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Das Gesicht der Zukunft

In der Schule lernen wir, dass Geschichte von großen Menschen gemacht wird: von Königen, Generälen, Herrschern. Ich erinnere mich daran, gelernt zu haben, dass Kleopatra in Milch badete. Der Lehrer hat uns jedoch nie erzählt, wer die Milch produzierte und wie viele ägyptische Kinder aus Mangel an Milch an Unterernährung litten.
Im Gegensatz dazu macht Marx deutlich, dass das Entscheidende der Geschichte das Handeln von Millionen Menschen ist: "Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, aber unter Bedingungen, die sie nicht selbst ausgesucht haben.”
Die Betonung der Selbstaktivität der Menschen unterscheidet Marx von vielen seiner selbsternannten Erben. Marx steht für einen Sozialismus von unten.
Sowohl der stalinistische "Sozialismus” als auch der sozialdemokratische "Sozialismus” sind ein Sozialismus von oben. Beim Stalinismus ist das offensichtlich. Wenn Stalin niesen musste, hatte jedes Parteimitglied sein Taschentuch hervorzuholen.
Sozialdemokratischer "Sozialismus” sieht oberflächlich gesehen demokratisch aus, ist in Wirklichkeit aber vollkommen elitär. Vom kleinen Mann und der kleinen Frau auf der Straße wird erwartet, dass sie alle vier oder fünf Jahre bei Parlamentswahlen ihr Kreuz machen und den Rest anderen überlassen. Wenn jemand zehn Mal in seinem Leben wählt, kommt er somit insgesamt vielleicht auf 30 Minuten demokratisches Handeln. Abraham Lincoln sagte einmal: "Keine Gesellschaft kann halb frei und halb versklavt existieren.” Die sozialdemokratischen Führer erwarten von der Masse der Menschen, dass sie ein Leben lang in der Sklaverei und eine halbe Stunde in der Demokratie leben.
Kapitalismus bedeutet Sklaverei, weil diejenigen, die arbeiten, keine Produktionsmittel besitzen, während diejenigen, die die Produktionsmittel besitzen, nicht arbeiten.
Im Kapitalismus verläuft die Produktion gesellschaftlich – Arbeiter arbeiten in großen Betrieben wie Fabriken, Eisenbahnen, Krankenhäusern. Die Produktion ist gesellschaftlich, aber das Eigentum ist es nicht. Das Eigentum und die Aneignung des Reichtums liegen in den Händen einiger Individuen, kapitalistischer Großkonzerne oder Staaten.
In jeder einzelnen Produktionseinheit findet Planung statt. Aber es gibt keinen Plan, der die unterschiedlichen Kapitaleinheiten koordinieren könnte. Bei VW werden pro Auto ein Motor, eine Karosserie und vier Räder produziert, das heißt es existiert eine Koordination zwischen den verschiedenen Abschnitten der Produktion. Aber es gibt keine Koordination zwischen der Produktion bei VW und der bei General Motors. Planung und Anarchie sind im Kapitalismus zwei Seiten derselben Medaille.
Aufgrund der unglaublichen Dynamik und Produktivität des Kapitalismus bei gleichzeitiger Anarchie sehen wir uns dem Phänomen von Armut inmitten des Überflusses gegenüber. Tausende Jahre lang starben Menschen an Hunger, da es nicht genügend Lebensmittel gab. Der Kapitalismus ist das einzige Gesellschaftssystem, in dem Menschen an Hunger sterben, obwohl es zu viele Lebensmittel gibt. In den USA werden spezielle Boote für den Getreidetransport gebaut, die den Boden öffnen und das Getreide versenken können, um die Getreidepreise hochzuhalten.
Armut und Reichtum nehmen so extreme Ausmaße an wie noch nie zuvor in der Geschichte. Es ist ausgerechnet worden, dass 358 Multimilliardäre soviel besitzen, wie die Hälfte der Menschheit verdient. Diese Hälfte der Menschheit umfasst nicht nur die sehr Armen, sondern auch die vergleichsweise Wohlhabenden.
Im Feudalismus hat der Feudalherr die Leibeigenen ausgebeutet und unterdrückt, um sich selbst ein möglichst angenehmes Leben zu ermöglichen. Marx fasste dies mit den folgenden Worten zusammen: "Die Magenwände des Feudalherren setzen der Ausbeutung der Leibeigenen Grenzen.” Was die Ford-Besitzer dazu motiviert, die Arbeiter auszubeuten, ist nicht ihr Konsumbedürfnis. Falls das der Fall wäre, würden die Kapitalisten eine recht leichte Last sein. Ford beschäftigt weltweit 250.000 Arbeiter. Wenn jeder von ihnen täglich nur eine Mark an Mehrwert abdrücken würde, könnten die Ford-Besitzer davon ein verschwenderisches Leben führen.
