantwortlich sind, zu entfliehen.
Ein spannender Film, der verdeutlicht, dass auch in Europa die Menschenrechte jeden Tag außer Kraft gesetzt werden.

von Marcel Bois

Linksruck Nr. 163, 15. Oktober 2003

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