Aber der Antrieb für die Ausbeutung der Arbeiter ist nicht der Konsum des Kapitalisten, sondern die Kapitalakkumulation. Um in der Konkurrenz mit General Motors bestehen zu können, muss Ford die Fabriken immer wieder aufrüsten und so immer mehr Kapital investieren. Die andere Seite der anarchischen Konkurrenz zwischen den Kapitalisten ist die Tyrannei, unter der die Arbeiter in jeder kapitalistischen Produktionseinheit zu leiden haben.
Uns wird erzählt, dass der Staat über der Gesellschaft stehe, dass der Staat die Nation repräsentiere. Das Kommunistische Manifest macht klar, dass der Staat ein Instrument der herrschenden Klasse ist: "Die moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet.”
An anderer Stelle schreibt Marx, dass der Staat aus Formationen bewaffneter Menschen bestehe – aus Armee, Polizei, den Gerichten und Gefängnissen.
Um die Kapitalisten zu enteignen, muss die Arbeiterklasse die politische Macht erobern. Wie Marx argumentierte, können die Arbeiter aber nicht einfach die bestehende Staatsmaschinerie übernehmen, da der gegenwärtige Staat die hierarchische Struktur des Kapitalismus widerspiegelt. Die Arbeiter müssen diese hierarchische Staatsmaschine zerschlagen und sie durch einen Staat ohne stehendes Heer und losgelöste Bürokratie ersetzen. Alle Beamten werden dann gewählt und können jederzeit abgesetzt werden; kein Repräsentant verdient mehr als die Arbeiter, die er vertritt. Zu diesem Schluss kam Marx, nachdem er die Ereignisse der Pariser Kommune 1871 verfolgt hatte, in denen die Arbeiter genau das verwirklichten. Im Kommunistischen Manifest heißt es: "Alle bisherigen Bewegungen waren Bewegungen von Minoritäten oder im Interesse von Minoritäten. Die proletarische Bewegung ist die selbständige Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl.”
Marx erklärte, warum wir eine Revolution brauchen: Zum einen wird die herrschende Klasse ihren Reichtum und ihre Macht nicht aufgeben, ohne dass sie dazu gezwungen wird. Zum anderen wird die Arbeiterklasse ihre alten Ideen nicht ohne Revolution loswerden.
Der Kapitalismus vereinigt und spaltet die Arbeiter zur gleichen Zeit. Die Konkurrenz um die wenigen Jobs oder Wohnungen spaltet die Arbeiter - der Kampf gegen die Bosse vereinigt sie. Die Revolution ist keine Sache von einer Nacht, sondern ein Prozess – mit Streiks, Demonstrationen etc., der in der physischen Übernahme der Macht durch die Arbeiter gipfelt.
Der wichtigste Aspekt der Revolution sind die Veränderungen in den Köpfen der Arbeiterklasse. Um ein Beispiel zu nennen: Unter dem Zarismus in Russland wurden die Juden grausam verfolgt: Es gab Pogrome gegen Juden, es war ihnen nicht erlaubt, ohne Genehmigung in den wichtigsten Städten St. Petersburg und Moskau zu leben, und es gab eine Reihe weiterer Diskriminierungen. Mit der Revolution 1917 ändert sich das: Der Vorsitzende des Petersburger Sowjets, Trotzki, war ein Jude. Der Vorsitzende des Moskauer Sowjets, Kamenew, war Jude. Der Vorsitzende der Sowjetrepublik, Swerdlow, war Jude.
Die Widersprüche des Kapitalismus sind heute tiefer als sie es bei Marx´ Tod im Jahre 1883 waren. Widersprüche, die in tiefen Wirtschaftskrisen und den nicht enden wollenden Kriegen in zahlreichen Ländern sichtbar werden. Die Arbeiterklasse ist heute viel mächtiger als 1883. Heute ist allein die Arbeiterklasse Südkoreas größer als es die weltweite Arbeiterklasse in Marx` Todesjahr. Dabei ist Südkorea lediglich die elft stärkste Wirtschaftsnation der Welt. Wenn man dazu die Arbeiter Amerikas, Japans, Russlands, Deutschlands, Großbritanniens und so weiter zählt, wird klar, dass das Potential für den Sozialismus heute größer ist als jemals zuvor.

von Tony Cliff

Linksruck Nr. 167, 10. Dezember 2003

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